WÜRZBURG

Musik ist Teil ganzheitlicher Bildung

Kinder und Musik       -  Sing- und Musikschule, feiert 50. Geburtstag. Links Geschäftsstellenleiter Michael Dröse, rechts Musiklehrerin Eva Schneider-Schmitt
Sing- und Musikschule, feiert 50. Geburtstag. Links Geschäftsstellenleiter Michael Dröse, rechts Musiklehrerin Eva Schneider-Schmitt Foto: Obermaier
Er selbst bedauert sehr, als Kind kein Instrument erlernt zu haben. Früher, sagt er, sei Musikschulunterricht ein Geheimtipp gewesen und für eine Großfamilie kaum finanzierbar. Seine späteren Versuche, Gitarre zu erlernen seien zwar nicht erfolglos gewesen. Zur Konzertreife habe aber die Zeit zum Üben gefehlt.  Das ist freilich nicht der Grund, weshalb Michael Dröse, 2. Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Sing- und Musikschulen (VBSM), den freien Zugang aller Kinder zur Musik fordert. „Musik ist ein Lebensmittel und ein wichtiger Baustein zur ganzheitlichen Bildung unserer Kinder“, sagt er. Mit ihm sprach mainpost.de über die Zukunft der Musikschulen in Bayern.

Frage: Trügt der Eindruck oder geht es den Musikschulen in Bayern und speziell in Unterfranken exzellent?
Michael Dröse: Nicht so schlecht bis gut, würde sicherlich eher die Situation beschreiben. Das Angebot und die Lage der Musikschulen sind  nicht einheitlich. Denn Kulturpolitik ist zum Großteil von der Kommunalpolitik geprägt und im Rahmen der Leistungsfähigkeit der Kommunen und deren politischen Zielsetzungen auch sehr unterschiedlich ausgeprägt. Der Wunsch nach einer stabilen Landesförderung mit 25 Prozent des benötigten Geldes, um ein Musikschulangebot zu realisieren, wird deshalb immer wieder laut geäußert. Die Schülerzahlen sind zwar stabil, aber die Schaffung einer finanziellen Grundlage und verlässliche Rahmenbedingungen bleiben ein großes Aufgabenfeld.

Frage: Die Situation in Mainfranken ist besser als in vielen anderen Kommunen Bayerns?
Dröse: Dass es uns nicht so schlecht geht, liegt daran, dass Eltern, Bildungspartner und politisch Verantwortliche erkannt haben, wie wichtig die Investition in eine ganzheitliche Bildung ist. Manche Politiker sprechen nicht zu Unrecht von präventiver Jugendarbeit. Erfahrungen aus allgemeinbildenden Schulen und Studien bestätigen dies eindrucksvoll. Wir müssen nicht so sehr fürchten, dass die freiwilligen Leistungen der Kommunen zur Diskussion stehen. In anderen Regionen Bayerns sieht das völlig anders aus. Sehr gut würde es uns gehen, wenn die staatlichen und kommunalen Rahmenbedingungen so stabil wären, dass wir von einer Musikschule für alle sprechen könnten. Es gibt aber leider immer noch räumliche und finanzielle Zugangsbeschränkungen. Der VBSM tritt für gleiche Bildungschancen ein und hält ein wirklich flächendeckendes Angebot für erstrebenswert. Da ist für die 215 Musikschulen in Bayern noch viel Lobby- und Überzeugungsarbeit zu leisten.

Frage: In der Region um Würzburg scheinen besonders viele junge Leute ein Instrument zu spielen?
Dröse: Die Region Würzburg ist tatsächlich sehr stark. Im Vergleich mit anderen Regierungsbezirken bestehen hier kaum weiße Flecken, in denen kein Musikschulangebot in erreichbarer Nähe ist.

Frage: Gleichwohl liest man immer mal wieder, es seien hier und da noch Plätze in den Musikschulen frei?
Dröse: Sicherlich gibt es bei manchen Instrumenten noch freie Plätze. Wir sprechen da von Mangelinstrumenten.

Frage: Mangelinstrumente?
Dröse: Ja, also etwa Kontrabass, Oboe oder Fagott, beispielsweise, nennen wir Mangelinstrumente, weil vergleichsweise wenige Schüler sich dazu entscheiden, ein solches Instrument zu erlernen. Bei Gitarre und Klavier schieben wir hingegen oft große Wartelisten vor uns her. Manchmal gibt es freie Plätze bei der musikalischen Früherziehung, um eine pädagogisch und wirtschaftlich sinnvolle Kursgröße zu erreichen.

Frage: Warum sollte ein Kind überhaupt ein Musikinstrument erlernen?
Dröse: Musik gehört zum Leben. Musik ist Lebensmittel und ein wichtiger Baustein zur ganzheitlichen Bildung unserer Kinder. Hier wird neben den rein musikalischen Lerninhalten viel mehr vermittelt. Das Erlernen eines Instruments erfordert und fördert insbesondere Konzentrationsfähigkeit, Teamgeist, Ausdauer, Rücksicht, Disziplin, stärkt Selbstbewusstsein und Lernfähigkeit.

Frage: Warum sollte es dies in einer Musikschule tun?
Dröse: Kontinuität, breites Fächerangebot, bedarfs- und leistungsgerechte Unterrichtsangebote und -formen, Ensembleangebote, qualifizierte Lehrkräfte, Breitenarbeit und Begabtenförderung im ausgewogenen Maß, sozialverträgliche Gebührenordnung, Mietinstrumente, staatliche Aufsicht, Veranstaltungswesen, Bildungskooperationen und gelebte Inklusion zeichnen öffentliche Musikschulen aus.

Frage: Auch viele Musikvereine bieten Instrumentenunterricht an. Gibt es da ein bisschen Konkurrenz?
Dröse: Im Idealfall verstehen sich beide, Verein und Schule, als Partner. Letztlich haben beide ein gemeinsames Ziel. Die Musikschule ist zunächst als öffentliche Bildungseinrichtung auch für die Nachwuchsausbildung der Musikvereine der richtige Ansprechpartner – wie auch für viele Schulorchester, Kirchengemeinden und freie Musikeinrichtungen. Oftmals sind aber Musikvereine genau da, wo eben keine Musikschule besteht oder kein Angebot ortsnah umgesetzt wird, die einzige Anlaufstelle für musikinteressierte Kinder und Jugendliche.

Frage: Wie sieht es denn mit der Zukunft der Musikschulen aus? Die Zahl der Neugeborenen sinkt, wird es in den nächsten Jahren weniger Schüler geben?
Dröse: Eine interne Schätzung unseres Bundesverbandes (VdM) hat ergeben, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen im einstelligen Prozentbereich sinken wird. Betrachtet man die Zahl der Menschen, die an einer öffentlichen Musikschule unterrichtet werden, mit den potenziellen Schülern, wird dieser Rückgang in manchen Regionen kaum ins Gewicht fallen. Eine engere und pädagogisch abgestimmte Zusammenarbeit mit Grundschulen könnte sogar zu einer erheblichen Steigerung der Zahl von musikinteressierten Kindern führen.

Frage: Inwiefern?
Dröse: Wir kooperieren mit dem Sonderpädagogischen Förderzentrum in Würzburg sowie mit den Grundschulen in Helmstadt und Randersacker im Landkreis Würzburg. Solche Kooperationen könnten wir ausbauen und dadurch viel mehr Kindern den Zugang zur Musik ermöglichen.

Frage: Woran hapert es?
Dröse: Jede Kooperation ist individuell gestaltet und steht auf einem sehr individuellen Finanzierungskonzept. Eltern, Schulen, Kommunen, Fördervereine und Musikschulen entwickeln pro Schule ein eigenes Konzept. Das ist kompliziert und langwierig. Das müsste man straffen.

Frage: Haben Jugendliche im G8 überhaupt noch Zeit, ein Instrument zu lernen?
Dröse: Das ist sicher die größere Herausforderung als der Rückgang der Geburtenrate. Auch beim Ruf nach einer Ganztagesschule müsste man darüber nachdenken, wo Kindern und Jugendlichen Zeit und Raum zum Musizieren gelassen wird. Und ob die Schule den Musikunterricht selbst organisiert oder mit Musikschulen zusammenarbeitet.

Frage: Was empfehlen Sie Eltern, die gerne möchten, dass ihr Kind ein Instrument erlernt?
Dröse: In der Regel gilt, je früher der Einstieg in die Musikschule desto selbstverständlicher lässt sich der Unterricht und das tägliche Üben in die Frei-Zeit integrieren. Deshalb sollten Eltern das Grundfachangebot nutzen. Viele Musikschulen bieten auch schon vor dem Kindergartenalter geeignete Einstiege an. In einer musikalischen Grundausbildung lernen Kinder auch viele Instrumente, deren Klang und deren Handhabung kennen. Ein Tag der offenen Tür, Schnupperangebote oder Kooperationsangebote in allgemeinbildenden Schulen helfen ebenfalls bei der Wahl des richtigen Instruments. Konzerte zu besuchen, ist sicher ein großer Anreiz für Kinder. Der Wunsch des Kindes sollte meines Erachtens dabei berücksichtigt werden und nicht weil eh noch ein Klavier von Oma da ist, der Klavierunterricht als Wunsch des Kindes angenommen werden. Nicht selten stellt sich aber auch nach ein paar Jahren ein völlig anderer Instrumentenwunsch beim Musikschüler ein.

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