Würzburg

Museum für Franken: Was Riemenschneider und Donald Duck verbindet

Was haben Riemenschneider, die Jeans und Donald Duck gemeinsam? Sie gehören ins Museum. Ins Museum für Franken auf der Festung Marienberg. Das Konzept für das Haus steht.
Die Festung Marienberg in Würzburg. Das neue Museum für Franken wird im vorderen Viereck entstehen. Noch ist es im barocken Zeughaus untergebracht (hinten im Bild).
Die Festung Marienberg in Würzburg. Das neue Museum für Franken wird im vorderen Viereck entstehen. Noch ist es im barocken Zeughaus untergebracht (hinten im Bild). Foto: Bayerische Schlösserverwaltung, Elmar Hahn

Es gibt da diesen alten Spruch, mit dem sich Museumsleute gern selbst auf den Arm nehmen: Wie schön könnte Museumsarbeit sein, gäbe es die Besucher nicht. Vor einigen Wochen ist dieser Zustand eingetreten und der Spruch nurmehr eine wehmütige Erinnerung an Zeiten, in denen alles anders war. Als Baumärkte und Buchhandlungen wieder öffnen durften, blieben die Museen weiterhin geschlossen, auf der ministeriellen Liste der coronabedingt zu schließenden Freizeiteinrichtungen vom 16. März rangieren sie noch hinter Spielhallen und Bordellbetrieben.

Am Dienstag, 12. Mai, darf das Museum nun unter Auflagen wieder öffnen. Ironischerweise muss es sich dann erstmal präsentieren wie Museen vor 100 Jahren: nichts anfassen, keine interaktiven Elemente, nur Objekte und Hinweistafeln. "Daran sehen wir, wie sehr wir uns weiterentwickelt haben", sagt Claudia Lichte, die stellvertretende Direktorin. "Wir sind längst zu einem Kommunikationsort geworden."

Immerhin: Sosehr das Team des Museums für Franken in den Wochen der Schließung sein Publikum vermisst hat – Direktor Erich Schneider spricht von einem "Geisterhaus" –, so günstig war der Wegfall des Tagesgeschäfts. Denn in der Aus-Zeit geht das "Geisterhaus" gerade einen wichtigen Schritt in Richtung des Museums für Franken, wie es einmal werden soll: Dieser Tage findet die Endredaktion der PU Bau statt.

Erich Schneider: 'Es geht um die Prägung der Marke Festung Marienberg, und das Museum für Franken ist Teil dieser Festung.'
Erich Schneider: "Es geht um die Prägung der Marke Festung Marienberg, und das Museum für Franken ist Teil dieser Festung." Foto: Museum für Franken, Katja Krause

PU steht für "Projekt-Unterlage", die PU Bau ist der Vorentwurf für das künftige Haus. Darin seht, verkürzt gesagt, was wo hinkommen und wie die Festung Marienberg dafür unter wissenschaftlichen, konservatorischen, museumspädagogischen und inklusiven Aspekten umgestaltet werden soll. 80 bis 90 Prozent der Ausstellungsstücke sind planerisch bereits in den rund 30 Räumen verteilt.

Ein ziemlich detailliertes Papier also, das die Museumsleute unter der Federführung des Staatlichen Bauamts im Benehmen mit der Schlösserverwaltung und in jahrelanger enger Zusammenarbeit mit den weiteren Beteiligten entwickelt haben: mit den Ministerien für Finanzen als Hausherr und Wissenschaft als Träger, mit den "Hoskins Architects" aus Berlin, den Museumsplanern von Ralph Applebaum Associates mit Sitz in New York und Berlin. Und schließlich den Bauplanern "Wenzel + Wenzel" aus Karlsruhe.

Das Papier geht zuerst an die Ministerien, dann zur Abstimmung in den Landtag

"Es geht um die Prägung der Marke Festung Marienberg", sagt Erich Schneider, "und das Museum für Franken ist Teil dieser Festung." Was genau in der PU Bau steht, ist noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Das Papier soll im Laufe der nächsten Wochen an die zuständigen Ministerien gehen und dann zur Abstimmung in den Landtag. Stimmt dieser zu, dann können Sanierung und Umbau der sogenannten Kernburg beginnen, also im Viereck, das der Stadt am nächsten liegt. Hierhin wird das Museum umziehen, das seit 1945  im Zeughaus und der Vorburg untergebracht ist.

Eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2014.
Eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2014. Foto: Theresa Müller

Das vor 30 Jahren eröffnete Fürstenbaumuseum im gleichnamigen Flügel der Kernburg ist bereits im Museum für Franken aufgegangen, das Gesamtmuseum bekommt unter anderem den Nordflügel dazu, in dem derzeit Teile des Staatsarchivs untergebracht sind. Dort sind die tiefgreifendsten baulichen Eingriffe möglich: Der im Krieg weitgehend zerstörte Flügel wurde ab 1950 wiedererrichtet, es gibt kaum historische Bausubstanz, die erhalten werden muss.

2013 hatte Markus Söder angekündigt, dass der Freistaat 100 Millionen Euro investieren werde

Zur Erinnerung:  2013 hatte Markus Söder, damals noch Finanzminister,  bekanntgegeben, dass der Freistaat 100 Millionen Euro in die Sanierung der Festung und in die Neukonzeption eines Museums – damals noch unter dem Label "Landesmuseum" – investieren werde. Auf die Frage, wie dafür heute, mitten in der Corona-Krise, die Chancen stehen, antwortet das Museumsteam zurückhaltend: "Man gesteht dem Museum vielleicht keine Relevanz zu, aber im Sinne einer Wirtschaftsförderung hat der Bau eine Chance, umgesetzt zu werden", sagt Erich Schneider. Claudia Lichte ergänzt: "Wir stehen alle hinter dem Entwurf und hoffen, dass man an den Planungen nicht vorbeikommt. In der PU Bau steckt unser Herzblut, jetzt muss man sehen, wie das in Krisenzeiten umgesetzt werden kann."

Der Museumsdirektor zitiert seinen einstigen Kunstgeschichte-Professor und Vorvorvorvorgänger auf der Festung, Max von Freeden (1913-2001), der seinen Studenten immer gesagt habe, "wenn ihr ganz viel Glück habt, dürft ihr bauen". In der Tat merkt man Erich Schneider, Claudia Lichte und Sarah Merabet, zuständig für Presse und Marketing, das Glück darüber an, ein komplett neues Museums planen zu dürfen. Und das Glück, dabei die Chance zu bekommen, berühmte Objekte museologisch optimal und gleichzeitig unter ganz neuen Bezügen zu präsentieren.

Claudia Lichte: ''Wir stehen alle hinter dem Entwurf und hoffen, dass man an den Planungen nicht vorbeikommt.'
Claudia Lichte: ""Wir stehen alle hinter dem Entwurf und hoffen, dass man an den Planungen nicht vorbeikommt." Foto: Sarah Merabet

So soll der Riemenschneider-Saal zweigeschossig werden und eine Galerie bekommen. Das bedeutet, dass Figuren wie Adam und Eva oder die Apostel der Marienkapelle aus zwei Blickwinkeln betrachtet werden können: von schräg unten, wofür sie gemacht wurden, und auf Augenhöhe, um zu verstehen, wie Riemenschneider diesen Effekt erzielt hat.

Mit 80 Werken von Riemenschneider ist das Museum in dieser Kategorie Weltspitze. Nicht so bei den fränkischen Zeitgenossen Lucas Cranach, Albrecht Dürer oder Veit Stoß. Diese werde man nie in ähnlicher Menge und Qualität präsentieren können wie den berühmten Bildhauer, sagt Claudia Lichte. Wohl aber gebe es andere Möglichkeiten: "Wir wollen eine Talkshow aufzeichnen, in der Riemenschneider, Cranach, Dürer und Stoß über die Aktdarstellung diskutieren." Es werde einen Riesenspaß machen, dafür das Drehbuch zu schreiben: "Wir wissen erstaunlich viel über das Denken dieser Künstler."

Adam, Tilman Riemenschneider, 1491/93
Adam, Tilman Riemenschneider, 1491/93 Foto: Museum für Franken, Katja Krause

Auch das fünf Meter hohe Kiliansbanner, mit dem im Jahr 1266 das Heer der Würzburger bei Kitzingen in die Schlacht gegen die Grafen von Henneberg und Castell zog und siegte, soll in voller Größe und von verschiedenen Punkten aus sichtbar gemacht werden. Vor allem aber soll es aus unterschiedlichen Perspektiven erklärt werden - von der Frage, wie Traditionen entstehen und bestehen, bis zu seinem Bezug zur Gegenwart, etwa zum Kiliani-Volksfest.

Jedes Objekt muss einen Bezug zur Gegenwart ausweisen

Die Frage nach dem Gegenwartsbezug erlegte sich das Team bei jedem auszustellenden Objekt auf. "Am Anfang hat man halt was reingeschrieben", sagt Schneider. "Aber auf Dauer hat es uns allen sehr gut getan, uns dieser Frage zu stellen und sie zu beantworten." Entstanden sei so eine Art Matrix, die es erlauben werde, jedes Objekt unter verschiedenen Überschriften zu erkunden. "Wir wollen zeigen, dass Museum nicht rückwärtsgewandt sein muss."

Motorrad der Marke Hercules-Sachs, Baujahr 1953
Motorrad der Marke Hercules-Sachs, Baujahr 1953 Foto: Museum für Franken

Das Museum für Franken ist ausdrücklich kein reines Kunstmuseum, das Kunstobjekte um ihrer selbst willen ausstellt, auch wenn in der Anfangszeit vor gut 100 Jahren, als das 1913 gegründete Haus noch Luitpoldmuseum hieß, vor allem Hochkultur gesammelt wurde. Das Museum ist eines für Kunst- und Kulturgeschichte, das heißt, es geht um Exponate, die für ihre jeweilige Zeit prägend waren, die Umbrüche oder Entwicklungen sichtbar machen. "Das war in früheren Zeiten vor allem Kunst, die von der Kirche in Auftrag gegeben wurde", sagt Sarah Merabet. Heute seien auch Gegenstände des Alltags museumswürdig – historische wie moderne.

"Ich behaupte, ohne Franken sähe die Welt heute anders aus", sagt Schneider und nennt die Jeans, die Levi Strauss aus Buttenheim bei Bamberg erfand. Oder Donald Duck, den in Oberfranken Erika Fuchs ins Deutsche übersetzte. Oder das Kugellager aus Schweinfurt. Als jüngste Neuerwerbung ist dieser Tage eine schwarzfunkelnde Schönheit in den Bestand aufgenommen worden: ein Herkules-Motorrad – Rahmen aus Nürnberg, Sachs-Motor aus Schweinfurt.

So stellte man sich in früheren Zeiten die Mobilität der Zukunft vor. Die historische Postkarte hängt bestimmt nicht aus Zufall an der Pinnwand im Büro von Museumsdirektor Erich Schneider.
So stellte man sich in früheren Zeiten die Mobilität der Zukunft vor. Die historische Postkarte hängt bestimmt nicht aus Zufall an der Pinnwand im Büro von Museumsdirektor Erich Schneider. Foto: Postkarte Sammlung Willi Dürrnagel, Repro Mathias Wiedemann

Weitere "fränkische Helden" sollen in einem Mitmach-Projekt ermittelt werden – etwa 50 beispielhafte Biografien will das Museum dann vorstellen. Mitmachen sollen die Besucher auch im letzten Saal, in der "Zukunftswerkstatt". Dort wird es Regale voller Objekte geben und leere Podeste. Die Besucher können die Podeste mit den Objekten aus den Regalen bestücken, die ihnen bedeutsam erscheinen für ihr eigenes Leben oder ihre Sicht auf die Welt. "Das kann ein iPhone sein", sagt Sarah Merabet, "oder, denkt man an die jüngste Vergangenheit, eine Rolle Klopapier." 

Bleibt noch die alte Frage nach der Erreichbarkeit des neuen Museums. "Ich bin guter Hoffnung, dass irgendwann alle Beteiligten erkennen, dass sie ohne eine zusätzliche, zweite Erschließung nicht auskommen", sagt der Museumsdirektor, der, wie Claudia Lichte auch, in Laufe des Jahres in Ruhestand gehen wird. "Ob das ein Aufzug, eine Seilbahn, ein Zeppelin wird, wer weiß? Wir planen hier ja für eine Zukunft, in der bestimmte Entwicklungen erst noch stattfinden werden, warum also nicht eines Tages fahrerlose Shuttlebusse?"

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