Hannover

Was Corona mit unserem Schlaf macht

Schlafstörungen       -  Schlafstörungen werden in Deutschland nach Ansicht des Schlafforschers Weeß häufig zu spät und unangemessen behandelt.
Schlafstörungen werden in Deutschland nach Ansicht des Schlafforschers Weeß häufig zu spät und unangemessen behandelt. Foto: picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die Corona-Pandemie durchdringt alle Lebensbereiche und macht auch vor dem Schlafzimmer nicht halt. Als das öffentliche Leben heruntergefahren wurde, fiel sofort die Stille auf: Kein Verkehrslärm mehr an zuvor stark befahrenen Straßen, keine startenden Flugzeuge in Airport-Nähe.

Führt diese Ruhe zu einem besseren Schlaf? Oder verursacht die Corona-Krise Stress und damit Schlafstörungen? Erste Studienergebnisse sowie Daten von Energieversorgern zum Strom- und Wasserverbrauch weisen darauf hin, dass viele Menschen seit Mitte März morgens etwas länger im Bett bleiben.

Näher an der biologischen Uhr

Der Schlaf-Wach-Rhythmus orientierte sich zwischen Ende März und Ende April eher an unserer inneren biologischen Uhr als an sozialen Erfordernissen wie Arbeitszeiten, fanden Forschende der Universität Basel heraus. 75 Prozent der überwiegend weiblichen Befragten berichteten, bis zu rund 50 Minuten länger zu schlafen als vor den Einschränkungen. „Es gab aber auch negative Veränderungen”, sagt Studienleiterin Christine Blume. So hätten 58 Prozent eine schlechtere Schlafqualität angegeben. „Diejenigen, die sich stärker belastet fühlen, schlafen schlechter und kürzer.”

Einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse zufolge schläft jeder Zehnte in der Corona-Pandemie schlechter, unter den coronabedingt Gestressten sogar jeder Vierte. Berichte über Schlafen in Corona-Zeiten finden sich auch in den sozialen Netzwerken: Unter den Hashtags #coronaträume oder #coronadreams schildern Nutzer ihre Träume von vergessenen Schutzmasken und andere Alpträume.

Bewegung unter freiem Himmel könne einer Verschlechterung der Schlafqualität entgegen wirken, sagt die Schweizer Psychologin Blume. Darauf habe die Online-Umfrage der Uni Basel Hinweise gegeben. Allerdings helfen Sport und frische Luft nicht allein, wenn sich Ein- und Durchschlafprobleme verfestigt haben. Laut Robert Koch-Institut klagt ein Viertel der Bevölkerung über Schlafstörungen, elf Prozent erleben ihren Schlaf als häufig nicht erholsam. „Es ist eine Volkskrankheit, die sehr oft verharmlost und nicht angemessen behandelt wird”, sagt Hans-Günter Weeß, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM).

Verhaltenstherapie statt Schlafmittel

Eigentlich sei eine kognitive Verhaltenstherapie in vielen Fällen das Mittel der Wahl, stattdessen würden Pillen geschluckt. Weeß zufolge können zwischen 1,1 und 1,9 Millionen Menschen ohne Schlafmittel nicht mehr schlafen. „Das ist eine Abhängigkeit auf Rezept”, sagt der Leiter des Schafzentrums in Klingenmünster (Rheinland-Pfalz). Der Aktionstag Schlaf am 21. Juni soll auf die Bedeutung eines erholsamen Schlafes aufmerksam machen.

Weeß befürchtet, dass die Corona-Krise noch mehr Patienten mit Schlafstörungen hervorbringt. Ihre Zahl war in den vergangenen Jahren laut dem Gesundheitsreport 2019 der Barmer Krankenkasse deutlich gestiegen. Arbeitslosigkeit sowie ein geringes Einkommen seien Risikofaktoren, sagt der Psychotherapeut und Buchautor Weeß. „Wenn es nicht gelingt, die Grübeleien zu stoppen und sich von Alltagssorgen zu entlasten, dann ist die Schlafstörung vorprogrammiert.”

Viele der rund 300 von der DGSM akkreditierten Schlaflabore blieben coronabedingt über Wochen geschlossen, zum Beispiel im Siloah Krankenhaus in Hannover. „Die Schließung war notwendig, da die Hygienekonzepte dies erfordert haben und da wir parallel auch mit der Behandlung der Covid-19-Patienten ausgelastet waren”, berichtet Thomas Fühner, Chefarzt der Klinik für Pneumologie, Intensiv- und Schlafmedizin. Nach der Wiedereröffnung habe man zunächst dringliche Fälle wie Lkw-Fahrer oder Lokführer behandelt, inzwischen laufe der Betrieb wieder normal.

Schlafprobleme durch Schichtdienst

Laut Barmer-Report sind von Ein- und Durchschlafstörungen besonders im Schichtdienst Tätige betroffen wie Straßenbahn- und Busfahrer, Wachdienstpersonal, Call-Center-Beschäftigte und Altenpflegekräfte. Fehlender Schlaf erhöht das Unfallrisiko und kann über Jahre hinweg zum Beispiel Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen sowie psychische Leiden nach sich ziehen. Es wird sogar ein erhöhtes Demenzrisiko vermutet. „Wir sind eine chronisch schlaflose Gesellschaft”, sagt Weeß. „80 Prozent der Menschen stehen mit dem Wecker auf. Sie beenden das wichtigste Regenerations- und Reparaturprogramm des Körpers vorzeitig.”

Der Schlafforscher hofft darauf, dass die Bedeutung des Schlafes in der Arbeitswelt sowie in Schulen und Universitäten einen höheren Stellenwert erhält. „Schlaf ist die beste Medizin, gerade in Corona-Zeiten”, sagt er. „Auch das Immunsystem wird im Schlaf gestärkt.”

© dpa-infocom, dpa:200616-99-441309/2

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