WÜRZBURG

„Die Täter können kein Mitgefühl zu ihrem Opfer aufbauen“

Diffamierung, Belästigung, Nötigung – all das gab es unter Schülern wohl schon immer. Während sich Mobbing früher meist auf den Schulhof beschränkte, findet es heute im Internet statt und hat so eine völlig neue Dimension erreicht. Cyber-Bullying heißt das bisher wenig erforschte Phänomen, das als eine Ausprägung von Cyber-Mobbing – dem Mobbing im Internet – gilt. Wir haben mit Slawomir Siewior, dem Autor der ersten umfassenden deutschsprachigen Studie zu Cyber-Bullying, gesprochen: über niedere Instinkte und die Sinnlosigkeit von Verboten.

Frage: Gemeinheiten unter Kindern und Jugendlichen gibt es seit jeher – warum ist Cyber-Bullying besonders schlimm?

Siewior: Schon eine einzige Tat kann das ganze Leben verändern. Wenn das peinlichste Erlebnis, das man in seiner Jugend hatte, fotografiert oder gefilmt wurde und im Internet kursiert, verfolgt es einen unter Umständen das ganze Leben.

Was treibt die Täter an – fördert das Netz die niederen Instinkte im Menschen?

Siewior: Konrad Lorenz hat 1974 den Begriff des Cockpit-Effekts aufgebracht: Im Zweiten Weltkrieg gab es Kampfbomber-Flieger, die, um eine Bombe abzuwerfen, nur einen Knopf drücken mussten. Sie haben das Leid, das sie mit ihrer Handlung ausgelöst hatten, nicht gesehen. Ähnlich ist es beim Cyber-Mobbing: Der Täter sieht die Reaktion seines Opfers nicht – und baut so kein Mitgefühl auf. Beim Schulhof-Mobbing erkennt der Täter leichter, dass er etwas Schlimmes macht; er hört also eher damit auf. Im Internet hat der Täter außerdem keine Kontrolle mehr darüber, wie sich seine Gerüchte weiterverbreiten.

Warum gehen Jugendliche zum Teil so unvorsichtig mit ihren Daten um?

Siewior: Der US-Psychologe David Walsh erklärt dies damit, dass der präfrontale Kortex (Kontrollzentrum im Gehirn, in dem Signale aus der Außenwelt mit bereits gemachten Erfahrungen abgeglichen werden und nach richtigen Reaktionsmöglichkeiten gesucht wird, Anmerkung der Red.) bei Jugendlichen noch nicht vollständig entwickelt ist. Dieser Stirnlappen ist unter anderem für die Gefahrenabschätzung zuständig, weswegen sich Heranwachsende leicht in schwierige Situationen bringen. Ein Beispiel: Sie verschicken ein Nacktfoto von sich, denken aber, dass es keine negativen Folgen für sie haben wird.

Wie könnte man Jugendliche aufklären?

Siewior: Stichwort Medienkompetenz: Schülern sollte vermittelt werden, dass es Probleme geben kann, wenn man zu freizügig mit seinen Daten umgeht. Fast jede Schule hat heute eine Bullying-Agenda, in der steht, dass man andere nicht beleidigen soll, etc. Diese Liste müsste um den Punkt Cyber-Bullying erweitert werden. Auch ein gutes Schulklima ist hilfreich: Wenn Lehrer mit Schülern über Zivilcourage reden, konkrete Fälle behandeln und Rollenspiele machen, gibt es nachweislich weniger Bullying-Fälle.

Wäre es nicht am einfachsten, Handys an der Schule komplett zu verbieten?

Siewior: Im Unterricht sollten Handys ausgeschaltet sein. Ansonsten halte ich nichts von Verboten. Die Schüler müssen lernen, damit umzugehen. Es gibt aber die Möglichkeit, Foto- und Videofunktion von Smartphones für eine bestimmte Zeit zu sperren – etwa während eines Schullandheimaufenthalts.

Und zu Hause?

Siewior: Oft liest man in Eltern-Ratgebern, man solle den PC ins Wohnzimmer stellen, damit man überwachen kann, was das Kind online macht. Ich denke, diese Kontrolle ist nicht hilfreich. Man sollte Kindern lieber zeigen, wie man gut mit dem Internet umgeht. Auch von einem Facebook-Verbot halte ich nichts. Soziale Netzwerke gehören heute zum Leben eines Jugendlichen dazu; er muss wissen, wie er sich darin bewegt.

Es gibt ja auch den Fall „Schüler mobbt Lehrer.“

Siewior: Diese Situation ist für Lehrer ganz schwierig: Man weiß, jemand an der Schule verbreitet Negatives über einen. Vielleicht hat man einen Verdacht, kann ihn aber nicht beweisen. Der psychische Druck, trotzdem vor die Klasse zu treten und normal zu handeln, ist enorm. Viele ältere Lehrkräfte verstehen außerdem die Dynamik sozialer Netzwerke gar nicht, da ist es besonders schlimm.

Was sollte man in so einem Fall tun?

Siewior: Den Lehrer bloß nicht aus der Klasse nehmen. Sonst würden die Schüler merken: Ich muss nur mobben, dann passiert schon etwas. Oft handelt es sich um eine Explosion, durch die der Schüler etwas loswerden will – etwa, wie er die Lehrmethoden des Lehrers findet. Dem könnte man vorbeugen, indem man den Unterricht evaluieren lässt.

Slawomir R. Siewior wurde 1987 in Tichau, Polen, geboren und hat an der Universität Würzburg Lehramt für Realschule studiert. Seit September 2012 ist er Referendar an der Johann-Rudolph-Glauber Realschule in Karlstadt (Lkr. Main-Spessart). Siewior ist Autor der Studie „Cyber-Bullying“, erschienen im Ergon Verlag, 2012.

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