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Auf Knopfdruck zum eigenen Sender

Es ist ein normaler Donnerstagnachmittag in New York. Plötzlich gibt es einen lauten Knall, meilenweit ist er noch zu hören. Menschen schreien auf der Straße, rennen weg vom Gebäude. In kurzer Zeit steigt Rauch aus einem Haus in der Second Avenue. Die gesamte Straße wird von Fahrzeugen blockiert. Noch bevor die Medien die Unglücksstelle erreichen können, schauen Menschen aus der ganzen Welt zu, was in Manhattan passiert – mithilfe eines Video-Streams, der das Geschehen über das Internet live in die Welt überträgt.


Mobile Berichterstattung bei Katastrophen

Andrew Steinthal hat den Stream online gestellt und war bereits am Ort, bevor die Hilfskräfte sich ihren Weg durch New Yorks Rush Hour kämpfen konnten. Er zögerte nicht lange und startete die Applikation (App) Periscope. Von da an streamte er alles, was vor seinen Augen passierte.

Streamen bezeichnet eine Echtzeitübertragung von Musik oder Videos, ohne dass der Zuhörer oder Zuschauer die Dateien vorab heruntergeladen hat. Alles passiert live. Andrew Steinthal filmte das Gebäude, schwenkte auf die Menschen, die voller Entsetzen aufs Haus starrten. Zum Schluss richtete er die Smartphone-Kamera auf sich und sagte, wie schlimm dort alles zuginge. Dann schaltete er seinen Stream aus, kappte damit auch die Verbindung zu seinen Zuschauer, die mittlerweile aus der ganzen Welt dazu geschaltet haben.

Streaming: Das nächste große Ding?

Das war im März dieses Jahres. Genau in diesem Monat schlug auch die Geburtsstunde der Live-Streaming Apps. Angefangen hat es mit Meerkat bei der diesjährigen „South by Southwest“ (SXSW), einer Fachausstellungen für die Bereiche Musik, Film und Interaktion in Austin. Periscope folgte Meerkat und wurde für jedermann veröffentlicht. Schon auf der Messe wurden Stimmen laut, die „vom nächsten großen Ding“ gesprochen haben. Den Apps wurde das Potenzial zugesprochen, die Medienwelt grundlegend zu verändern. Experten sprachen im März sogar von einem „Boom“.

 



„Bislang ist der Boom noch nicht da, es kann aber einer werden“, sagt App-Experte Markus Burgdorf. Mithilfe der Applikationen könne jeder Einzelne zum Sender werden. Ein Knopfdruck genüge und schon sei man online. Was aufgezeichnet wird, ist das hier und jetzt. Ganz aktuell und live. Und das lockt die Zuschauer an.

Gestreamt wird fast alles

Dabei ist Streaming keineswegs neu. „Angefangen hat der Trend bereits vor Jahren, als immer mehr Webcams verkauft wurden und immer mehr Computernutzer über Webcam zu kommunizieren begannen“, so Burgdorf. Skype, Youtube oder die Streaming-Plattform Twitch für Videospiele wurden schnell zu Größen. Für jeden Nutzer gab es schnell den passenden Streaming-Dienst.

Fotoserie

Ein Tag auf Periscope

zur Fotoansicht


Bei den Streaming-Apps Meerkat und Periscope sind die Nutzer so verschieden wie auch die Streams. Gefilmt wird fast alles. „Das ist ganz unterschiedlich. Es kann die Entscheidungshilfe beim Klamottenkauf sein, das heimliche Filmen eines Boxkampfes, der Live-Bericht von einer Demo oder das mehr oder minder sinnbefreite Herumplaudern in einem Londoner Straßencafe“, so Burgdorf.

Smartphone statt Kamerateam

Doch Streamer nutzen die Apps nicht nur für Banalitäten. Immer mehr Journalisten entdecken die Apps für sich und ziehen einen Nutzen daraus. Der Vorteil: Bevor die Übertragungswagen samt Kameramännern an den Ort des Geschehens kommen, zücken mobile Reporter einfach ihr Smartphone und streamen los.

So geschehen auch im Mai beim Finale der Casting-Show „Germany? Next Topmodel“. Eine Bombendrohung ging bei den Veranstaltern ein und die Live-Show musste abgebrochen werden. Via Periscope streamte ein BILD-Redakteur das Geschehen in der Mannheimer SAP-Arena. Binnen Minuten schalteten sich zahlreiche Zuschauer in den Stream des Journalisten.

Aus Künstlerportal wird Anziehungsmagnet für Kinder

Werden Meerkat und Periscope vorwiegend von Journalisten, Politikern oder Berühmtheiten genutzt, gibt es einen Streaming-Dienst, der eine ganz andere Zielgruppe anspricht. YouNow war 2011 eigentlich als Plattform online gegangen, die Musiker und andere Kreative für ihre Karriere nutzen sollten. Im Gegensatz zu YouTube, das damals viele Künstler nutzten, sind bei YouNow alle Videos ungeschnittene Live-Streams.

Screenshot aus YouNow


Neben dem Stream gibt es ein Chatfenster über das Streamer und Zuschauer kommunizieren können. Doch schnell entwickelte sich das Portal zur Experimentierbörse für Kinder und Jugendliche, die sich online selbst darstellen. Für sie ist die Plattform der Renner, für Jugendschützer eine Katastrophe.

YouNow: Gefahr für Kinder

„Bei der Nutzung gehen Kinder und Jugendliche oft zu freigiebig mit persönlichen Daten um“, sagt Katja Knierim von „jugendschutz.net“. Diese Unmittelbarkeit könne dazu verleiten, auf Rückfrage von Zuschauern persönliche Daten herauszugeben. Schließlich seien die Streams öffentlich zugänglich und von jedem Internetnutzer einsehbar. Auch Bayerns Familienministerin Emilia Müller warnt vor Diensten wie YouNow: „Die neuen Videodienste bergen die Gefahr von Mobbing, sexueller Belästigung und der Preisgabe persönlicher Daten.“

Streamen fürs Selbstbewusstsein

Der 18-jährige Tarkan Günay ist vollkommen anderer Meinung. Er streamt seit vier Monaten auf der Plattform und findet daran nichts verkehrt: „YouNow ist nicht so schlimm, wie jeder sagt. Die Medien übertreiben einfach“, so der Fachabiturient aus dem Vogelsbergkreis in Hessen. Wenn er nicht nur einfach so vor der Kamera sitzt und mit den Zuschauern kommuniziert, macht der junge Streamer ganze Showprogramme. In denen ruft er beispielsweise fremde Leute an, eine Art Telefonstreich also.

Den Zuschauern gefällt das, was er macht. In den Kommentaren lassen sich vermehrt Mädchen finden, die ihn für seine Streams loben, sogar schon anhimmeln. Liebesbekenntnisse seiner weiblichen Fans sind keine Seltenheit. Das bestärkt Tarkan darin, mit dem Streamen weiterzumachen: „Das Streamen steigert das Selbstbewusstsein und man kann seinen Talenten freien Lauf lassen.“

So sieht ein Sonnenuntergang auf Periscope-Stream aus: 




Live-Piraterie wird zum Problem

Doch nicht nur YouNow steht in der Kritik. Auch Periscope und Meerkat zeigen, dass längst nicht alles rechtens ist, was dort in den Streams passiert. Einen großen Aufschrei gab es im April, als eine neue Folge der weltweit beliebten Serie „Game of Thrones“ über die Streaming-Dienste gezeigt wurde, während sie parallel ausschließlich im Bezahl-Fernsehen lief. Im Mai dann schon der nächste Skandal. Für den Boxkampf von Floyd Mayweather gegen Manny Pacquiao mussten Pay-TV-Nutzer in den USA hundert Dollar bezahlen, Sky-Kunden hierzulande immerhin 30 Euro. Doch es gab den Kampf auch kostenlos zu sehen - und zwar über Periscope. „Live-Piraterie“ sagen Experten dazu.

„Die Apps weisen in keinster Weise auf mögliche Rechtsverletzungen hin“, sagt Medienrechtler Tobias Röttger. Die Technik sei nicht das Problem, problematisch sei nur, was man damit mache. Und in dieser Hinsicht werden Benutzer der Apps alleine gelassen: „Einen Medienführerschein gibt es nicht“, so der Jurist.

Der große Boom bleibt bisher aus

Vielleicht ist deswegen noch nicht „vom großen Boom“ zu sprechen. Bei den deutschen Apple Store-Platzierungen reihen sich die Live-Streaming Apps ganz hinten ein. YouNow auf Platz 360, Periscope auf Platz 370 und Meerkat ist unter 500 Platzierungen gar nicht zu finden. „Es braucht etwas Zeit, bis sich herumgesprochen hat, dass es diese neue Form des Live-Streamings gibt“, sagt App-Experte Markus Burgdorf.

Dass es derzeit vor allem in Deutschland an Live-Beiträgen mangelt, sehe er nicht als Problem: „Ich denke, dass wir hier erst am Anfang einer Entwicklung stehen.“ Die Zukunft der Live-Streaming-Dienste ist also noch ungewiss. App-Experte Markus Burgdorf dazu: „Es bleibt also spannend und noch ist alles offen.“

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