WÜRZBURG

Lernen 2.0 – experimentieren erlaubt

Digitale Lernhilfen Lernen an Computer, Tablet und Smartphone hält Einzug in den Unterricht. Doch wann ist das wirklich sinnvoll?
Digitale Lernhilfen: Um das Internet und digitale Technologien sinnvoll nutzen zu können, braucht es Wissen und Fertigke... Foto: thinkstock

Wann ist der Einsatz von digitalen Lernhilfen sinnvoll? Das erklärt Professor Hans-Georg Weigand im Interview. Der Lehrstuhlinhaber für Didaktik der Mathematik an der Universität Würzburg beschäftigt sich mit neuen Technologien beim Lernen in der Mathematik.

Frage: Herr Professor Weigand, beim Lernen am Computer: Da locken doch Spiele und Internet?

Hans-Georg Weigand: Ja, die Ablenkung am Computer ist groß: Lernen statt surfen, dazu bedarf es Eigenverantwortlichkeit, Selbstsicherheit, Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Schüler müssen lernen, verantwortungsvoll mit ihrer Freizeit – und den Medien darin – umzugehen und zu entscheiden, was, wann und wie lange verwendet oder angewendet werden soll.

Bei digitalen Lernhilfen denkt man ja sofort an das Internet. Dort findet man schließlich alles…

Weigand: … aber das genügt nicht, denn im Internet kann man sich schnell verlaufen. Zwischen guten, interessanten und wichtigen Informationen findet sich dort auch zu viel Unsinn. Das Material muss gefiltert sein, um damit sinnvoll arbeiten zu können. Dabei kann der Einzelne aber auch schnell überfordert werden. Unter www.mathematik-digital.de haben wir für verschiedene Jahrgangsstufen Programme gesammelt und so in einer Reihenfolge zusammengestellt, die wir für sinnvoll halten (siehe Infobox).

Was zählt Ihrer Meinung nach noch zu den digitalen Lernhilfen?

Weigand: Ich unterteile digitale Medien in sechs Gruppen: 1. Präsentationsmedien wie Beamer, Interactive Whiteboards (elektronische Tafeln, die an den Computer angeschlossen sind) oder Power Point. 2. Taschenrechner und Taschencomputer mit fest integrierten Mathematikprogrammen. 3. Interaktive Arbeitsmittel wie beispielsweise eine spezielle Geometrie-Software sowie Tabellenkalkulation und Computer-Algebra-Systeme, die auf Laptops, Tablets oder auch Smartphones verwendet werden. 4. Anschauungsmittel wie Filme und Bilderfolgen für Laptops, Tablets und Smartphones 5. Lern- und Übungsprogramme auf CD und im Internet, mit denen man im individuellen Studium Lerninhalte nachholt oder wiederholt. 6. Zuletzt ist das Internet selbst eine Lernhilfe, denn hier finden sich Visualisierungen, Erläuterungen und Übungen.

Was ist wichtig beim Lernen mit digitalen Medien?

Weigand: Der Schüler soll nicht nur Zuschauer sein, sondern selbst zum Akteur werden. Lernen ist ein aktiver Prozess. Also müssen Computerprogramme zur Selbstaktivität anregen. Digitale Medien müssen deshalb in Lernumgebungen eingebunden werden, die Fragestellungen aufwerfen, zum Nachdenken anregen und Lernende auffordern, selbst aktiv zu werden. Das fördert nicht nur das Lernen, sondern bietet überhaupt die nötige Motivation. In der Mathematik kann der Lernende beispielsweise mit Hilfe von Programmen geometrische Figuren am Computer zeichnen und diese dynamisch verändern. Das Programm lädt also zum Experimentieren ein.

Wann ist der Einsatz von digitalen Lernhilfen sinnvoll?

Weigand: Technologie sollte dann eingesetzt werden, wenn sie sinnvoll ist, sie sollte im richtigen Maße dosiert, und es sollten die richtigen Programme genutzt werden. Lernprogramme ersetzen nicht die Schule. Lernen mit Technologie muss in das traditionelle Lernen eingebunden sein. Anregungen von anderen, Fragen stellen und gestellt bekommen, Gespräche usw. bilden den Rahmen für einen sozialen Prozess, in dem Lernen stattfindet und in denen auch mit digitalen Technologien gearbeitet wird. Dies wird ergänzt durch das Arbeiten mit Programmen und digitalen Schulbüchern alleine zu Hause, das insbesondere dann sinnvoll sein kann, wenn man sich auf eine Prüfung vorbereitet oder wegen Krankseins Schulstoff versäumt hat.

Was ist die Gefahr beim Lernen mit digitaler Unterstützung?

Weigand: Dass das eigene Denken, die Fähigkeit des Kopfrechnens und der Kopfgeometrie vernachlässigt werden. Diese Fähigkeiten bleiben auch im Zeitalter der digitalen Technologien wichtig. Zum Beispiel ist es äußerst wichtig, die Plausibilität von Ergebnissen überprüfen und Vermutungen aufstellen, bestätigen oder widerlegen zu können sowie bei Zahlen Größenordnungen abschätzen und erhaltene Ergebnisse in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können. Das sind zentrale Fähigkeiten, ohne die ein sinnvoller Einsatz digitaler Technologien nicht möglich ist.

Ein digitaler Helfer in der Schule sind die Interactive Whiteboards. Fördern sie das Lernen?

Weigand: Technologien für sich sind weder gut noch böse, weder sinnvoll noch unsinnig oder sinnlos. Es kommt immer auf die Einordnung in den Kontext an. Das alleinige Vorhandensein des Interactive Whiteboards ist noch kein Mehrwert. Die richtige Art und Weise des Einsatzes dieser Technologie ist das Ausschlaggebende. Wenn das Whiteboard nur als Ersatz für eine herkömmliche Tafel verwendet wird, bringt das keinen Gewinn. Wenn aber die sich bietenden Möglichkeiten ausgeschöpft werden, wenn beispielsweise Lehrer und Schüler interaktiv damit arbeiten, wenn die elektronischen Tafelbilder abgespeichert und – über das Internet – Schülern zu Hause zur Verfügung gestellt werden, oder wenn Schüler Hausaufgaben so anfertigen, dass sie Grundlage für die Weiterarbeit am Interactive Whiteboard im Klassenraum sind, dann kann sich dadurch eine neue fruchtbare Lernsituation im Unterricht ergeben. Hier ist der Lehrer gefordert, der sich auf diese neue Technologien einlassen muss. Das erfordert zum einen das Beschäftigen mit der Technik, zum anderen müssen aber auch didaktische Konzepte studiert, bewertet, adaptiert und im Unterricht umgesetzt werden. Das alles ist ein längerfristiger Prozess.

Alles wird kleiner – bringt das die Zukunft?

Weigand: Ja, die Miniaturisierung der Geräte wird weiter fortschreiten und die Mobilität wird weiter steigen. Tablet-Computer werden in der Schule zu einem normalen Lernmittel werden. Schon heute werden Smartphones – die immer stärker als Tablet oder Kleincomputer anzusehen sind – als Nachschlagewerke verwendet und Unterrichtssoftware ist darauf lauffähig. Sie werden außerhalb der Schule zu ständig verfügbaren Medien. Sie werden verstärkt auch im Unterricht und Prüfungen eingesetzt. Dazu wird es bald auch technische Möglichkeiten geben, die Smartphones im Klassenzimmer von der „Außenwelt“ abzukoppeln und nur die Programme zuzulassen, die im Unterricht benötigt werden. Die entscheidende Frage ist die nach den Möglichkeiten für ein besseres Lernen, und die Antwort muss fortwährend – mit jeder neuen Technologie – auch neu beantwortet werden. Eigenständiges Denken, Kreativität, Flexibilität werden aber dabei die zentralen Voraussetzungen für einen sinnvollen Umgang damit sein.

Mathematik digital

Die Linkdatenbank findet sich unter www.mathematik-digital.de und bietet nach Klassenstufen und Lehrplanthemen geordnet eine Zusammenstellung empfehlenswerter Internetseiten für den Mathematikunterricht. Diese stellen Hilfen für Lehrer bei der Unterrichtsvorbereitung dar, und sie sollen Schülern helfen, zielgerichtet und selbstständig arbeiten können. Zudem wurden interaktive Unterrichtseinheiten, sogenannte digitale Lernpfade, erstellt, die für verschiedene Themenbereiche Texte, interaktive Applets und dynamische Arbeitsblätter über das Internet bereitstellen. Entwickelt wurde die Datenbank von Professor Hans-Georg Weigand in Zusammenarbeit mit einer Gruppe an Lehrern unterfränkischer Realschulen und Gymnasien sowie Schulen aus Österreich. Text: jsch

Professor Dr. Hans-Georg Weigand von der Universität Würzburg Foto: Weigand

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