WÜRZBURG

Musiktherapie hilft verhaltensgestörten Kindern

Wenn herkömmliche Therapieformen nicht mehr greifen, hilft vielen verhaltensgestörten Kindern die Musiktherapie weiter. Die Musik beeinflusst den Menschen auf körperlicher, emotionaler und sozialer Ebene, sagt die Münchner Musiktherapeutin Christine Plahl. Musik erweitert unsere Wahrnehmung, aktiviert, regt die Verarbeitung von Emotionen an und strukturiert das gemeinsame Handeln. Als Ausdrucksform ermöglicht die Musik dem Menschen daher, sich ohne sprachliche Mittel zu verständigen. Genau diese Tatsache macht sich die Musiktherapie zunutze.
 
Thomas Wosch ist Professor für Musiktherapie an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt seit 2007. Damit ist Würzburg eine der wenigen deutschen Hochschulen, die Musiktherapie als Schwerpunkt im Studiengang Soziale Arbeit anbietet. Im Interview schildert Wosch die Einsatzbereiche und Wirkungsweisen von musiktherapeutischen Methoden, und verrät, wie Musiktherapie sogar Unfallopfern und Demenzkranken helfen kann.
 
 
Frage: Auf welche Weise kann die Musiktherapie verhaltensgestörten Kindern helfen?
THOMAS WOSCH: Schon bei frühgeborenen Kindern kann die Musiktherapie helfen, da das Hören der erste ausgebildete Sinn eines Menschen ist: Wir nehmen akustische Signale schon im Mutterleib wahr. Durch die Einspielung der Mutterstimme oder Musik in den Inkubator kann man oft auftretenden Herzrhythmusstörungen bei Frühgeborenen entgegenwirken. Durch die Einspielungen wähnt sich das Frühgeborene wieder im Mutterleib. Das trägt zur Reaktivierung des gewohnten Körperrhythmus bei. In der Musiktherapie für Kinder und Jugendliche können psychische Erkrankungen nach Krisen oder Belastungen behandelt werden. Bei Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen wie ADHS lehrt die Musiktherapie, mit dieser Störung umzugehen. Dadurch kann die Aufmerksamkeitsspanne von einigen Sekunden auf Minuten ausgedehnt werden. Das geht sogar bis dahin, dass die Kinder ihre Interaktionsfähigkeit deutlich verbessern.
 
 
Wie können sich die Eltern eine typische Musiktherapiestunde vorstellen?
WOSCH: Es wird aktiv und experimentell musiziert, vor allem auf Orff-Instrumenten wie der Trommel oder dem Becken. Es sollten nie mehr als 6 Instrumente im Raum sein, da es sonst zu einer Überforderung der Kinder kommen könnte. Zuerst experimentiert jeder für sich mit den Instrumenten, ohne Unterbrechung durch den Therapeuten. Wenn die Kinder sich sicher im Umgang mit den Instrumenten fühlen, wird das Zusammenspiel geprobt. Der Therapeut gibt dann zum Beispiel eine Vorgabe – „spielt laut“, „spielt leise“, „spielt einen Nieselregen“ – welche die Kinder dann gemeinsam umsetzen. So wird die Musik ab einem bestimmten Punkt zum Kommunikationsmittel, beispielsweise in Klanggesprächen zwischen den Kindern. Danach kommt es zu einem Feedback, bei dem die Kinder in der Diskussion überprüfen, ob der Gegenüber das durch die Musik Ausgedrückte überhaupt verstanden hat. Manchmal wird den Kindern klar, dass die anderen ihre musikalischen Botschaften völlig missverstanden haben. Den Kindern wird ihr soziales Verhalten bewusst und es kann zu einer Besserung kommen.
 
In welchen Bereichen ist die Musiktherapie denn noch einsetzbar?
WOSCH: In der Psychotherapie hat die Musiktherapie ihren längsten Ursprung, hier kann vor allem geistig behinderten Menschen geholfen werden. Die Kinderjugendpsychatrie baut zu 80 Prozent auf musiktherapeutischen Methoden auf. Auch in der Neuroreha kommt Musiktherapie zum Einsatz, zum Beispiel bei Unfallopfern mit Schädel-Hirn-Traumata, die motorische und artikulatorische Probleme haben. Menschen mit Demenz kann mit Musik geholfen werden. Das Vorspielen von Liedern, die für den Patienten früher große Bedeutung hatten führt teilweise zu erstaunlichen Ergebnissen: Es gibt ihnen Momente der Klarheit, die Menschen fühlen sich für einen kurzen Moment nicht mehr desorientiert. Das geht sogar so weit , dass die Patienten zehn Strophen eines Volksliedes mitsingen können, wo der Therapeut im Text erst noch einmal nachschauen muss.
 
 
Wie kann es zu solch erstaunlichen Ergebnissen kommen?
WOSCH: Diese Erfolge begründen sich auf der Funktionsweise des menschlichen Gehirns: das limbische System, das im Hirn für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist, ist gleichzeitig für das Erleben von Musik zuständig. Es funktioniert auch bei Demenzpatienten bis zuletzt. So können die mit der Musik verbundenen positiven Erfahrungen reaktiviert werden. Bei Demenzpatienten kann die Musiktherapie also die noch vorhandenen Potenziale besser ausreizen, aber Verbesserung des Zustands kann allerdings nicht erzielt werden.
 
 
Wie steht es mit der Akzeptant von Musiktherapie als Behandlungsmethode hier in Deutschland?
WOSCH: Mittlerweile ist bei fast allen Arten von Störungen die Wirkung von Musiktherapie nachgewiesen. Die Musiktherapie ist im Medikationsempfehlungsregister von Ärzten aufgenommen. Die besonderen Chancen für die Musiktherapie entstehen vor allem dann, wenn andere Methoden aus dem psychischen oder sozialen Bereich nicht mehr greifen. Ein Schizophrener kann sich zum Beispiel nicht effektiv mit einem Psychologen unterhalten. Das ist ein Extrembeispiel, aber genau da könnte die Musiktherapie ins Spiel kommen.
 
 
Kann man eine Musiktherapie über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen?
WOSCH: Die Musiktherapie ist leider nicht als sogenanntes Richtlinienverfahren anerkannt und daher nicht im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen. Wird eine Musiktherapie empfohlen, kann eine Abrechnung über das zuständige Jugendamt erfolgen, die von den Eltern beantragt werden muss. Dem Antrag ist dann auch ein ärztliches Gutachten beizufügen, welches belegt, dass dem Kind eine seelische oder körperliche Behinderung droht.

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