München (dpa)

Amazonas-Musiktheater als Techno-Spektakel

Es sollte der Höhepunkt der diesjährigen Münchner Musik-Biennale werden und blieb weit hinter den selbst gesteckten Erwartungen zurück: Ambitioniertes Musiktheater zum Amazonas-Regenwald als multimediales Lehrstück über die Umweltzerstörung in drei Teilen.

Die Aspekte eines «amazonischen Schmerzes», wie es der Philosoph Peter Sloterdijk formuliert hat, sollten musikalisch und dramatisch zu Bewusstsein gebracht werden. Vier Stunden geht es immer um das Thema «Amazonas», am Ende mit einer Lehrstunde über die Gefahren für den Regenwald in Manier eines Volkshochschulseminars. Doch die drei Teile stehen beziehungslos nebeneinander.

Im ersten Teil erobern die Europäer Amazonien. Dazu bietet Komponist Klaus Schedl ein 60-minütiges Heavy-Metal-Konzert mit ohrenbetäubenden Punk-Rhythmen. Drei Schauspieler erzählen auf Großleinwand projiziert und teilweise in Überblendungen den Aufbruch in die Neue Welt und den Zusammenprall mit der indianischen Welt. Die in Englisch gesprochenen Dialoge sind nur schwer verständlich. Über die Musik soll offenbar die zerstörerische Gewalt dokumentiert werden, mit der die Europäer den lateinamerikanischen Kontinent nach der Entdeckung heimsuchten. Das erreicht das Ensemble «piano possibile» mit maximaler Lautstärke und explosionsartigen akustischen Elektroschlägen bis an die Grenze des Erträglichen.

Im zweiten Teil, dem «Einsturz des Himmels», soll die Zerstörung des Regenwaldes aus der Perspektive der Yanomami-Ureinwohner vermittelt werden - wie sie sich gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage letztlich vergebens wehren. Die Bühne verwandelt sich in ein stilisiertes, begehbares Urwald-Labyrinth, in dem die Zuschauer herumgehen sollen, um sich ihre «eigene Performance» zu gestalten. Drei weiße Eroberer schleppen ihr Gepäck durch den akustischen Dschungel. Ein bisschen Straßentheaterstimmung stellt sich ein, verliert sich aber im musikalischen Wirrwarr.

Der Schluss «Amazonas-Konferenz» beschwört die Umkehr, um Regenwald und Umwelt zu retten. Die eingesetzte Technik ist der szenischen Darstellung weit voraus. Computergenerierte Lichtgitter jagen über die Bühne, digitalisierte Bildsignale klettern über eine treppenartige Tribüne, die sich virtuell zu bewegen scheint. Die dazu erzählten und gesungenen Allerweltsweisheiten über die drohende CO2-Belastung der Umwelt und die Gefährdung des Amazonasgebietes wirken wie bemüht-engagiertes Schülertheater.

Nach drei von vier Uraufführungen der diesjährigen Biennale bleibt als Fazit, dass die musikalischen Qualitäten die szenisch dramaturgischen weit übertreffen. Phasenweise schien es, als würden Musik und Theater zusammengefügt, obwohl sie wenig Bezug zueinander haben. Dies zeigte sich bei der ersten Uraufführung von «Maldoror» von Philipp Maintz ebenso wie beim zweiten Musiktheater «Die weiße Fürstin» von Márton Illés (Ungarn). Mit Oper, wie groß angekündigt, hatte keine der Aufführungen etwas zu tun.

Ob die Konzeption der an diesem Mittwoch zu Ende gehenden Biennale glücklich war, im Festival ein Unterfestival «Biennale Plus» mit drei renommierten Orchesterkonzerten zu veranstalten, bleibt fraglich. Bei den durchaus hochkarätigen Aufführungen der Münchner Philharmoniker, des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien und des Münchner Rundfunkorchesters blieben viele Plätze leer.

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