Zellingen

450 Quadratmeter Kunst: Zellingen feiert Dreißigjähriges

Ateliers und Ausstellungsräume: In einer ehemaligen Wohnwagenfabrik arbeiten seit 30 Jahren Künstler, unter ihnen einige bekannte Namen. Am Wochenende laden sie zum Fest.
Die Gründer: Arwide und Wieland Jürgens in der Kunsthalle Zellingen.
Foto: Thomas Obermeier | Die Gründer: Arwide und Wieland Jürgens in der Kunsthalle Zellingen.

Vor drei Jahrzehnten eröffnete nördlich von Würzburg in Zellingen die Kunsthalle. "Das klingt ein bisschen bombastisch", gibt der Gründer Wieland Jürgens heute zu. Denn gewohnheitsgemäß steht der Name Kunsthalle in der deutschsprachigen Museums- und Galerienlandschaft für die Ausstellungshäuser in öffentlicher Hand oder von Kunstvereinen.

Andererseits war die frühere Concorde-Wohnwagenfabrik genau das: eine Halle. Die die Familie Jürgens nach dem Ankauf 1987 erst einmal von 600 auf 450 Quadratmeter dezimierte, von Grund auf sanierte, neu aufteilte. Dabei half ihr erster Mieter Herbert Mehler, heute international bekannter Bildhauer – damals noch Maler. Die Kunsthalle sollte nämlich eine Ateliergemeinschaft werden. Sie wurde es auch und hat bis heute keinerlei Leerstand. Ganz im Gegenteil, die Nachfrage ist größer als das Angebot.

Malutensilien
Foto: Thomas Obermeier | Malutensilien

Dabei hat diese Halle einige Künstler beherbergt, die mittlerweile recht prominent sind. Außer Mehler sind da Elvira Lantenhammer zu nennen, Gerda Enk und Heide Siethoff. Der vor zwei Jahren gestorbene Thomas Wachter führte lange Jahre die Vereinigung Kunstschaffender Unterfrankens (VKU). Die Mitgründerin Arwide Jürgens fasst die Geschichte zusammen: "Alle guten und bekannten Künstler der Region waren bei uns. Es war eine lange, schöne und interessante Zeit mit diesen vielen Leuten. Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden."

Im Detail: In den ersten 20 Jahren bespielte man den größten Saal der alten Fabrik mit Wechselausstellungen, nicht nur, aber auch mit Werken der Ateliermieter. So konnte sich die Kunsthalle mit Recht obendrein Produzentengalerie nennen. An Sonntagen, erinnert sich die Dame des Hauses, kamen anfangs oft Professoren-Ehepaare aus Würzburg mit dem Fahrrad vorbei. Eine kommerziell erfolgreiche Galerie wurde die Kunsthalle freilich nicht: "Wenn bei einer Ausstellung mal drei Werke verkauft wurden, dann war das schon viel", sagt Jürgens.

"Alle guten und bekannten Künstler der Region waren bei uns.  Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden."
Arwide Jürgens, Kunsthalle-Mitgründerin

Vielleicht kann das Jubiläumsfest am Sonntag, 25. August, diesen Galerierekord übertrumpfen. Denn dann stiftet die Gruppe einige eigene Werke für eine Tombola. Dazu ist eingeladen, die Schaffensstätte des Hausherrn und seiner Frau Arwide Jürgens zu besuchen. Offenes Atelier haben auch der Lüpertz-Schüler Piot Brehmer, die dienstälteste Hanna Böhl (seit 28 Jahren in Zellingen), Roswitha Vogtmann (seit 23 Jahren), Roswitha Berger-Gentsch und Renate Hünig.

Die Künstlerinnen und Künstler verbindet keine gemeinsame Schule, allenfalls der Umstand, dass sie gern großformatig und bisweilen auch mit großer Geste Leinwände bearbeiten – sonst brauchten sie keins dieser geräumigen Ateliers. Sie haben alle eine fachliche, meist akademische Ausbildung. So passen sie vom Niveau her zueinander. Im kommenden Jahr macht das Marktheidenfelder Franck-Haus eine Gemeinschaftsausstellung mit ihnen.

Arbeitsplatz mit Zeichenskizzen
Foto: Thomas Obermeier | Arbeitsplatz mit Zeichenskizzen

Der Mittfünfziger Piot Bremer dürfte der jüngste der derzeitigen Kunsthallen-Belegung sein. Gezielt nach Generationsgenossen gesucht haben die Vermieter nicht. Wieland Jürgens zuckt die Achseln: "Junge Mädchen zieht’s eben eher in die Stadt." Alte Herren aber auch. Seit seiner Pensionierung als Kunstlehrer vor zehn Jahren hat Wieland Jürgens sich ein zusätzliches Atelier in Berlin-Kreuzberg angemietet.

Beim Atelierfest gibt es viele Geschichten aus 30 Jahren zu erzählen

Aus Berlin hinwiederum kam schon hoher Besuch an dem Main. Zweimal fuhr der Leiter des dortigen Bauhaus-Archivs nach Zellingen. Das lag an Santiago de Chile. Dort nämlich hatten Arwide und Wieland Jürgens vor der Kunsthallen-Gründung an einer deutschen Schule gelehrt und die Witwe des Malers und Johannes-Itten-Schülers Wilhelm Hackelberg kennengelernt. Witwe Hackelberg vertraute den beiden Deutschen 800 nachgelassene Werke ihres Mannes an – aus denen in Zellingen auch eine Ausstellung bestückt wurde. Allerdings findet der figurative und kunstgeschichts-reflexive Maler Jürgens: "Ich bin 74, da wird es Zeit, dass ich mich um meine eigenen Sachen kümmere."

Ganz ausschließlich wird er das nie tun. Schließlich hat er beim Atelierfest etliche Geschichten aus drei Jahrzehnten Kunsthalle zu erzählen. So ließ der Kollege Robert Höfling in der frisch eröffneten Galerie sein Theaterstück "Dsidra und die Tellerlecker" uraufführen. Rund 200 Leute drängten sich um die Frankfurter Schauspieler, die das "poetische Familiendrama" realisierten. Mit ganz so viel Andrang ist zur Geburtstagsfeier nicht zu rechnen. Auf jeden Fall soll dabei, so Jürgens, "die Kunst die Hauptrolle spielen".

Termine: So., 25. August, 16 Uhr, Zellingen, Sonnenstraße 58 (neben Möbel Hornung). Am 19. und 20. Oktober nimmt die Kunsthalle Zellingen an den Würzburger Tagen des offenen Ateliers teil.

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