WÜRZBURG/SCHWEINFURT

„Musik macht nicht schlau, Musik macht besser“

Die Unterschiede zwischen den Kindern mit herkömmlichem Musikunterricht beziehungsweise vertieften Musikunterricht waren erstaunlich: In der Bewertung ihrer sozialen Kompetenzen und Konzentrationsfähigkeit schnitten die Kinder mit verstärktem Musikunterricht deutlich besser ab. Zudem war ihr Intelligenzquotient im Schnitt um 6 Prozentpunkte höher.
Die Studie des Berliner Musikpädagogen Hans Günther Bastian im Jahr 2000 sorgte für Aufsehen und viele Studien folgten, die den positiven Effekt des Musizierens auf Sozialverhalten und Intelligenz von Kindern nachweisen wollten.
 
Über sechs Jahre hinweg hatte er die Intelligenzquotienten und das soziale Verhalten in verschiedenen Schulklassen untersucht: Zwei Klassen hatten regulären Musikunterricht, die andere Klasse jedoch einen verstärkten Musikunterricht, der verpflichtenden Instrumentalunterricht und das Musizieren in einem Ensemble vorsah.
 
„Musik macht nicht schlau, Musik macht besser,“ sagt Andreas C. Lehmann, Professor für systematische Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik in Würzburg. Seine ersten Instrumente waren Klavier und Cello, trotzdem zweifelt er: „Ob mich das Musizieren als Kind schlauer gemacht hat, ist gar nicht so einfach zu sagen.“ Zudem verbannt er die Argumentation, Musikmachen mache Kinder generell schlauer und führe zu besseren Schulleistungen, ins Reich der Fabeln: „Viele Kinder, die ein Instrument lernen, kommen aus Familien mit hohem sozioökonomischem Status. Die Bildung der Eltern schlägt sich positiv auf die schulischen Leistungen des Kindes nieder.“
 
Studien deuten darauf hin, dass Effekte wohl vor allem im Grundschulalter sichtbar sind, denn das Erkennen von Sprachlauten und schriftlichen Symbolen wird durch das Musizieren verbessert. In höheren Klassen ist solch ein deutlicher Fortschritt nicht mehr festzustellen. Allerdings kann man bei vielen Musikern ein besseres Ohr für gesprochene Fremdsprachen wie Englisch oder Französisch ausmachen.
 
„Die Neurologie hat nachgewiesen, dass sich das Gehirn durch Musizieren verändert. Das Gehirn eines Geigenspielers ist zum Beispiel aufs Geigespielen viel besser trainiert als das Gehirn von anderen Menschen. Aber wo wollen wir hier den Transfer auf die Intelligenz eines Menschen herstellen?“, so Lehmann.
 
Für ihn sind die Effekte im sozialen Bereich und der Selbstorganisation eher messbar. „Durch das kontinuierliche Üben von Stücken auf dem Instrument lernt das Kind zu arbeiten und zu lernen.“ Auch die Konzentrationsfähigkeit wird laut Lehmann gefördert, vor allem im Einzelunterricht, wo sich ein Erwachsener für eine längere Periode mit seinem Schüler beschäftigt. Für viele Kinder sei das eine besondere Erfahrung, so viel Aufmerksamkeit von einem anderen Menschen zu erfahren. Auch für die Entwicklung des eigenen Persönlichkeitsbildes und die psychische Stabilität bringt das Musizieren Vorteile für Kinder. „Sie wissen, was sie können. Sie kennen den Erfolg genauso gut wie das Scheitern.“
 
Trotz der Vorteile, die sich durch den Instrumentalunterricht ergeben, geht die konstante Beschäftigung mit einem klassischen Instrument über einen längeren Zeitraum immer mehr zurück, sagt Professor Lehmann. Die Schuld daran gibt er zu einem großen Teil den gestiegenen schulischen Anforderungen: „Das Hauptklientel für Musikunterricht stammt aus den Gymnasien und Realschulen. Mit Einführung des G8 zieht sich der Unterricht an Wochentagen bis tief in den Nachmittag hinein. Da bleibt wenig Zeit für den privaten Musikunterricht oder das Spielen im Ensemble am Abend.“
 
Jasmin Fey aus Reckertshausen bei Hofheim (Landkreis Haßberge) ist eine derer, die sich trotzdem ihre Zeit dafür nehmen. Die 17-jährige ist Mitglied des Fanfaren- und Spielmannszug Hofheim und spielt seit 8 Jahren Querflöte und Spielmannsflöte. Trotz des anstehenden Realschulabschlusses konzentriert sie sich auch weiter auf die Musik und nimmt sich Zeit für die wöchentlichen Proben mit dem Flötenregister. Wenn Märsche oder Wertungsspiele anstehen, können es aber auch bis zu 3 Proben in der Woche sein.
 
Trotz des Zeitaufwandes ist Jasmin weiter mit Feuer und Flamme dabei: „Wenn man Musik macht, fühlt man sich danach einfach besser und es macht immer Spaß, ein neues Stück einzustudieren. Im Moment haben wir zum Beispiel die Filmmusik von Fluck der Karibik.“ Ein Höhepunkt des Vereinslebens sind für sie auch die gemeinsamen Ausflüge, die der Spielmannszug regelmäßig organisiert: Im Oktober geht’s zum Blumenfest nach Meran (Südtirol).
 
Das gemeinsame Musizieren und den Kontakt mit Gleichaltrigen hält Professor Lehmann für einen weiteren Vorteil des Musikerdaseins für Kinder und Jugendliche. Es sei ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung des Sozialverhaltens der Heranwachsenden. Trotzdem mahnt er dazu, die Musik nicht immer nur nach ihren Nützlichkeitskriterien zu beurteilen, sondern die Musik selbst als ihr höchstes Gut anzusehen: „Man sollte nicht immer versuchen, über andere Vorteile von Musik nachzudenken, wie sie sich zum Beispiel positiv auf die schulische Laufbahn auswirken kann. Musik hat schon immer zur menschlichen Kultur gehört und wird es auch in Zukunft!“  
 
Die Berliner Studie
 
Mit dem Titel „Musik(erziehung) und ihre Wirkung“ und unter einem großen medialen Echo aber auch kritischen Stimmen veröffentlichte der Berliner Musikpädagogikprofessor Hans Günther Bastian im Jahr 2000 die Ergebnisse seiner Langzeitstudie. Bastian wollte damit den Einfluss von erweiterter Musikerziehung auf die Entwicklung von Kindern nachweisen. Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert, führte er die Untersuchungen von 1992 bis 1998 an Berliner Grundschulen durch. In der Schulklasse mit musikalischen Zügen waren für die Schüler 2-stündiger Musikunterricht, das Erlernen eines Instruments sowie das Spiel im Ensemble Pflicht. Die beiden anderen Vergleichsklassen hatten herkömmlichen einstündigen Musikunterricht.
Bastians Forschung ergab, dass die Schüler der Musikklasse eine höhere Intelligenz, Sozialkompetenz und bessere Schulleistungen erzielten als die Schüler der konventionellen Klassen. Es wurden weniger Schüler aus der Klassengemeinschaft ausgegrenzt, die Leistungen in Fächern wie Mathematik, Deutsch oder Englisch war trotz der zusätzlichen Zeitbelastung durch das Instrumentüben besser. Bastians Fazit: Das Spielen eines Instruments ist wichtig für Kinder, Schulen sollten dies ermöglichen. Das Musizieren übe intellektuelle, motorische und emotionale Fähigkeiten, die sich positiv auf Kompetenzen wie Entscheidungsfindung, Teamfähigkeit und kontinuierliches Arbeiten auswirkt.
„Musik macht nicht schlau, Musik macht besser“

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