WÜRZBURG

Als das Sax sexy wurde

Als das Sax sexy wurde

Wie viele Lautstärkeabstufungen hat eine Trompete? Zwei: an und aus.“ Witze übertreiben. Drum sind sie komisch. Aber auch nur, wenn der Übertreibung ein Körnchen Wahrheit zugrunde liegt. Tatsächlich ist eine Trompete nicht unbedingt erste Wahl für feinste Lautstärkeabstufungen. Die sind eher eine Stärke der Holzblasinstrumente. Dafür sind Blechbläser beim Fortissimo besser.

Eine Verbindung zwischen beiden, das wär's, dachte ein Mann namens Adolphe Sax einst und entwickelte ein Instrument, das nach ihm benannt wurde: das Saxofon. Patentiert wurde es 1846. Sax (1814 bis 1894) „wollte sozusagen die eierlegende Wollmilchsau erfinden“, erklärt Lutz Koppetsch. Ansatzweise ist dem Sohn eines Instrumentenbauers aus dem belgischen Dinant das sogar gelungen: „Die dynamische Bandbreite des Instruments ist extrem groß“, erklärt Koppetsch.

Ganz so laut wie ein Blechblasinstrument sei es indes nicht, so der Professor für Saxofon an der Würzburger Hochschule für Musik. Das „Sax“ ist eines der wenigen Instrumente, deren Geschichte sich bis zu ihrem Erfinder zurückverfolgen lässt. Wer weiß schon, wer die erste Violine gebaut oder die Trompete entwickelt hat? „Und Sax hat nicht nur ein Instrument, sondern eine komplette Instrumentenfamilie erfunden“, so Koppetsch.

Holzblasinstrument aus Metall

Antoine Joseph Sax, wie er eigentlich hieß, entwickelte acht Instrumente in verschiedenen Größen mit entsprechend unterschiedlichen Tonumfängen, vom sehr hohen Sopranino- bis zum Subkontrabass-Saxofon. Üblich sind heute Alt- und Tenorsaxofon, und auch noch Sopran- und Baritonsax. Das Instrument ist aus Messing, Jazzlegende Charlie Parker spielte zeitweise sogar ein Sax aus Kunststoff. Weil, wie bei einer Klarinette, der Ton mit einem Einfachrohrblatt erzeugt wird, gilt das Saxofon aber als Holzblasinstrument.

Sax begann, sein Instrument geschickt zu vermarkten. Er zeigte es 1855 bei der Pariser Weltausstellung, kontaktierte Komponisten, spielte vor – er war ein guter Musiker, hatte Flöte und Klarinette studiert. In Hector Berlioz fand er einen Unterstützer. Mit einem Wettbewerb zog Sax auch Militärkapellen auf seine Seite. Zwei Formationen traten gegeneinander an: Eine war mit Sax-Instrumenten ausgestattet (er hatte auch Hörner weiterentwickelt, darunter das Euphonium), die andere blies in herkömmliches Material.

Das Sax wurde sexy

„Es muss ein ziemliches Spektakel gewesen sein“, vermutet Lutz Koppetsch. Die Instrumente von Sax siegten, und das Militär kaufte bei dem Belgier ein. Er hatte nun einen Namen als begabter Instrumentenbauer. Für Giuseppe Verdi konstruierte er sogar spezielle „Aida“-Trompeten. Bis zu 100 Mitarbeiter sollen für Sax an die 20 000 Instrumente gefertigt haben. Das „Sax“ wurde sexy – prompt rief der Erfolg Neider auf den Plan. Sax musste mehrfach vor Gericht, gewann die Prozesse jedoch. Dann brannte seine Fabrik ab. „Es ist bis heute ungeklärt, ob nicht vielleicht Brandstiftung die Ursache war“, spekuliert Lutz Koppetsch. Dauerhafter wirtschaftlicher Erfolg war Sax nicht gegönnt. Er starb verarmt.

Koppetsch (38) lehrt klassisches Saxofon. Innerhalb der E-Musik ist das Saxofon noch immer ein Exot. Mögen auch die Großen wie Georges Bizet („L'Arlesienne“-Suite), Maurice Ravel (Bolero) oder Richard Strauss (Sinfonia Domestica) Saxofonstimmen in einige Partituren geschrieben haben: Der Saxofonist gehört nicht zur Stammbesetzung von Sinfonieorchestern. Wenn ein Sax gebraucht wird, etwa bei Massenets Oper „Werther“, muss ein Gastmusiker engagiert werden. Auch Lutz Koppetsch sitzt immer wieder in diversen Orchestergräben, am 10. Juni ist er klassisch beim Mozartfest („Mozart am Grün“) zu hören. Wirklich etabliert hat sich innerhalb der E-Musik nur das Saxofonquartett.

Seinen Siegeszug trat das Saxofon mit einer Art von Musik an, die sich sein Erfinder auch nicht ansatzweise vorstellen konnte, weil es sie zu seinen Lebzeiten schlicht noch nicht gab: dem Jazz. Auf ihren Tourneen kamen französische Militärkapellen auch in die Vereinigten Staaten. Jazz und Blues steckten dort gerade in den Kinderschuhen, in New Orleans gab es die sogenannten Marching Bands. Die spielten ihre neuen Töne im Freien, mit all den akustischen Problemen, die das mit sich bringt. Das Saxofon, wendig und volltönend, kam da gerade recht. Heute ist es aus Jazz- und auch aus Rock- und Popmusik nicht mehr wegzudenken. „Das Saxofon ist ideal für den Jazz“, sagt Koppetsch. Es habe so viele Klangfarben drauf: „Es kann klar klingen und schmutzig.“

Nazis blockierten das Saxophon

In Deutschland allerdings blockierten – jedenfalls vorläufig – die Nazis den Siegeszug des Saxofons: Jazz und Blues passten nicht in die Ideologie der braunen Machthaber. Derartige Musik wurde, wie so viele gute Kunst, als „entartet“ gebrandmarkt. Doch in den 1950er Jahren wurde kräftig nachgeholt

Auch Einsteiger haben mit dem Instrument ihre Freude, wirbt der Würzburger Professor: „Die ersten Schritte sind leicht zu erlernen.“ Auch dazu gibt es den passenden Witz: „Fragt eine Mutter den Musiklehrer: ,Wie lange dauert es, bis mein Sohn Trompete spielen kann?‘ – ,Fünf Jahre müssen Sie schon rechnen.‘ Das dauert ihr zu lange. Sie fragt: ,Wie lange dauert es, bis mein Sohn Saxofon spielen kann?‘ – ,Haben Sie noch etwas in der Stadt zu tun?‘“

Wie gesagt: Witze übertreiben. Der Weg zum Könner ist bei den famosen Instrumenten des Herrn Sax ohnehin genauso weit und steinig wie bei anderen Instrumenten auch.

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