Stuttgart

Warum das Ausbreitungstempo bei Corona so entscheidend ist

Coronavirus       -  Die Bundesregierung will im Kampf gegen das Coronavirus Zeit gewinnen. Konkret zieht das einige Einschränkungen im Alltag nach sich.
Die Bundesregierung will im Kampf gegen das Coronavirus Zeit gewinnen. Konkret zieht das einige Einschränkungen im Alltag nach sich. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Um die drastischen Maßnahmen gegen die ungebremste Ausbreitung des Coronavirus zu verstehen, hilft eine alte Legende. Zeit für ein bisschen einfache Mathematik:

Demnach durfte sich der mutmaßliche Erfinder des Strategiespiels Schach von seinem Herrscher einen Lohn wünschen. Er ließ die 64 Felder des Bretts mit Reiskörnern belegen. Auf das erste Feld sollte ein Korn kommen, dann jeweils doppelt so viele auf das nächste.

Das Ergebnis dürfte der Herrscher des Reichs damals unterschätzt haben: Auf dem letzten Feld hätten mehr als 18 Trillionen Reiskörner platziert werden müssen. Bei der Coronavirus-Epidemie fürchten Experten, dass die Zahl der Infektionen ähnlich rasant steigen könnte.

Die Strategie heißt Zeit gewinnen

Deshalb sei es wichtig, den Anstieg mit Einschränkungen wie dem Verbot von Großveranstaltungen, dem Ausschluss von Fans aus den Fußballstadien und der Schließung von Schulen zu drosseln. Es gehe „um das Gewinnen von Zeit”, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über die Strategie.

„Da geht es um nichts anderes als um die Gefahr eines exponentiellen Wachstums”, erklärt Julien Riou, Epidemiologe der Universität Bern . Dabei entwickelt sich eine Epidemie nicht linear, die Zahl der Fälle wächst also nicht gleich bleibend in einem bestimmten Zeitraum.

Es sei ein häufiges Muster bei Epidemien, dass die Fallzahlen exponentiell zunehmen, erklärt auch Gérard Krause, der Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung. Diese Form von Wachstum sei „einfach nur Ausdruck dessen, dass ein Mensch mehrere weitere Menschen anstecken kann, die dann wiederum ebenfalls jeweils noch mal mehrere Menschen anstecken können”.

Im Schnitt steckt jeder Infizierte drei Menschen an

Für eine Beispielrechnung nimmt Riou in Bern an, dass ein Coronavirus-Infizierter im Durchschnitt zwei weitere Menschen ansteckt. Bei einem exponentiellen Wachstum würde sich deren Zahl mit jeder Ansteckungsrunde stets verdoppeln. So könnten aus 500 Fällen nach elf Verdopplungen mehr als eine Million Fälle werden. Dieses Tempo soll gebremst werden, indem neue Ansteckungen so gut wie möglich unterbunden werden. Viele Wissenschaftler gehen derzeit beim Coronavirus Sars-CoV-2 davon aus, dass ein Infizierter im Durchschnitt sogar in etwa drei Menschen ansteckt.

Krause rät zu einem „Bündel von Maßnahmen” vom Händewaschen bis zum Veranstaltungsverbot. Es sei aber auch wichtig, diese Maßnahmen bei Bedarf neu anzupassen und dabei auch ihre möglichen unerwünschten Wirkungen im Auge zu behalten. „Wenn Arbeits- oder Transportbeschränkungen zum Beispiel dazu führen könnten, dass essenzielle Medikamente oder wichtige medizinische Operationen nicht mehr verfügbar würden, dann könnten die Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit vielleicht mehr schaden als die direkten Folgen der Epidemie selbst” warnt er. „Ein mehr an Maßnahmen bedeutet nicht notwendigerweise ein mehr an Nutzen.”

Gerät aber die Zahl der Ansteckungen außer Kontrolle, könnte auch das deutsche Gesundheitssystem ins Wanken geraten. Für die meisten Infizierten verläuft die Krankheit zwar weitgehend harmlos, einige werden sie noch nicht einmal bemerken. Doch etwa 20 Prozent erkranken schwerer. Auf die Krankenhäuser könnten daher viele zusätzliche Patienten zukommen.

Faktor Zeit kommt Deutschland zu Gute

Dennoch zeigt sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) optimistisch: „Wir sind früh dran, wir haben von den anderen Ländern wie Italien gelernt”, sagt DKG-Präsident Gerald Gaß. Bislang sei es gelungen, die infizierten Menschen genauer zu erfassen als dies in anderen Ländern der Fall sei. Deshalb seien anders als in Italien auch erst wenige Menschen gestorben. „Wenn man die Gegenmaßnahmen konsequent weiterführt, dann kann es gelingen, den Anstieg der Erkrankungszahlen abzuflachen.”

In deutschen Krankenhäusern stehen laut Statistik rund eine halbe Million Betten, etwa jedes vierte ist im Jahresdurchschnitt nicht belegt. „Wenn wir nun davon ausgehen, dass sich jeder zweite Mensch in Deutschland irgendwann mit dem Virus infiziert, ist es wichtig, ihre Zahl so gut wie möglich zu strecken”, sagt Gaß. Möglich sei dies auch, indem Kliniken weniger notwendige Operationen auf einen späteren Zeitpunkt verschöben und infizierte Ärzte und Pfleger im Notfall sogar weiter arbeiteten, sofern sie keine Symptome zeigten. „Gelingt das zum Beispiel durch den starken Eingriff der Politik, dann bin ich überzeugt, dass wir gut gerüstet sind”, sagt Gaß.

„Es gibt auch historische Ereignisse, die uns zeigen, dass das Steuern wichtig ist”, sagt Gaß und erinnert an die Spanische Grippe, die nach dem Ersten Weltkrieg 1918 und 1919 weltweit viele Millionen Menschen das Leben kostete. „In den USA reagierten Städte unterschiedlich bei der Auswahl und dem Zeitpunkt für die Maßnahmen, mit denen sie die Verbreitung der Krankheit eindämmen wollten”, heißt es dazu in einer US-Studie aus dem Jahr 2007. Das Ergebnis: Wer schnell und drastisch handelte, verhinderte hohe Todesraten.

RKI ruft junge Menschen zu Solidarität auf

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat angesichts der Coronavirus-Pandemie auch jüngere Menschen zu Selbstschutz und Solidarität aufgerufen. Im Moment sei von einigen aus dieser Gruppe zu hören, dass sie sich von Covid-19 nicht betroffen sähen und die Erkrankung für sich als harmlos einstuften, sagte RKI-Vizepräsident Lars Schaade. Zwar seien tatsächlich Ältere und Menschen mit Grunderkrankungen besonders gefährdet. „Aber auch wenn es selten vorkommt: Auch bei jüngeren und gesunden Menschen kann es schwere Verläufe geben, darunter sogar Todesfälle”, betonte Schaade.

Alle müssten deshalb die Situation ernst nehmen und sich selbst und andere schützen. „Die Jüngeren sollten sich natürlich bitte auch solidarisch mit den Älteren zeigen, die ein höheres Risiko haben”, so Schaade. Den Anstieg der Meldezahlen hierzulande bezeichnete er als „recht schnell”, wie auch in anderen Ländern. Ziel der Maßnahmen sei, die Zahlen zu drücken. Man werde anhand der Entwicklung in den nächsten Tagen und Wochen sehen, ob die lokalen Behörden dabei nachsteuern müssten.

Rückblick

  1. Corona-Tests für Schulen, Kitas und Pflegeheime geplant
  2. Tipps für Besuche und Treffen an Pfingsten
  3. Der mitunter steinige Weg zur Psychotherapie
  4. Was bei Kopfläusen zu tun ist
  5. Die Rolle der Kinder bei der Übertragung des Virus
  6. Drastischer Rückgang von Facharztbesuchen seit März
  7. Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren sind überflüssig
  8. Krankenkasse muss Exoskelett bezahlen
  9. Die Reiseapotheke in Corona-Zeiten
  10. Trotz Corona: Anschlussrehabilitationen weiterhin möglich
  11. So werden Sie Fremdkörper im Auge wieder los
  12. Wenn der Coronavirus-Detektiv ermittelt
  13. Herzpatienten sollten Blutverdünner wie gewohnt einnehmen
  14. Rückfall in Glücksspielsucht droht
  15. Drei Tipps zum richtigen Umgang mit Zecken
  16. Welche Pflaster und Verbände in die Hausapotheke gehören
  17. Wenn Narzissmus krankhaft ist
  18. Faustregeln für rezeptfreie Medikamente
  19. Augenherpes wegen Mundschutz? Zusammenhang nicht belegt
  20. EU-Verbot für Mentholzigaretten tritt in Kraft
  21. Studie bestätigt Corona-Übertragung vor ersten Symptomen
  22. Führen eines Corona-Tagebuchs kann sinnvoll sein
  23. Warum Impfauffrischung gerade jetzt wichtig ist
  24. Keuchhusten-Impfung für Schwangere und deren enge Freunde
  25. Corona-Verdacht: Mysteriöse Kinder-Erkrankung aufgetreten
  26. Pandemie könnte zu Millionen verschobener Operationen führen
  27. Kann das Tragen einer Maske vor Corona schützen?
  28. Coronavirus befällt auch Nieren und andere Organe
  29. Desinfektionsmittel geschluckt: Mehr Anrufe bei Giftnotruf
  30. Coronavirus: Darf ich im Sommer baden gehen?
  31. Corona: Was hilft, wenn die Alltagsmaske am Ohr drückt?
  32. So finden Sie den richtigen Arzt
  33. Was vor Hautschäden wegen häufigen Händewaschens schützt
  34. Betriebsärztliche Betreuung ab einem Beschäftigten
  35. Remdesivir jetzt für mehr Corona-Patienten möglich
  36. So klappt der Alltag mit Maske
  37. Experten: Auch hinter Schlaganfällen könnte Corona stecken
  38. Neurodermitiker müssen mit Bindehautentzündung zum Arzt
  39. Schlaganfall mit neuer App erkennen
  40. Erste Hilfe ohne erhöhtes Infektionsrisiko
  41. Das Rätsel um die Corona-Wolke: Wie verteilt sich das Virus?
  42. Nahrungsergänzungsmittel können dem Herz schaden
  43. Welche Verhütungsmethode passt zu mir?
  44. Die Wurzelbehandlung kann Zähne retten
  45. Corona-Krise könnte bei mehr Menschen Waschzwang auslösen
  46. Wie sicher sind Corona-Tests?
  47. Psychotherapeuten befürchten Welle von Erkrankungen
  48. Forscher: Corona-Krise kann zu Schlafstörungen führen
  49. Infos zu Corona in einfacher Sprache
  50. Was es mit Lachgas auf sich hat

Weitere Artikel

Schlagworte

  • dpa
  • Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten
  • Bundeskanzler der BRD
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel
  • CDU
  • Deutsche Krankenhausgesellschaft
  • Epidemien
  • Epidemiologen
  • Epidemiologie
  • Gesundheit
  • Infektionsforschung
  • Infektionskrankheiten
  • Infektionspatienten
  • Krankenhäuser und Kliniken
  • Patienten
  • Robert-Koch-Institut
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!