Genf

Patienten helfen Forschung via App

Medizinforschung via App       -  Ärztinnen und Ärzte erfassen Informationen statt auf der Karteikarte immer öfter in einer elektronischen Patientenakte am Computer.
Ärztinnen und Ärzte erfassen Informationen statt auf der Karteikarte immer öfter in einer elektronischen Patientenakte am Computer. Foto: Christoph Soeder/dpa-Zentralbild/dpa

Eine runde 8 auf den Smartphone-Bildschirm malen oder möglichst schnell Zeichen und Zahlen zusammenordnen - das klingt wie nette Spielerei, doch die App Floodlight der Schweizer Pharmafirma Roche soll die Forscher vor allem mit Daten füttern. Daten von Multiple-Sklerose-Patienten.

Die App zählt Schritte und Tempo, und Patienten laden Informationen über ihre Verfassung hoch. Noch ist sie nur für Teilnehmer klinischer Studien, aber das soll sich ändern. Daten sind das neue Gold der Pharmabranche. „Sie sind der zentrale Treiber für Veränderungen und Innovationen in der Pharmaindustrie in den kommenden Jahren”, sagt Roche-Präsident Christoph Franz.

Personalisierte Medizin

Die Pharmabranche setzt massiv auf personalisierte Medizin oder Präzisionsmedizin. Das ist zum einen so etwas wie die millionenteure Gentherapie für todkranke Babys, die der Pharmakonzern Novartis gerade 100 Mal verlost. Oder die Gentherapie Kymriah gegen eine aggressive Leukämie. Die Medikamente werden für jeden Patienten einzeln gefertigt.

Gemeint ist aber auch eine Entwicklung, die die Behandlung aller Patienten revolutionieren soll. Bei Bluthochdruck Mittel A, bei Herzschwäche Mittel B: Dass Patienten mit gleicher Krankheit meist die gleichen Pillen bekommen, soll bald der Vergangenheit angehören. Dazu braucht die Pharmabranche mengenweise Patientendaten.

Sie sollen aus Studien, Apps und Arztpraxen kommen. Ärztinnen und Ärzte erfassen Informationen statt auf der Karteikarte immer öfter in einer elektronischen Patientenakte am Computer. „Wir können in den nächsten Jahren mit einer Explosion an Daten rechnen”, sagt Anne-Marie Martin, Leiterin der Präzisionsmedizin bei Novartis.

Dazu gehören Befunde, Röntgen- und MRT-Bilder, Laboranalysen, Studien und auch das gute alte Arztgespräch - schlicht alles, was über die Gesundheit jedes Menschen vorhanden ist. Die Analyse massenhafter Daten kann Zusammenhänge aufzeigen, die bis dahin unbekannt waren. Bestimmte Gen- oder Zelleigenschaften, aber auch Alter, Gewicht, eine Vorerkrankung, andere Medikamente, Wohnort, Ethnie oder die Uhrzeit der Einnahme können Einfluss haben, ob ein Mittel wirkt oder nicht.

Sorge um Datenschutz

Aber wie steht es mit dem Datenschutz? Patienten sorgen sich, dass Krankenkassen dereinst etwa bei einer Anlage zu Diabetes im Erbgut einen Risikozuschlag verlangen könnten. Schon die geplante Einführung der elektronischen Patientenakte zum 1. Januar 2021 sei problematisch, warnte die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns gerade. Praxen seien nicht genügend vor Hackerangriffen geschützt, für Patientenakten würden 2000 Euro geboten.

Die Pharmafirmen sagen, ihnen gehe es um anonymisierte Daten, sodass Patienten nicht identifiziert werden können. Experten für IT-Sicherheit, Datenschutz, Künstliche Intelligenz und Medizin erarbeiten im Auftrag des Bundesforschungsministeriums zur Zeit einen Standard für die sichere Verarbeitung der medizinischer Daten.

„Analysiert man solche Daten, lassen sich Behandlungen anbieten, die genau auf den Patienten zugeschnitten sind”, sagt Roche-Sprecher Daniel Grotzky. Martin von Novartis sagt: „Zum einen können wir die Patienten herausfiltern, bei denen eine bestimmte Behandlung besonders wirksam ist, zum anderen füttern die Daten auch den Entdeckungsmotor.” So könnten neue Medikamente entwickelt werden für Patienten, die auf die herkömmliche Therapie nicht ansprechen.

In der Onkologie ist es oft schon üblich, Zellrezeptoren zu bestimmen und je nach Ergebnis zwei Frauen mit Brustkrebs unterschiedlich zu behandeln. Bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems wie Multipler Sklerose (MS) seien auch große Fortschritte zu erwarten, sagt Martin.

Nutzen in der Alzheimerforschung

In der Alzheimerforschung hat Roche einen Test entwickelt, der einen Eiweißstoff messen kann, der für das Absterben von Nervenzellen verantwortlich sein könnte. Wenn der Stoff zuverlässig gemessen werden kann und es irgendwann ein Alzheimer-Medikament gibt, könnten Patienten schon vor den ersten Anzeichen behandelt werden. Der Konzern testet auch reiskorngroße Implantate im Auge von Patienten mit Netzhauterkrankungen, die zur Erblindung führen können. Geprüft wird, ob damit die individuelle, optimale Dosierung des Wirkstoffs bessere Ergebnisse für Patienten bringt.

Daten, Daten, Daten: Novartis führt schon Patienteninformationen aus Studien in einer Datenbank zusammen, damit Angaben von mehr als zwei Millionen Patienten digital analysiert werden können. Roche hat die auf Daten von Krebspatienten spezialisierte US-Firma Flatiron Health und die Foundation Medicine gekauft, die genetische Profile erstellt.

Personalisierte Medizin gilt als Win-win-win. Patienten profitieren, weil sie schneller wirksam behandelt werden. Krankenkassen sparen Geld, weil bei Patienten nicht unnötig erst teure Medikamente ausprobiert werden, die doch nicht helfen. Und Pharmafirmen können bei höherer Treffsicherheit bessere Preise aushandeln. „Wenn man den Behandlungserfolg beim Patienten belegen kann, wird der Wert einer Vergütung durch das Gesundheitswesen auch klarer”, sagt Roche-Sprecher Grotzky.

Finnland gilt bei der Nutzung von Gesundheitsdaten als Goldstandard. Dort werden seit Jahren Patientendaten elektronisch erfasst. Im Projekt „FinnGen” wird das Genom von einer halben Million Finnen entschlüsselt - um zum Wohle aller Krankheitsmuster zu finden.

Rückblick

  1. Was wirklich bei Erkältungen hilft
  2. Wie sich Narben behandeln lassen
  3. Lebenserwartung in Deutschland steigt weiter
  4. Liquids für E-Zigaretten nicht selbst mischen
  5. Chronischer Durchfall kann gefährlich werden
  6. Beim Herzinfarkt zählt jede Minute
  7. Mehr Erkältungen durch häufiges Lüften im Winter?
  8. Barmer: Operationen lieber in erfahrenen Kliniken machen
  9. Zahnersatz: Lücke im Bonusheft in Ausnahmefällen ohne Folgen
  10. Kreidezähne: Eine Krankheit mit noch vielen Rätseln
  11. Bundesweit fehlen über 3000 Hausärzte
  12. Corona-Schnelltests: Was können sie wirklich?
  13. Kardiologe: Herzkranke können angstfrei Sex haben
  14. Filme schauen während der Hüft-OP
  15. Leopoldina empfiehlt einheitliche Regeln für Corona-Herbst
  16. Warum Fluorid in Zahnpasten nicht fehlen sollte
  17. Trail-Running fordert Läufer heraus
  18. Anhaltende Erschöpfung als Corona-Folge recht verbreitet
  19. Krankenhaus muss Patientin kostenlos Daten übermitteln
  20. Bei Kronen besonders den Rand pflegen
  21. Was während des Schlafes im Gehirn passiert
  22. Ein Leben lang gegen Alzheimer vorbeugen
  23. Impfen vor Zeckensaison 2021 kann schon jetzt sinnvoll sein
  24. Wie Jogger im Dunkeln sicherer unterwegs sind
  25. Jeder Fünfte putzt nicht zweimal täglich Zähne
  26. Was passiert während der Influenzasaison?
  27. Der E-Patientenakte drohen Datenschutz-Warnungen
  28. Was im Arztbrief steht und wofür er nötig ist
  29. Warum wir im Alter abbauen und was wir tun können
  30. Corona-Impfstoff für breite Masse wohl erst Mitte 2021
  31. Corona: Wie groß ist die Infektionsgefahr beim Blutspenden?
  32. Krankenkassen setzen mehr auf Online-Angebote
  33. Meetings lieber in mehrere Einheiten aufteilen
  34. Migräne trifft häufiger Frauen als Männer
  35. Altweibersommer ist „besonders gesundes Wetter”
  36. WHO: Mehr Aufklärung über Sepsis nötig
  37. Rheuma-Patienten haben oft Begleiterkrankungen
  38. Grippe oder Covid-19? Diagnose anfangs knifflig
  39. Viele Deutsche trauen sich Erste Hilfe nicht zu
  40. Finger weg vom Nasenloch
  41. Corona erhöht das Risiko für eine Frühgeburt
  42. Wie Videosprechstunden praktisch ablaufen
  43. Luftverschmutzung größte Bedrohung für die Gesundheit
  44. Kleinwuchs bei Kindern untersuchen lassen
  45. Braucht ein Herzschrittmacher Abstand zum Smartphone?
  46. Gericht: E-Roller ist kein Rollstuhlersatz
  47. Psychotherapeuten bezweifeln Nutzen mancher Gesundheitsapp
  48. Lieferengpässe für Medikamente möglich
  49. Soll ich mein Kind diesen Winter gegen Grippe impfen?
  50. Kardiologen raten Herzpatienten zu regelmäßigen Sport

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Bundesministerium für Bildung und Forschung
  • Christoph Franz
  • Daten und Datentechnik
  • Gesundheit
  • IT-Sicherheit
  • Medikamente und Arzneien
  • Novartis
  • Patienten
  • Patientenakten
  • Patientendaten
  • Patienteninformationen
  • Pharmabranche
  • Pharmafirmen
  • Pseudonymisierung und Anonymisierung
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!