Würzburg

Wie Scheuring das "Wort zum Samstag" schreibt

Das Leben ist nicht leicht. Für Humorlose ist es noch schwerer. Sagt einer, der weit mehr als tausend Glossen geschrieben hat. Zeit für ein ernst(haft)es Gespräch!
Herbert Scheuring, Meister der Glosse. Foto: Angie Wolf

"Unterm Strich“ wird volljährig! Seit 18 Jahren, seit Mai 2001, gibt es in der Main-Post auf der Titelseite die Glosse unten, eben unter dem Strich. Täglich! Nachrichtenredakteur Herbert Scheuring gehört zum Kreis der ersten „Unterm Strich“-Schreiber. Und auch wenn niemand genau Buch über die tägliche Rubrik zum Schmunzeln geführt hat, es keine Statistik dazu gibt: Der 58-Jährige ist wohl der, der am meisten dafür geschrieben hat.

So viel, dass der promovierte Germanist inzwischen vier Bücher mit Glossen veröffentlicht hat. Und der Fankreis unter den Lesern ist groß. Ein Grund, warum der Meister der kurzen pointierten Form seit Oktober 2016 eine eigene Kolumne dort unter dem Strich hat: samstags. Mit „Scheurings Wort zum Samstag“. Auch davon gibt es inzwischen eine feine Selektion zwischen Buchdeckeln. Im Mai und Juni ist er damit auf Lesetour in der Region. Grund genug, unter Kollegen mal ein ernstes Wort über das unterhaltsamste Stückchen Zeitung zu reden.

Frage: Lieber Kollege, jede Woche eine Glosse zu schreiben seit 18 Jahren, mindestens eine – wie schaffst du das, dass dir immer was einfällt?

Herbert Scheuring: Tja. Da fällt mir schon mal nichts dazu ein.

Aber dir fällt immer was ein! Wie macht man das nur? Wie geht das?

Scheuring: Mir fällt gar nicht immer was ein! Oft muss ich mir schon ziemlich das Gehirn ausquetschen. Aber dafür ist es ja da. Um zu fragen: Welches komische Potenzial steckt in einem Thema? Wie kann ich es drehen oder wenden? Und wenn dann die Idee da ist, geht es an die Ausarbeitung.

Wann kommen dir diese Ideen? In welchen Momenten? Beim Zähneputzen, Duschen, Bügeln?

Scheuring: Mit Bügeln habe ich leider gar keine Erfahrung. Die besten Ideen kommen aus heiterem Himmel. Und oft auch beim Zeitunglesen. Weil es bei manchen Sachen eben schon im Hinterstübchen des Kopfes arbeitet. Eine gewisse Routine ist dabei hilfreich. Aber wichtig sind auch Gedankensprünge und Geistesblitze. Nennen wir es Eingebung.

Du bist fast von Beginn an dabei . . . Gezwungen worden, damals?

Scheuring: Nein! Da wird niemand gezwungen, das wäre ja grundverkehrt. Es war schon meine Entscheidung. Ich habe früher viele politische Kommentare oder Leitartikel geschrieben. Bis ich irgendwann gemerkt habe: Das ändert gar nichts. Dann habe ich damit angefangen, Glossen zu schreiben und gemerkt: Das ändert auch nichts. Ich mache jetzt aber trotzdem damit weiter. Es entlastet irgendwie. Die Vorstellung, man könnte durch vernünftige Argumente die Welt verbessern und verändern – die hatte ich sehr lange, aber . . .

. . . aber jetzt änderst du die Welt durch unvernünftige Argumente?

Scheuring: Wenn es so wäre, wäre es schön! Aber einen Einfluss auf irgendetwas zu haben, diese Vorstellung habe ich mir schon lange abgeschminkt.

Apropos abgeschminkt. Vor zweieinhalb Jahren wurde „Unterm Strich“ mal abgeschafft . . .

Scheuring: Als mit der neuen Samstagsausgabe „Scheurings Wort zum Samstag“ eingeführt wurde, dachte man, eine Glosse in der Woche genügt. Aber ich war immer ein Verfechter der täglichen Glosse. Zum Glück nicht nur ich, sondern wie sich herausgestellt hat, auch ein großer Teil unserer Leserschaft.

Genau, unsere Leser wollten „Unterm Strich“ zurück. Seitdem bist du der Chef-Betreuer!

Scheuring: Betreuer klingt so nach Pflegeheim. Nennen wir es lieber Zirkusdirektor. Ich kümmere mich, sorge für die Planung, habe gezielt Kollegen angesprochen, die Glossen schreiben können und das auch gerne tun. Leider sind es nicht so viele.

Der Zirkusdirektor ermuntert, motiviert, gibt Ideen, verbessert . . .

Scheuring: Das schon, aber ich versuche ja auch, eigene Texte zu verbessern. Mir selbst gegenüber bin ich ziemlich rücksichtslos. Papierausdrucke meiner Glossen, die ich vor dem Druck korrigiert habe, sehen aus wie ein Schlachtfeld, so viel ist da weggestrichen und herumgekritzelt.

Ist Humor eine ernste Angelegenheit?

Scheuring: Der Meinung bin ich schon. Natürlich nicht für den Leser, der soll sich ja amüsieren. Aber der Schreiber sollte genau wissen, was er tut, wo er hinwill, und nicht einfach drauflos spinnen. Glossen lesen sich leicht, aber sie schreiben sich nicht leicht. Manchmal funktioniert etwas ganz schnell und spontan, aber meist stecken viel ernsthaftes Nachdenken und Ausprobieren dahinter.

Und drin steckt viel Ernst, so komisch die Texte im besten Fall sind?

Scheuring: Sehr viel. Zum einen gilt, was der Schauspieler Peter Ustinov einmal gesagt hat, nämlich: „Humor ist eine komische Art, ernst zu sein.“ Das heißt: Ich habe eine ernsthafte Botschaft, vermittle sie aber so, dass Leser lachen müssen. Aber auch, wenn man keine Meinung transportieren will, muss man ernsthaft an eine Sache herangehen, damit es komisch wird. Man muss auch im Unsinn ernst bleiben. Große Filmkomiker wie Buster Keaton oder Charlie Chaplin blieben äußerlich ernst, auch Loriot verkörperte seine komischen Charaktere mit großem Ernst. Erst dadurch wird es ja komisch. Eine gute Glosse funktioniert genauso.

Humor ist also . . .

Scheuring: . . . nicht ganz dasselbe wie Komik. Humor ist eine Geisteshaltung, eine Gabe, eine Einstellung dem Leben gegenüber, während Komik das Ergebnis der Bemühung ist, Menschen zum Lachen zu bringen. Humor hilft dabei, das Leben zu ertragen. Das Leben ist nicht leicht. Für Humorlose ist es noch schwerer. Sie sind nicht zu beneiden.

Worüber darf man lachen, worüber nicht?

Scheuring: Schwierige Frage. Die Empfindlichkeiten sind unterschiedlich ausgeprägt. Ich bin nicht der Meinung, dass Satire alles darf. Aber sie darf sehr vieles – mehr, als die sogenannte Humorpolizei erlaubt. Humor muss an Grenzen gehen, das ist immer eine schwierige Gratwanderung. Aber wenn Humorschaffende vorab sämtliche Einwände aller möglichen Bedenkenträger berücksichtigen, dann wird es am Ende ganz bestimmt nicht komisch werden.

Worüber lachst du?

Scheuring: Zum Beispiel über die „heute-show“. Über Bühnenkünstler wie Gerhard Polt. Über Autoren wie Robert Gernhardt und Eckhard Henscheid, die das Satiremagazin „Titanic“ mitgegründet haben. Oder über viele Situationen im Alltag. Lachen verschafft Erleichterung, es bedeutet, dem Ernst ein Schnippchen zu schlagen. Glossen zu schreiben ist übrigens eine gute Übung darin, die komischen Seiten aus oft gar nicht so komischen Dingen herauszukitzeln.

Und du kennst die Tricks, wie man dem Ernst ein Schnippchen schlägt und Menschen zum Lachen bringt?

Scheuring: Ein Witzeerzähler bin ich sicher nicht, das ist nicht mein Metier. Menschen lachen ja über die unterschiedlichsten Dinge. Was manche schier ausrasten lässt, entlockt anderen nur ein müdes Lächeln oder lässt sie ratlos zurück. Es gibt aber schon einige Regeln und Erkenntnisse darüber, wie Komik entsteht. Immanuel Kant hat festgestellt: „Es muss in allem, was ein Lachen erregen soll, etwas Widersinniges sein, woran der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden kann.“

Etwas Widersinniges?

Scheuring: Dieses Widersinnige ist natürlich kein Denkfehler oder Zeichen von Schwachsinn, sondern bewusst konstruiert, um eine komische Wirkung zu erzielen. Eine wichtige Rolle spielen auch Dinge wie absichtliches oder unabsichtliches Missverstehen und die daraus entstehenden komischen Verwicklungen. Die Fallhöhe ist ein wichtiger Begriff, und der Überraschungseffekt. Robert Gernhardt hat es einmal so formuliert: „Du lockst die Leute in ein scheinbar stabiles Sinngebäude und lässt sie dann voll gegen die Wand krachen.“

Wie viele „Worte zum Samstag“ hast du denn als Reserve in der Schublade?

Scheuring: Auf jeden Fall einige. Das muss ich auch, weil „Scheurings Wort zum Samstag“ ja jede Woche erscheint. Wenn ich einmal krank oder in Urlaub war, haben die Leser davon nichts mitbekommen. Das soll auch so bleiben.

Du hast Lieblingsthemen, gell? Denglisch, Digitalisierung, Donald Trump.

Scheuring: Ich habe viele Themen! Und an Trump kommt man manchmal einfach nicht vorbei. Die Person an sich ist ja eigentlich schon komisch genug. Donald Trump ist eine Monsterwitzfigur. Dieser Mann schreit nach Glossierung. Auch wenn es manchmal schwierig ist, da noch was draufzusetzen. Und was Sprache anbetrifft . . . ich sehe mich nicht als Sprachkritiker mit erhobenem Zeigefinger, das wäre ja auch humorlos.

Immerhin hast du mal den Sprachbewahrer-Preis vom Verein Deutsche Sprache bekommen.

Scheuring: Sprachbewahrer – eigentlich ein komischer Begriff. Ich glaube nicht, dass die deutsche Sprache vom Untergang bedroht ist und gerettet werden muss. Sie ist stark genug. Aber ich finde manche Entwicklungen, die auch der Verein Deutsche Sprache zu Recht als pseudokosmopolitisches Imponiergefasel kritisiert, einfach lächerlich. Manche Leute haben zum Beispiel das Wort „Stil“ nicht mehr drauf, sie können nur noch „Style“ sagen. Im Radio hat neulich eine Frau innerhalb von einer Minute sechsmal von ihrer „family“ gesprochen, das Wort „Familie“ klang ihr wohl zu deutsch. Was soll das?

Mal unter uns . . . manche Leser kapieren es einfach nicht, oder? Die verstehen nicht, dass „Unterm Strich“ eben nicht ernst gemeint ist.

Scheuring: Manche Leser verwechseln die Glosse mit einem Kommentar. Eine Glosse kann Kritik üben, muss es aber nicht. Sie darf auch einfach nur unterhalten. Es gibt Leser, die sich mit Ironie einfach schwertun. Sie nehmen Sachen wörtlich, die nicht so gemeint sind. Dann wird es schwierig. . . Glossen können natürlich scharfe Kritik transportieren, aber oft wollen sie nur mit dem Material, das die täglichen Nachrichten ins Gehirn spülen, spielen und es so drehen und wenden, dass es Stoff für Gelächter bietet. Und das wird dann von besonders Empfindlichen, wie zum Beispiel Veganern, als Kritik missverstanden.

Wir müssen leider Schluss machen, der Platz ist alle. Apropos. Mit exakt 46 Zeilen ist „Unterm Strich“ verflixt kurz . . .

Scheuring: Mir persönlich ist es zu kurz, ja, weil ich meist viel mehr schreibe. In der Regel sind meine Texte mindestens um die Hälfte zu lang. Dann muss ich kürzen. Man muss in einer Glosse auf sehr begrenztem Raum zum Punkt kommen. Mein „Wort zum Samstag“ hat genauso viel – beziehungsweise genauso wenig – Platz wie „Unterm Strich“. Ich habe schon einige Texte weggeschmissen, die partout nicht kleinzukriegen waren. Aber vielleicht ist der begrenzte Platz gar nicht so schlecht. Das zwingt zur Reduktion und tut dem Text oft auch gut.

Halt, fast vergessen: An vier Abenden stehst du jetzt mit dem Jazzgitarristen Joe Krieg auf der Bühne. Wie kam's?

Scheuring: Entstanden ist es durch eine Idee des Musikers Rainer Schwander, der vor zwei Jahren eine Veranstaltungsreihe namens „Wort.Spiel – Literarisch-musikalische Begegnungen“ organisierte. Er brachte Joe Krieg und mich zusammen, wir kannten uns vorher gar nicht. Aber es hat gut funktioniert. Was wir machen, ist kein Musikkabarett, sondern eher so ähnlich wie im Radio: Es gibt ein wenig Quatsch, Zuhörer können die Musik genießen, und dann wird wieder eine Geschichte erzählt. Und Verkehrsnachrichten gibt es auch.

Termin-Tipps:  „Scheurings Wort zum Samstag – Texte und Musik“ mit Herbert Scheuring und Jazzgitarrist Joe Krieg  gibt es an vier Abenden:

am Donnerstag, 9. Mai, um 20 Uhr im Theater am Neunerplatz Würzburg. Karten Tel. (0931) 415 443 oder (0931) 6001 6000

am Freitag, 24. Mai, um 19 Uhr im KuK Dettelbach, Karten Tel. (093 24) 3560

am Mittwoch, 5. Juni, um 19.30 Uhr in der Disharmonie Schweinfurt, Karten Tel. (097 21) 288 95 oder (0931) 6001 6000

am Samstag, 8. Juni, um 20 Uhr im Alten Rathaus Lohr, Karten Tel. (093 52) 84 84 84

Das Buch: „Scheurings Wort zum Samstag. Wer? glaubt, wird selig“, 240 Seiten, 9,99 Euro.

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