WÜRZBURG

Nur regionale Lebensmittel auf den Tisch?

Warum müssen es Erdbeeren aus China sein, wenn bei uns die Äpfel unter den Bäumen verfaulen? Das fragen Leser unserer Zeitung, nachdem klar ist, dass die Durchfallerkrankung bei etwa 11 000 Kindern und Jugendlichen in mehreren Bundesländern auf verunreinigte Erdbeeren zurückzuführen sind, die der Kantinenlieferant Sodexo aus China importiert und an Schulküchen verkauft hatte.

Annegret Hager, Ökotrophologin beim Verbraucherservice im Katholischen Deutschen Frauenbund in Würzburg und Biobäuerin, mahnt zur Gelassenheit: „Essen muss nicht immer saisonal sein.“ Sommerfrüchte für den Winter zu konservieren ist seit alters her üblich. Wichtiger ist ihr die Qualität. Und die könnten Verbraucher nur durch überschaubare Vermarktungsstrukturen finden und unterstützen. Für Großkantinen seien niedrige Einkaufspreise lukrativ. Dass trotz Kühlung und Transport Ware aus Fernost billiger sei als einheimische, liege an den für Importeure günstigen aber für die Produzierenden verheerenden Arbeitsbedingungen, sagt Hager. „Hoffentlich rüttelt die Erdbeergeschichte die Leute wach.“

Dabei seien die Kosten für die Zutaten weder für Großküchen noch für Verbraucher das wirkliche Problem, sagt Gerd Sych von Slow Food Mainfranken-Hohenlohe. Auch mit regionalen Produkten sei ein Kantinenessen günstig zu kochen. Zeit und Arbeit müssten allerdings investiert werden, um Lieferanten zu finden, Logistikstrukturen aufzubauen und Überzeugungsarbeit zu leisten. Er könne deshalb auch den Küchenchef verstehen, der auf Großlieferanten zurückgreift.

Keine Fertigprodukte, nur Frisches und gerne bio kommt bei Annette Becker auf die Tische im Hermann-Staudinger-Gymnasium in Erlenbach am Main (Lkr. Miltenberg). Die Elternbeirätin übernahm vor sechs Jahren die Küche und kündigte dafür kurzerhand ihre Arbeit als Journalistin. Regional ist ihr bei der Produktauswahl wichtiger als die Kosten. Sie bestätigt Gerd Sych. Durchschnittlich 200 Essen gibt sie am Tag aus zu je drei bis 3,50 Euro, je nachdem, ob Fleisch dabei ist oder nicht.

In Bayern schwanken die Preise für ein Schul-Essen zwischen knapp drei und vier Euro, liest Marion Begerau aus einer Studie der TU München. Die Ernährungswissenschaftlerin betreut die Vernetzungsstelle Schulverpflegung im Landwirtschaftsamt und beschreibt, wie in unterfränkischen Schulmensen das Essen auf den Tisch kommt: frisch gekocht etwa vom Metzger vor Ort oder einem größeren Unternehmen oder gekühlt zum Aufwärmen. Die Vernetzungsstellen gibt es seit 2008 bundesweit, weil durch Ganztagsangebote in den Schulen der Bedarf an Mittagsverpflegung steigt.

Als wichtiges Bildungsthema sieht Klaus Lotter, Leiter der Bad Kissinger Sinnberg-Volksschule die Mensaernährung. So sollen spezielle Frühstücksangebote die Schüler dafür sensibilisieren, dass ihre Ernährung Bedeutung für das Klima hat. Und in der Küche sollen regionale Produkte wichtiger werden. Deshalb lässt sich die Schule von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung anleiten. Auch Annette Becker sieht Erziehung zum guten Geschmack als ihre Aufgabe. „Die Jugendlichen sollen sich in der Mensa wohlfühlen, eine vernünftige Ernährung kennenlernen und etwas fürs Leben mitnehmen.“ Etwa, dass es wichtig ist, unter welchen Bedingungen das Essen produziert wurde.

Freilich gebe es auch bei regionalen Produkten keine Garantie dafür, dass sie hygienisch einwandfrei hergestellt wurden, sagt Annegret Hager. Und es ist unklar, was als heimische Region gelten kann. Annegret Hager machte auf ihrem Biohof die Erfahrung: Wer das Gesicht des Lebensmittel-Produzenten kennt, isst jedenfalls mit besonderem Behagen.

Untersuchung zur Mensaernährung

Die Schulverpflegung in Bayern untersuchte die Münchner TU und stellte dabei fest, dass es Elternbeiräten wichtig ist, dass regionale und saisonale Produkte in den Mensen verarbeitet werden. Marion Begerau von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung Unterfranken liest daraus, dass 90 Prozent der Elternbeiräte den Einsatz regionaler und saisonaler Lebensmittel wichtig finden, während nur für 58 Prozent ein günstiger Preis von Bedeutung ist.

Acht von zehn Schulen haben laut der Untersuchung schon mehr als 25 Prozent Regionales im Angebot. 41 Prozent der Schulen werden von lokalen Catering-Unternehmen wie Metzgereien und Restaurants beliefert. An 50 Prozent der unterfränkischen Schulen kostet ein Mittagessen weniger als drei Euro.

Befragt wurden 2008 bis 2010 für die Studie im Auftrag des bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Schulleitern, Schülersprecher, Elternbeiräte und Betreiber von Schulverpflegung an 264 Schulen.

Rückblick

  1. Passionsfrucht: Selbst die Kerne kann man essen
  2. Liebstöckel: Gewürz macht Hunger auf mehr
  3. Gesundes Gemüse: In Romanesco steckt viel drin
  4. Was drin steckt: Papayas sind reich an Vitamin C
  5. Gute Sättigung: Kräuterseitlinge sind vielseitig
  6. Heilwirkung: Kurkuma hemmt Entzündungen
  7. Süß und erfrischend: Melonen als Wasserlieferant
  8. Kesselchips: Snack aus ungeschälten Kartoffeln
  9. Würzig und kalorienarm: Staudensellerie hat Saison
  10. Ananas reifen nicht nach: Kalorienarm, aber kein Fettkiller
  11. Schlanker Wasserspender: Gurken sind gut für die Nieren
  12. Heimisches Superfood: Johannisbeeren mit Vitamin C
  13. Schlagkräftiger Stinker: Knoblauch ist stark gegen Keime
  14. Richtig fett: Lachs tut dem Herzen gut
  15. Schlanke Frucht: Auberginen enthalten kaum Kalorien
  16. Kleine Kraftpakete: Eier kann der Körper komplett verwerten
  17. Brunner: „Jeder Betrieb hat Zukunft“
  18. Macht seinem Namen Ehre: Zuckermais ist energiereich
  19. Das verlorene Spargelparadies
  20. Unterfranken und sein Spargel
  21. Sonnenblumenkerne liefern viel Eiweiß
  22. Krampflösend und antibiotisch: Koriander als Heilpflanze
  23. Zuckerschoten sind die feinste Variante der Erbse
  24. Fränkisches Menü zu Ostern
  25. Haselnüsse knapp und teuer
  26. Unruhe bei Beschäftigten von Burger King
  27. BGH überprüft Angaben auf Kinderquark: „Monsterbacke“ vor Gericht
  28. Verwirrung über die neue Lebensmittelverordnung
  29. Fast jeder Dritte will Gesetz gegen vorzeitige Weihnachten
  30. Ökolandbau wächst in Unterfranken
  31. Mindesthaltbarkeitsdatum von Lebensmitteln steht auf der Kippe
  32. Aber das Fleisch ist schwach
  33. „Unser Fleisch wird derzeit oft unter Preis verkauft“
  34. Gegrillte Delikatessen auf Rädern
  35. Wein kommt immer öfter vom Discounter
  36. Mildes Wetter: Spargel 14 Tage früher
  37. Die 79. Grüne Woche lockt mit Lebensmitteln aus aller Welt
  38. Zartbitterer Streit um Schokolade
  39. Die Suche nach dem Superhuhn
  40. Fleisch? Gerne Gutes!
  41. Interview mit "Beef!"-Chefredakteur:
  42. Fleisch? Nein danke!
  43. Foodwatch sucht „dreisteste Werbemasche“ für Kinderlebensmittel
  44. Bis zu 50 000 Tonnen Fleisch stammen möglichweise von Pferden
  45. Chronologie: Der Pferdefleisch-Skandal in Europa
  46. 124 deutsche Betriebe von Pferdefleisch-Skandal betroffen
  47. Tierfutter: Entwarnung, aber Bedenken bei Innereien
  48. Pferdefleischskandal weitet sich aus
  49. Nur regionale Lebensmittel auf den Tisch?
  50. In Franken vergammeln tonnenweise Äpfel

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