Hamburg

Infektion bedeutet wohl nicht automatisch Immunität

Abstrich       -  Im Labor werden zum Nachweis einer Infektion Abstriche aus dem Nasen-Rachen-Raum auf das Sars-CoV-2-Virus getestet.
Im Labor werden zum Nachweis einer Infektion Abstriche aus dem Nasen-Rachen-Raum auf das Sars-CoV-2-Virus getestet. Foto: Oliver Berg/dpa

In der Corona-Pandemie hoffen viele Menschen auf Immunität - nach überstandener Infektion oder durch eine bald verfügbare Impfung. Beides könnte das Immunsystem gegen den Erreger wappnen und Menschen vor der Krankheit Covid-19 schützen.

Nun aber deuten viele Studien darauf hin, dass gerade bei Menschen, die nur wenige oder gar keine Symptome hatten, schon bald nach einer Infektion keine Antikörper im Blut mehr nachweisbar sind.

Verständnis über Immunität unklar

Zwar ist noch unklar, was das für eine mögliche Immunität bedeutet. Doch die Beobachtungen wecken Zweifel an der Aussagekraft von Antikörper-Tests und an den derzeit diskutierten Immunitätspässen. Auch für die Entwicklung eines Impfstoffs wäre ein möglichst genaues Verständnis der Immunantwort auf Sars-CoV-2 zentral.

Die Immunantwort scheint bei Menschen uneinheitlich auszufallen. Grundsätzlich kann das Immunsystem etwa mit sogenannten T-Zellen auf Krankheitserreger reagieren. Manche T-Zellen aktivieren B-Zellen, die dann Antikörper bilden. Antikörper binden an bestimmte Merkmale von Erregern und können diese so inaktivieren.

Auf den ersten Blick scheint das Vorhandensein spezieller Antikörper ein guter Hinweis auf eine frühere Infektion zu sein. Allerdings fand eine Untersuchung des Universitätsspitals Zürich bei Menschen mit milden oder asymptomatischen Verläufen keine sogenannten IgG-Antikörper im Blut. Diese sind wichtig für das Immungedächtnis - damit das Immunsystem bei erneutem Kontakt mit dem Erreger stärker und schneller reagiert. Die Studie ist bislang nur ein Preprint - ist also weder von Experten begutachtet noch in einem Fachjournal publiziert.

Untersuchungen der Antikörper verunsichern Forscher

Eine weitere als Preprint veröffentlichte Untersuchung des Lübecker Gesundheitsamts fand bei 30 Prozent von 110 Corona-Infizierten mit ebenfalls höchstens mäßigen Covid-19-Symptomen keine Antikörper. Und im Fachblatt „Nature Medicine” berichten Forscher aus China, dass bei Infizierten ohne Symptome die Antikörper-Konzentration im Blut bereits nach kurzer Zeit deutlich sank.

Solche Studien lassen die Aussagekraft von Antikörper-Massentests, die das Ausmaß der Corona-Infektionswelle in der Bevölkerung klären sollen, fraglich erscheinen. Zudem könnte eine durch Antikörper gegebene Immunität bei vielen Sars-CoV-2-Infizierten schon nach kurzer Zeit wegfallen.

Entsprechend skeptisch sieht Thomas Jacobs vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) die Einführung von Immunitätspässen für Menschen , die eine Infektion mit Sars-CoV-2 hinter sich haben. Wissenschaftlich ist ohnehin nicht gesichert, dass die Präsenz von Antikörpern automatisch vor einer erneuten Infektion schützt. „Wir wissen generell noch nicht genau, wie Antikörper schützen”, stellt der Immunologe fest. Studien würden zwar einen solchen Schutz nahelegen, „aber wie hoch beispielsweise der Antikörper-Spiegel dafür sein muss, bleibt unklar”.

Antikörper haben verschiedene Qualitäten

Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), betont, man müsse bei Antikörpern differenzieren: „Es gibt bei Antikörpern verschiedene Qualitäten, und nicht alle verhindern eine Infektion.” Wichtig sei hier, harte Daten zu finden: „Ob ein Immunschutz entsteht, muss an der Realität gemessen werden.”

Ebenso wenig überraschen Jacobs die Studienresultate, dass gerade bei asymptomatischen Erkrankungen schnell wenige oder gar keine Antikörper mehr auffindbar sind: „Wenige Viren im Hals- und Rachenbereich genügen wahrscheinlich nicht, um eine große Antikörper-Antwort oder T-Zellen-Immunität auszulösen.”

Für das Immunsystem habe diese angepasste Reaktion durchaus Sinn, da wir im Alltag ständig Pathogenen ausgesetzt seien: „Wenn wir mit leichten Waffen antworten können, brauchen wir keine schweren Geschütze auffahren.” Bei Covid-19-Erkrankungen mit schwereren Symptomen werde indes vermutlich schon ein längerfristiger Schutz aufgebaut.

Immunität bleibt nur wenige Monate

Studien zu anderen Coronaviren weisen darauf hin, dass eine erneute Sars-CoV-2-Infektionen komplett verhindernde Immunität vielleicht nur einige Monate bestehen bleibt, wie der Virologe Shane Crotty vom La Jolla Institute of Immunology in Kalifornien dem Fachmagazin „Nature” erklärte. Eine Symptome abmildernde Immunität könnte es demnach länger geben.

Ungewiss ist, welcher Teil der Immunabwehr besonders wichtig für diesen Schutz ist. „Neben den Antikörper bildenden B-Zellen kann die T-Zell-Antwort auf den Erreger genauso wichtig sein”, erklärt Jacobs. Welcher Mechanismus hier vor allem wirke, sei eine zentrale Frage für die Entwicklung eines Impfstoffs.

Dazu verweist der Infektionsforscher auf Studien aus den USA und Deutschland: Darin hatten bis zu 30 Prozent der Menschen, die nicht mit Sars-CoV-2 infiziert waren, dennoch bestimmte T-Helferzellen, die auf dieses Coronavirus reagierten: „Wahrscheinlich hatten sie schon einmal Kontakt mit sogenannten Common-Cold-Coronaviren” - also mit anderen Coronaviren, die herkömmliche Erkältungen auslösen.

Ein solcher Kontakt könnte eine Teil-Immunität gegen Covid-19 bieten. „Das würde erklären, warum bei der Infektion so unterschiedliche Dynamiken und Symptome zu beobachten sind”, vermutet Jacobs. Noch ist allerdings unklar, ob und welchen Schutz diese sogenannte T-Zell-Reaktivität bieten könnte.

© dpa-infocom, dpa:200708-99-713267/4

Blutabnahmeröhrchen       -  Blutabnahmeröhrchen stehen in einem Testzentrum des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung für eine bundesweite Corona-Antikörper-Studie in einem Rack.
Blutabnahmeröhrchen stehen in einem Testzentrum des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung für eine bundesweite Corona-Antikörper-Studie in einem Rack. Foto: Marijan Murat/dpa
Antikörper       -  Eine Probandin bekommt in einem Testzentrum des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung für eine bundesweite Corona-Antikörper-Studie Blut abgenommen.
Eine Probandin bekommt in einem Testzentrum des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung für eine bundesweite Corona-Antikörper-Studie Blut abgenommen. Foto: Marijan Murat/dpa

Rückblick

  1. Bei Bergtour mit Kindern nicht zu hoch hinaus
  2. Bei Melone to go auf Kühlung achten
  3. Eigenanteile für Pflegebedürftige im Heim steigen weiter
  4. Grippeimpfung trotz Corona vor allem für Risikogruppen
  5. Ein Kinderwunsch liegt auf Eis
  6. Vorsicht vor grünen Tomaten
  7. Jugendliche Neurodermitiker auch psychisch unterstützen
  8. Kassenpatienten bekommen Arzttermine öfters sofort
  9. Ihr Bauchgefühl können Sie trainieren
  10. Rheuma hat viele Ausprägungsformen
  11. Acht Hitze-Mythen auf dem Prüfstand
  12. Als Schwangere im Sommer den Kreislauf stabil halten
  13. Viele Mücken in diesem Sommer - Ausbreitung invasiver Arten?
  14. Corona-Spätfolgen alarmieren Ärzte
  15. ASS und Ibuprofen nicht zusammen schlucken
  16. Hochwertige Handdesinfektion riecht nach Alkohol
  17. Kaltes Plasma hilft chronische Wunden zu heilen
  18. Der Zusammenhang zwischen Windpocken und Gürtelrose
  19. Wann ätherische Öle helfen können
  20. Britischer Corona-Impfstoff könnte zweifach wirken
  21. Antikörper bieten vermutlich längerfristig Immunität
  22. Zu spätes Attest: Krankengeld kann es trotzdem geben
  23. Porno-Zuschauer haben häufiger Erektionsstörungen
  24. WHO-Forscherin: breite Corona-Impfung Mitte 2021 möglich
  25. Warum die Alltagsmaske auch über die Nase gehört
  26. Engere Atemwege könnten COPD-Risiko erhöhen
  27. Krankschreibung per Video wird erlaubt
  28. Erschöpfungssignale bei Hitze immer ernstnehmen
  29. Blutvergiftung muss schnell behandelt werden
  30. Sport beugt womöglich Grünem Star vor
  31. Was bei brüchigen Fingernägeln hilft
  32. US-Impfstoffkandidat zeigt erste gute Ergebnisse
  33. Die Pille nicht leichtfertig nutzen
  34. Die Furcht vor den Blicken der anderen
  35. Nur wenige Blutspender haben bereits Corona-Antikörper
  36. Pandemie bringt innere Uhr durcheinander
  37. 50.000 Krebsoperationen wegen Corona ausgefallen
  38. Mumps ist nicht nur eine Kinderkrankheit
  39. Wie die Raumluft möglichst Corona-frei wird
  40. Coronavirus befällt auch das Herz
  41. Beim Brustschwimmen immer mal untertauchen
  42. „Schnupfen bei Kindern ist kein Corona-Symptom”
  43. Entzündliches Rheuma kann aufs Herz gehen
  44. So wirkt sich die Corona-Zeit auf das Zahnarzt-Bonusheft aus
  45. Infektion bedeutet wohl nicht automatisch Immunität
  46. Alltagsmasken und die Materialfrage
  47. Schnelles Entfernen senkt das Borreliose-Risiko
  48. Mit Torwartstellung Atemnot vorbeugen
  49. Jeder Dritte trinkt mehr seit der Krise
  50. E-Patientenakte soll ab 1. Januar 2021 starten

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Bundesamt für Sera und Impfstoffe - Paul-Ehrlich-Institut
  • Erkältungen
  • Gesundheit
  • Immunologinnen und Immunologen
  • Immunreaktionen
  • Immunsystem
  • Impfungen
  • Infektionskrankheiten
  • Krankheitserreger
  • Tropenmedizin
  • Virologen
  • Weltgesundheitsorganisation
  • Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!