WÜRZBURG

„Lesen durch Schreiben“ hat als Methode ausgedient

Der „Fibelunterricht“ führt bei Grundschülern zu deutlich besseren Rechtschreibleistungen als die Methode „Lesen durch Schreiben“. Das haben Psychologen um Professor Una Röhr-Sendlmeier von der Universität Bonn in einer groß angelegten Studie herausgefunden, die im September veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftlerin hat mit einem größeren Team die Rechtschreibleistungen von mehr als 3000 Grundschulkindern aus Nordrhein-Westfalen systematisch untersucht.

Rechtschreibung ohne Korrektur

Die Wissenschaftler verglichen dabei die Rechtschreibleistungen der Kinder, die mit unterschiedlichen Methoden das Schreiben erlernt haben. Der „systematische Fibelansatz“ führt schrittweise einzelne Buchstaben und Wörter ein. Gesprochene Wörter werden unter Anleitung in Einzellaute zerlegt und jeder Laut einem Buchstaben zugeordnet. Fibeln sind so aufgebaut, dass die Kinder die Schriftsprache in einem fest vorgegebenen, strukturierten Ablauf vom Einfachen zum Komplexen erlernen und einen schriftsprachlichen Grundwortschatz aufbauen. Hilfestellungen und Korrekturen durch die Lehrperson gehören dazu. Beim Ansatz „Lesen durch Schreiben“ – von Jürgen Reichen – werden Kinder angehalten, möglichst viel frei zu schreiben – das Lesen soll über das Schreiben mitgelernt werden. Korrekturen falsch geschriebener Wörter sollen unterbleiben, da so die Schreibmotivation der Kinder beeinträchtigt würde.

Fibelgruppe war deutlich überlegen

Die Wissenschaftler der Universität Bonn testeten die Erstklässler kurz nach der Einschulung auf ihre Vorkenntnisse und nachfolgend an fünf weiteren Terminen bis zum Ende des dritten Schuljahres. Die Schüler schrieben dabei Diktate. „Die Fibelgruppe hat sich gegenüber anderen Didaktikgruppen als überlegen erwiesen. Zu allen fünf Messzeitpunkten haben die Fibelkinder bessere Rechtschreibleistungen erbracht“, so das Ergebnis. So machten Kinder, die mit „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wurden, am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Fibelkinder.

Bayern hat jahrelang auf „Lesen durch Schreiben“ gesetzt

Auch Bayern hat jahrelang auf die Methode „Lesen durch Schreiben“ gesetzt und Lehrer vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in dieser Methode schulen lassen. Nach Recherchen dieser Redaktion hat der bayerische Grundschullehrplan seit der Jahrtausendwende auf die neue Methode gesetzt. Nach Recherchen dieser Redaktion wurde im Lehrplan ab dem Jahr 2000 das freie Schreiben mit Hilfe der Anlauttabelle empfohlen. Dies sieht das bayerische Kultusministerium mittlerweile aber anders. „Die Methode ,Lesen durch Schreiben‘ wurde auch im Lehrplan aus dem Jahr 2000 nicht empfohlen. Im Gegensatz zum Lehrplan Plus war im Vorgängerlehrplan jedoch die Aufgabe der Lehrkraft, bereits im Anfangsunterricht auf normgerechte Schreibung zu achten und von Anfang an Rückmeldung hinsichtlich der korrekten Schreibweise zu geben, nicht so deutlich zum Ausdruck gebracht“, teilt das Kultusministerium auf Anfrage mit. Mit Installation des Lehrplans Plus im Jahr 2014 ist das bayerische Kultusministerium zur Richtigschreibung von Beginn an zurückgekehrt.

Schreiben Schüler heute schlechter?

„Ich erinnere mich daran, dass wir an Schulungen teilnehmen mussten, bei denen uns die ,Lesen durch Schreiben‘-Methode quasi eingetrichtert wurde. Wurde der Sinn in Frage gestellt, hat die Referentin aggressiv reagiert“, berichtet Gerhard Bleß. Er ist mittlerweile Vorsitzender des unterfränkischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, war vor gut einem Jahrzehnt aber noch als Lehrer bei den Schulungen dabei. Bleß zufolge hat das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung sehr gläubig auf die vom Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen entwickelte Methode gesetzt. Nach Bleß' Einschätzung hat die Methode zwar durchaus die Kinder zum kreativen Schreiben gebracht; sie hatte aber den Nachteil, dass viele Kinder länger als früher gebraucht haben, um fehlerfrei zu schreiben. Manche Schüler, meint Bleß, beherrschten auch als Studenten die Rechtschreibung nicht. „Ich kenne Hochschullehrer, die sagen, Klausuren heutiger Studenten strotzten nur so von Fehlern.“

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Gisela Rauch
  • Bildungsforschung
  • Lehrpläne
  • Rechtschreibung
  • Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!