Erlangen

Immer mehr Menschen leiden unter Lebensmittelallergien

Nahrungsmittelallergien       -  nach Schätzungen haben etwa drei Prozent der Erwachsenen und vier bis sechs Prozent der Kinder in Deutschland eine Nahrungsmittelallergie.
nach Schätzungen haben etwa drei Prozent der Erwachsenen und vier bis sechs Prozent der Kinder in Deutschland eine Nahrungsmittelallergie. Foto: Daniel Karmann/dpa

Einmal war es eine halbes haselnussgefülltes Kaubonbon, ein anderes Mal der Biss in einen Lebkuchen. Danach ging es Benjamin plötzlich richtig schlecht.

„Er ist kreidebleich geworden, war total schlapp und hatte rote Flecken am Körper”, erzählt seine Mutter. Als es das dritte Mal passierte, ging sie mit dem Kleinkind zum Kinderarzt. Eine Blutuntersuchung brachte Gewissheit: Benjamin hat eine Haselnuss-Allergie.

Nahrungsmittelallergien oft schwer nachweisbar

Wie dem Dreijährigen aus Nürnberg geht es vielen Menschen. Denn Allergien gegen Lebensmittel werden häufiger. „Das ist inzwischen recht gut belegt”, sagt Katja Nemat vom Ärzteverband Deutscher Allergologen. „Die Nahrungsmittel-Allergien haben seit Anfang der 2000er-Jahre zugenommen.” Etwa drei Prozent der Erwachsenen und vier bis sechs Prozent der Kinder sind nach Schätzungen von Experten in Deutschland betroffen. Nicht immer sind die Beschwerden dabei so eindeutig wie bei Benjamin.

Die Ernährungsmedizinerin Yurdagül Zopf behandelt am Erlanger Universitätsklinikum regelmäßig Patientinnen und Patienten aus ganz Deutschland und dem Ausland, bei denen die herkömmlichen Allergietests unauffällig sind. Das liege zum einen daran, dass die Tests nicht zu 100 Prozent zuverlässig seien. Zum anderen gebe es Nahrungsmittel-Allergien, die nicht immer durch serologische Tests - also den Nachweis von Antikörpern im Blut - oder auf der Haut feststellbar seien. „Die diagnostischen Möglichkeiten sind häufig noch nicht ausreichend, um alle Nahrungsmittelallergien nachzuweisen.”

Ein Beispiel ist der Darm. „Der Darm ist ein riesiges Immunorgan”, sagt Zopf. „Da müssen wir noch verstehen, welche Bedeutung er bei der Entstehung von Allergien und den allergischen Reaktionen hat.” Dass er eine wichtige Rolle spiele, sei erst in den letzten Jahren in den Fokus gerückt. Das Universitätsklinikum nutzt ein noch wenig verbreitetes Verfahren, um dies genauer zu untersuchen. Bei der speziellen Darmspiegelung können die Mediziner die Essenz von Nüssen, Soja oder anderen Allergenen auf die Darmschleimhaut sprühen und beobachten, wie diese darauf reagiert.

Welche Ursachen gibt es?

Doch wie entstehen Allergien auf Lebensmittel wie Nüsse, Getreide, Kuhmilch, Hühnerei oder Fisch überhaupt? Vollständig erforscht ist das noch nicht. „Was bestimmt eine Rolle spielt, ist die Art und Weise, wie wir uns ernähren”, sagt die Dresdner Allergologin Nemat. So stünden stark industriell verarbeitete Lebensmittel im Verdacht, Allergien auszulösen. „Das ist aber sicherlich nicht der einzige Faktor. Es ist ein Zusammenspiel von Ursachen.”

Medikamente können nach Angaben von Zopf die Entstehung von allergischen Reaktionen begünstigen. Säurehemmende Magenmedikamente können zum Beispiel dazu führen, dass Proteine nicht vollständig verdaut werden und größere Eiweißfragmente in den Darm gelangen. „Das kann bei Überempfindlichkeiten oder genetischer Disposition zu Unverträglichkeitsreaktionen führen”, sagt sie.

Fest steht: „Niemand kommt mit einer Allergie auf die Welt”, sagt Nemat. Bei einer Allergie identifiziert das Immunsystem die Proteine von beispielsweise Lebensmitteln als Feind und reagiert heftig auf diese. Dafür reichen auch schon kleinste Mengen. Dass manche Eltern ihren Babys ganz bewusst keine Lebensmittel wie Nüsse, Ei oder Milch geben, die Allergene enthalten, hält Nemat für keine gute Idee. „Das hat leider den gegenteiligen Effekt. Das Immunsystem muss gerade im Babyalter Toleranz erlernen.”

Unverträglichkeit kann wieder verschwinden

Bei vielen Kindern verschwindet die Lebensmittel-Allergie mit der Zeit. „Das verwächst sich, weil das Immunsystem ausgereift ist und gelernt hat, damit umzugehen”, sagt Zopf. Eine Kuhmilch-Allergie geht nach Angaben von Nemat bei allen Kindern zurück. Bei Hühnereiweiß reagiere die überwiegende Mehrheit nicht mehr allergisch, bei Erdnüssen sei es immerhin jedes fünfte Kind. Erwachsene haben dagegen schlechte Karten: Bei ihnen ist es eher unwahrscheinlich, dass eine Lebensmittel-Allergie wieder weggeht.

Auch die Eltern von Benjamin hoffen, dass er Haselnüsse in Zukunft wieder verträgt. „Er macht es eigentlich ganz toll”, sagt seine Mutter. „Er ist wahnsinnig vorsichtig. Wenn jemand ihm etwas zu Essen anbietet, fragt er mich immer erst, ob er das darf.” Vor ein paar Monaten ist es im Kindergarten dann doch passiert: Benjamin hatte sich bei der Adventsfeier einen Zimtstern vom Plätzchenteller geangelt. Danach übergab er sich und bekam Ausschlag. Es ging ihm erst besser, nachdem er Cortison bekommen hatte.

Die Lebensmittel meiden, auf die man allergisch reagiert und im Notfall die Symptome mit Medikamenten behandeln - mehr können Betroffene zurzeit nicht tun. Eine Immuntherapie, also eine Hyposensibilisierung wie bei Heuschnupfen, gibt es für Lebensmittel-Allergien in Deutschland bisher nicht. In den USA ist nach Angaben von Nemat seit vergangenem Herbst eine orale Immuntherapie zugelassen, bei der Allergiker Erdnussprotein-Pulver schlucken. In den nächsten Monaten werde dort voraussichtlich auch ein Pflaster getestet, das kleinste Mengen Erdnussprotein an die Haut abgibt.

© dpa-infocom, dpa:200615-99-431204/2

Rückblick

  1. So stellen Sie Ihr Fahrrad richtig ein
  2. Zöliakie-Anzeichen oft schon im Kindesalter
  3. Warum der Mensch oft ein Problem mit seiner Nase hat
  4. Mediziner gibt Hitze-Tipps
  5. Arzt darf Befund von Fachkollegen vertrauen
  6. Sieben Tipps für die heißen Tage
  7. Wo und wann Sommer-Sonne gefährlich ist
  8. Eine Fettleber bleibt oft unentdeckt
  9. Seitenstiche sind ein schmerzhaftes Rätsel
  10. Bei Bergtour mit Kindern nicht zu hoch hinaus
  11. Bei Melone to go auf Kühlung achten
  12. Eigenanteile für Pflegebedürftige im Heim steigen weiter
  13. Grippeimpfung trotz Corona vor allem für Risikogruppen
  14. Ein Kinderwunsch liegt auf Eis
  15. Vorsicht vor grünen Tomaten
  16. Jugendliche Neurodermitiker auch psychisch unterstützen
  17. Kassenpatienten bekommen Arzttermine öfters sofort
  18. Ihr Bauchgefühl können Sie trainieren
  19. Rheuma hat viele Ausprägungsformen
  20. Acht Hitze-Mythen auf dem Prüfstand
  21. Als Schwangere im Sommer den Kreislauf stabil halten
  22. Viele Mücken in diesem Sommer - Ausbreitung invasiver Arten?
  23. Corona-Spätfolgen alarmieren Ärzte
  24. ASS und Ibuprofen nicht zusammen schlucken
  25. Hochwertige Handdesinfektion riecht nach Alkohol
  26. Kaltes Plasma hilft chronische Wunden zu heilen
  27. Der Zusammenhang zwischen Windpocken und Gürtelrose
  28. Wann ätherische Öle helfen können
  29. Britischer Corona-Impfstoff könnte zweifach wirken
  30. Antikörper bieten vermutlich längerfristig Immunität
  31. Zu spätes Attest: Krankengeld kann es trotzdem geben
  32. Porno-Zuschauer haben häufiger Erektionsstörungen
  33. WHO-Forscherin: breite Corona-Impfung Mitte 2021 möglich
  34. Warum die Alltagsmaske auch über die Nase gehört
  35. Engere Atemwege könnten COPD-Risiko erhöhen
  36. Krankschreibung per Video wird erlaubt
  37. Erschöpfungssignale bei Hitze immer ernstnehmen
  38. Blutvergiftung muss schnell behandelt werden
  39. Sport beugt womöglich Grünem Star vor
  40. Was bei brüchigen Fingernägeln hilft
  41. US-Impfstoffkandidat zeigt erste gute Ergebnisse
  42. Die Pille nicht leichtfertig nutzen
  43. Die Furcht vor den Blicken der anderen
  44. Nur wenige Blutspender haben bereits Corona-Antikörper
  45. Pandemie bringt innere Uhr durcheinander
  46. 50.000 Krebsoperationen wegen Corona ausgefallen
  47. Mumps ist nicht nur eine Kinderkrankheit
  48. Wie die Raumluft möglichst Corona-frei wird
  49. Coronavirus befällt auch das Herz
  50. Beim Brustschwimmen immer mal untertauchen

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Allergien
  • Allergiker
  • Allergische Reaktionen
  • Atemnot
  • Gesundheit
  • Getreide
  • Immunsystem
  • Immuntherapie
  • Kinderärzte
  • Medikamente und Arzneien
  • Nahrungsmittelallergie
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!