WÜRZBURG

Von wegen Quetschkommode!

Akkordeon mit Knöpfen für die rechte Hand. Möglich ist auch eine Klaviertastatur.Fotos: Hohner, Hiro Ugaya, Wiki
Akkordeon mit Knöpfen für die rechte Hand. Möglich ist auch eine Klaviertastatur.Fotos: Hohner, Hiro Ugaya, Wiki

Ziehharmonika? Passt nicht: „Wir drücken ja auch“, sagt Stefan Hussong amüsiert grinsend. Schifferklavier? Passt auch nicht: „Nicht für das, was wir machen“, wehrt der Würzburger Professor ab. „Quetschkommode“ geht gar nicht. Und „Akkordeon“ klingt zwar seriös – führt aber an sich in die Irre, denn: Akkorde spielt so ein Instrument, wie es Hussong benutzt, eigentlich auch nicht, sondern Einzeltöne, die sich freilich zu Akkorden kombinieren lassen . . . Der Laie beginnt zu ahnen: Das scheinbar so bekannte Instrument ist eine komplizierte Sache. Aber wie nennt man es denn nun, dieses Teil mit den zwei Tastaturen und dem gefalteten Balg dazwischen?

„Hand-Wind-Harfe“ wäre passend, meint Hussong. Der aus dem Japanischen übersetzte Ausdruck sei aber „ein bisschen pathetisch“. Drum sagt der Musiker der Einfachheit halber Akkordeon. Und so ist auch das Fach benannt, in dem er an der Würzburger Hochschule für Musik derzeit 13 Studenten aus sieben Ländern unterrichtet, die das Instrument als Hauptfach gewählt haben. Nebenher kann man auch Spielarten und Vorgänger des Akkordeons kennenlernen.

Zu den „Handzuginstrumenten“, wie sie, wiederum einigermaßen umständlich, heißen, zählen etwa die Konzertina und das Bandoneon, es gibt Akkordeons mit Knöpfen und mit klavierartiger Tastatur, manche sind diatonisch – beim Ziehen erklingt ein anderer Ton als beim Drücken des Balgs –, die gebräuchlichsten sind chromatisch, und ja: Auch Instrumente mit gekoppelten Bässen sind auf dem Markt. Bei denen erklingt – auf Knopfdruck links – ein kompletter Akkord. Das sind Akkordeons im Wortsinn. Ernsthafte Spieler können damit nichts anfangen. „Da geht nur hum-da-da“, sagt Hussong. Klassik? Fehlanzeige.

Stefan Hussongs Repertoire schließt zwar Barockmeister Bach ein. Dass der 52-Jährige mehr als 200 Uraufführungen gespielt hat, zeigt aber: Das Akkordeon ist vor allem in der Neuen Musik zu Hause. Logisch, es ist ja ein junges Instrument. „Ein Patent gab es zwar schon 1827“, erklärt der Professor. Das Konzertakkordeon, wie es in der Klassik genutzt wird, gebe es aber erst seit den 1950er Jahren. „Das bedeutet auch, dass Originalliteratur stets Neue Musik ist.

“ Entsprechend umgeschrieben klinge aber auch Alte Musik gut. Bach eben oder Haydn und Mozart. „Doch, doch“, dämpft Hussong aufkommende Skepsis. „Das gestehen sogar Pianisten oder Cembalisten zu.“

Wer beim Begriff Akkordeon Florian Silbereisen vor Augen hat und nur an volkstümelnde Schunkelei denkt, unterschätzt das Instrument. Denn es ist zu feinsten Farbabstufungen fähig und kann den Willen und das Fühlen des Spielers sehr direkt transportieren. „Es ist ein sehr physisches Instrument“, sagt Hussong. Der Körperkontakt ist intensiv, die Verbindung zwischen Spieler und Ton entsprechend eng. Geschwindigkeit und Intensität, mit welcher der Balg gezogen (oder gedrückt) wird, entscheiden über den Klang. Jeder einzelne Ton kann richtiggehend geformt werden. Einen Ton nicht bloß zu erzeugen, sondern ihn zu gestalten, ihm Bedeutung zu geben, ist das Ideal jedes Musikers. Ein Ideal, dem man mit dem sensiblen Akkordeon nahe kommen kann: „Wenn Sie auch nur mit der Wimper zucken, hat das Einfluss auf den Klang“, sagt Stefan Hussong.

Das Akkordeon sei denn auch „kein einfach zu lernendes Instrument“. Linke und rechte Hand müssen mit Zug und Druck des Balges koordiniert werden. Es kommt eben nicht nur darauf an, zur richtigen Zeit die passende Taste oder den passenden Knopf zu drücken.

Auch wenn es seinen festen Platz in der modernen E-Musik gefunden hat, das Schifferklavier-Image ist hartnäckig. Neben Kennern und Neue-Musik-Fans sitzen bei Konzerten immer wieder auch Menschen im Publikum, die Akkordeon lediglich volksmusikalisch kennen. Die seien dann erst einmal erstaunt, vielleicht sogar schockiert darüber, was so eine „Ziehharmonika“ drauf hat, hat Hussong beobachtet.

„Hand-Wind-Harfe“ hatte Hussong sein Instrument genannt. Dass die Bezeichnung aus Japan stammt, ist kein Zufall: „Die Art der Tonerzeugung kommt aus Asien.“ Beim Akkordeon entsteht der Ton mittels „durchschlagender Metallzungen“: Der Luftstrom bringt Metallplättchen zum Schwingen.

Das ist auch bei der Sheng so, nur dass der Luftstrom bei dem traditionellen chinesischen Instrument nicht durch einen Balg, sondern durch den Atem des Spielers erzeugt wird. Hussong wickelt aus einem Tuch etwas, das wie ein Bündel kurzer Bambusstäbe aussieht – eine Sho. Die japanische Mundorgel ist eine Spielart der Sheng und also auch fernöstliche Verwandtschaft des Akkordeons. Die Bambusröhren funktionieren wie kleine Orgelpfeifen. Auch sie haben im Inneren durchschlagende Metallzungen.

Stefan Hussong
Stefan Hussong

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