Berlin

Grippewellen können gefährlich werden

Grippe-Patient
Eine Grippeinfektion ist alles andere als harmlos: Für die Saison 2016/17 geht RKI von 22.900 Grippetoten aus. Die vergangene Grippewelle könnte noch mehr Opfer gefordert haben. Foto: Maurizio Gambarini

Welche Infektionskrankheit in Deutschland kann innerhalb weniger Monaten mehr als 20.000 Menschen das Leben kosten? Hand aufs Herz: Die wenigsten würden spontan an Grippe denken.

Fieber, Husten, ein paar Tage matt - na und? Das Unterschätzen der Influenza hat Folgen. Besonders im Alter kann Grippe zum Killer werden. Für die Saison 2016/17 geht das Robert Koch-Institut (RKI) von 22.900 Grippetoten aus. „Die vergangene Welle könnte sogar noch darüber liegen”, sagt Forscherin Silke Buda.

Dass sich bisher nur ein Drittel der Senioren in Deutschland gegen Grippe impfen lässt, macht das Problem noch größer. „Das Immunsystem altert mit”, sagt Silke Buda. Wer über 60 ist und vielleicht schon andere Krankheiten hat, ist besonders empfänglich für die Viren. „Mit keiner anderen Impfung lassen sich hierzulande mehr Leben retten”, betont RKI-Präsident Lothar Wieler. Das Gesundheitssystem finanziert die Vorsorge. Die gesetzlichen Kassen gaben nach Angaben der Apothekenorganisation ABDA zuletzt in einer Grippesaison rund 1,2 Milliarden Euro aus - allein für 35 Millionen Dosen Impfstoff.

Doch auch in Krankenhäusern gibt es Impflücken. Nach einer RKI-Umfrage ließ sich in der Saison 2016/17 nur ein Drittel des Pflegepersonals mit dem kleinen Piks immunisieren. Damit ist nicht allein das Ansteckungsrisiko für Schwestern und Pfleger hoch - sie können auch Patienten anstecken. Doch Impfen allein würde noch nicht alle Probleme lösen. Dass Grippe gefährlich werden kann, hat weitere Gründe. Ausgewählte Faktoren:

- Lauernde Gefahr: Vor rund 100 Jahren brachte die „Spanische Grippe” wahrscheinlich mehr Menschen in Europa um als der Erste Weltkrieg. Das ist im kollektiven Gedächtnis jedoch nicht haften geblieben. Auch wenn die Lebensbedingungen heute viel besser sind und es deutlich mehr Medikamente gibt - Grippe-Seuchen (Pandemien) sind weiterhin möglich. Deshalb untersuchen ausgewählte Laboratorien auf der ganzen Welt ständig zirkulierende Influenzaviren und übermitteln Ergebnisse an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Mit diesen Daten legt sie die Zusammensetzung für Impfstoffe jedes Jahr neu fest.

- Erreger: Die Erreger der Influenza sind Viren, die Wissenschaftler in die Typen A, B und C unterteilen. Für Menschen sind die saisonal auftretenden Influenza A- und B-Viren besonders relevant. Sie können durch winzige Tröpfchen - ein Niesen reicht schon - übertragen werden. Tückisch ist vor allem, dass Grippeviren einzelne ihrer Gensegmente schnell verändern können. So entstehen beim Typ A unterschiedliche Subtypen, beim Typ B neue Linien.

- Grippewellen: Die Stärke der Wellen kann von Jahr zu Jahr erheblich schwanken. Früher wechselten sich starke und schwache Saisons oft ab. In den vergangenen Jahren gab es laut RKI mehrere heftige Wellen hintereinander. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) schätzt, dass pro Jahr zwischen einer und sieben Millionen Bundesbürger wegen Grippesymptomen zum Arzt gehen. Im vergangenen Winter lagen die Werte sogar noch darüber - bei geschätzten neun Millionen Besuchen. Bei schweren Grippewellen können in Deutschland mehr als 20.000 Menschen sterben. In milden Saisons ist oft keine vermehrte Sterblichkeit durch Grippe zu belegen.

- Impfstoffe: Für die kommende Grippesaison gibt es von der Ständigen Impfkommission erstmals eine Empfehlung für einen Vierfachimpfstoff - mit jeweils zwei A- und B-Komponenten. Zuvor waren bei Grippewellen in Europa eher A-Subtypen dominant. Deshalb gab es eine Empfehlung für Dreifachimpfstoffe mit zwei A- und einer B-Komponente. Von der „Aufrüstung” gegen B-Viren profitieren nun auch Kassenpatienten. Zuvor hatten häufig nur Privatpatienten Vierfach-Dosen angeboten bekommen.

- Wirksamkeit: Bei einer sehr guten Übereinstimmung mit dem Impfstoff beobachten Forscher bei jungen Erwachsenen eine Schutzwirkung bis zu 80 Prozent. Ältere Menschen können ihr Risiko im Mittel halbieren - die Wirksamkeit liegt dann zwischen 40 bis 60 Prozent. Passen die Komponenten schlecht, kann die Wirksamkeit deutlich niedriger liegen. In der vergangenen Saison, als eine B-Linie (Yamagata) überraschend dominierte, lag der Schutz gegen dieses eine Virus bei der Dreifachimpfung laut RKI bei einem Prozent. Die A-Komponenten aber blieben wirksam. Eine Impfung gilt trotz dieser Unwägbarkeiten als bester Schutz, den es geben Grippe gibt.

- Zielgruppen: Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Grippeimpfung generell Menschen ab 60 Jahren, Bewohnern von Alten- oder Pflegeheimen und Patienten mit chronischen Krankheiten oder Grundleiden jeden Alters. Eine Empfehlung gibt es auch für Schwangere. Der Vorteil ist, dass dann auch das Baby in den ersten Monaten einen Grippeschutz hat. Impfen lassen sollte sich auch medizinisches Personal.

- Zeitpunkt: Auch wenn noch die Sonne scheint: Grippeimpfungen sind im Oktober und November sinnvoll. Nach dem Piks dauert es 10 bis 14 Tage, bis sich der Impfschutz vollständig aufbaut. Die Wellen starten meist im Dezember oder Januar.

Rückblick

  1. Kraft der Frühlingssonne nicht unterschätzen
  2. Wissenswertes rund um die Weisheitszähne
  3. Die Ängste der Deutschen in der Krise
  4. Vorsicht, Zecken-Zeit beginnt
  5. Corona: Ab wann ist man wieder gesund?
  6. Wäsche von Corona-Infizierten mit Vollwaschmittel reinigen
  7. Schonhaltung verstärkt Nackenschmerzen
  8. Wegen Corona nicht auf Notruf verzichten
  9. Robert Koch-Institut ändert Einschätzung zu Mundschutz
  10. Schwangere sollen sich gegen Keuchhusten impfen lassen
  11. Digitaltechnik in der Corona-Krise
  12. Experten: Nach Corona-Infektion wahrscheinlich vorerst immun
  13. Nächster Schritt zur E-Patientenakte
  14. Die zwei Gesichter des Alleinseins
  15. Gesund durch das erste Jahr mit Baby
  16. Folgerezept ohne Vorlage der Gesundheitskarte möglich
  17. Verbraucherschützer warnen vor falschen Corona-Tipps
  18. Geburt ohne Partner: Worauf Frauen jetzt vertrauen können
  19. Fünf Tipps zur Corona-Krise für die Psyche
  20. Schwangere müssen ihre Füße in Bewegung halten
  21. Auf nicht notwendige Zahnarztbesuche verzichten
  22. Rückenschmerzen: Trotz Bandscheibenvorfall aktiv bleiben
  23. Häufige Schönheits-OPs: Pölsterchen weg, Wangengrübchen her
  24. Astronauten geben Corona-Tipps
  25. Wie Sie die Zeitumstellung gut meistern
  26. Neue Regeln für Kinder-Vorsorge und Telefon-Krankschreibung
  27. Was über die Symptome von Covid-19 bekannt ist
  28. Tampons und Menstruationstassen meist unbedenklich
  29. Mit Notrufzentralen-Videochat-System Arztpraxen entlasten
  30. Auf welchen Oberflächen lauert das Coronavirus?
  31. Hilft Vitamin C gegen das Coronavirus?
  32. WHO: Zu wenig Fortschritte bei Kampf gegen Tuberkulose
  33. Das Coronavirus stirbt nicht bereits bei 27 Grad Celsius
  34. Allein zu Haus: Welche Folgen hat das für Kranke?
  35. Virologin erwartet bald schnellere Coronavirus-Tests
  36. Strategien gegen den Corona-Lagerkoller
  37. Kinder mit Down-Syndrom sind heute im Netz präsent
  38. Was Schwangere rund um das Coronavirus wissen müssen
  39. Kontrollverlust macht Menschen bei Corona-Krise zu schaffen
  40. So klappt das Heimtraining in Corona-Zeiten
  41. Mit Ablenkung und Austausch gegen die Corona-Angst
  42. Bei Coronavirusverdacht ohne ärztlichen Rat kein Ibuprofen
  43. Corona-Test erfordert lange Wartezeiten
  44. Impfstoff gegen Coronavirus im Frühjahr 2021 realistisch
  45. Die wichtigsten Corona-Regeln im Überblick
  46. Wie lange könnte der Ausnahmezustand noch andauern?
  47. Experte: Mundschutz selbst nähen ist keine abwegige Idee
  48. So klappt das Aufhören mit dem Rauchen
  49. Barmer schließt bundesweit Geschäftsstellen
  50. Wie werden Coronaviren am ehesten übertragen?

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände
  • Gesundheit
  • Grippe
  • Grippe (Viruserkrankungen)
  • Grippewellen
  • Impfkommissionen
  • Impfstoffe
  • Robert-Koch-Institut
  • Weltgesundheitsorganisation
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!