WÜRZBURG

Kein Fest ohne Dudelsack

Typisch: „Bauerntanz“ von Pieter Bruegel dem Älteren (1525/30 bis 1569). Ein Dudelsackspieler durfte nicht fehlen.
Typisch: „Bauerntanz“ von Pieter Bruegel dem Älteren (1525/30 bis 1569). Ein Dudelsackspieler durfte nicht fehlen. Foto: Wikipedia. bB

Wer hat's erfunden? Nicht die Schotten, auch wenn beim Wort „Dudelsack“ heute praktisch jeder an marschierende Männer in karierten Röcken denkt. Erfunden wurde das Instrument viel weiter südlich, wahrscheinlich von Hirten im Mittelmeerraum. Die nähten umgedrehte Schaffelle zu Säcken zusammen und kombinierten sie mit ihren Launeddas.

Die Launedda ist eines der ältesten Blasinstrumente überhaupt und „quasi ein Dudelsack ohne Sack“, schmunzelt Bernhard Böhm. Denn mit der Launedda begann vor rund 3000 Jahren die Geschichte des Dudelsacks. Böhm, Experte für historische Holzblasinstrumente, hat solch ein Instrument vor sich auf dem Tisch liegen. Es besteht aus zwei miteinander verbundenen Schilfrohren. Eines dient zum Spielen der Melodie. Der Ton wird durch einen Längsschlitz am oberen Ende erzeugt. Die Tonhöhe lässt sich durch Grifflöcher verändern, ähnlich wie bei einer Blockflöte. Das zweite Rohr, Bordun genannt, ist auf einen Ton festgelegt. „Es brummt, und man kann dazu spielen“, sagt Böhm – so vermittelte die Launedda schon in der Antike die „Faszination der Zweistimmigkeit“.

Auch beim Dudelsack geben Spiel- und Bordunrohr den Ton an. Sein Vorteil: Der Sack speichert den Luftdruck, ermöglicht also ununterbrochenes Spiel. Ein Launedda-Bläser muss entweder immer wieder Luft holen und das Spiel kurz unterbrechen, oder er beherrscht die Zirkularatmung. Dabei wird während des Blasens eingeatmet, eine Technik, die nicht jeder drauf hat. Die Erfindung des Dudelsacks hat dieses Problem erledigt.

Bernhard Böhm zeigt, wie's geht. Mit dem Anblasrohr, das selbst keine Töne erzeugen kann, wird der Sack aufgeblasen. Eine Lederklappe im Innern verhindert – wie ein Ventil im Fahrradschlauch –, dass die Luft wieder zurückgedrückt wird. Böhm klemmt das Instrument zwischen Körper und linken Oberarm, greift mit den Fingern beider Hände die Grifflöcher der Spielpfeife, drückt mit dem linken Arm Luft in die Rohre, der Bordun brummt, das Spielrohr quäkt charakteristisch – und der Musiker spielt eine muntere Melodie. Immer wieder pustet er ins Anblasrohr, damit stets genug Druck im Sack ist.

Er muss zudem darauf achten, dass er die Luft möglichst gleichmäßig mit dem Arm in die Pfeifen drückt. Fährt sie stoßweise in die Pfeifen – Böhm demonstriert das –, wirkt's, als habe das Instrument Schluckauf. Klingt alles ziemlich kompliziert und ist es auch. „Der leichtere Teil beim Dudelsackspiel ist das Greifen der Töne“, sagt der emeritierte Professor der Würzburger Hochschule für Musik. „Wer Blockflöte spielen kann, kommt auch mit den Griffen einer Dudelsack-Spielpfeife zurecht.“ Anders als bei der Flöte wird beim Dudelsack der Ton aber durch ein Doppelrohrblatt erzeugt – wie etwa bei der Oboe.

Der 68-Jährige spielt den Nachbau eines Dudelsacks, wie er um 1600 üblich war. Es ist ein sogenannter Dudey, eine mittlere Instrumentengröße. Die kleinere Version namens Hümmelchen eignet sich auch fürs Spiel zu Hause, ohne dass der Nachbar rebelliert. Anfänger-Instrumente gibt es beim seriösen Instrumentenbauer für unter 600 Euro. Die große Version – lautstark, Open-Air-tauglich und in einer speziellen Bauart auch von den Schotten genutzt – nennt der Fachmann Bock.

Böhms Dudelsack hat drei Bordunpfeifen – „Luxus“, sagt der bärtige Musiker. Gespielt wird maximal mit zwei Bordunen, oft nur mit einem. Die nicht genutzten Rohre werden mit einem Verschluss stillgelegt. Die unterschiedlich langen Bordune bieten die Möglichkeit, den jeweils passenden Begleitton für verschiedene Tonarten parat zu haben. Jedes Rohr ist zudem ausziehbar, kann also in bestimmten Grenzen in der Tonhöhe verändert werden. „Die Spielpfeife selbst hat einen Tonumfang von einer Oktave plus einem Ton“, erklärt Böhm. Halbtöne sind möglich. „Ein Kreuz und ein b gehen.“

„Kein Fest ohne Dudelsack“, fasst Bernhard Böhm den Einsatzbereich der Sackpfeife im Mittelalter und in der Renaissance zusammen. Entsprechende Darstellungen gibt es etwa bei Dürer und Bruegel. Im Barock wurde der Dudelsack, technisch weiterentwickelt, zur „Musette de cour“, zum höfischen Instrument. Beliebt war es vor allem in Frankreich. Meister wie Boismortier und Rameau komponierten für den Dudelsack. In barocken Suiten ist die Musette ein Teil von Tanzsätzen – selbst da sorgt der Dudelsack also für Festcharakter, auch wenn er von anderen Instrumenten imitiert wird.

Aus der Kunstmusik ist der Dudelsack dann wieder verschwunden. „In der Volksmusik war er aber immer präsent“, sagt Böhm. Und im Zuge der Wiederentdeckung Alter Musik erlebt die Sackpfeife eine Renaissance. Böhm selbst setzt sie in seinen Programmen, bei denen er verschiedene historische Blasinstrumente vorführt, gerne gleich zu Beginn ein, betritt den Saal dudelsackspielend. „Das schafft sofort eine gute Atmosphäre“, hat er beobachtet. „Die Leute hören's und lächeln.“

Die Mehrstimmigkeit entfaltet noch immer ihren Charme – wie vor 3000 Jahren.

Bernhard Böhm mit Dudey
Bernhard Böhm mit Dudey

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