WÜRZBURG

70. Geburtstag: Wenn es Großmeister Gerhard Polt menscheln lässt

Er schaut den Leuten aufs Maul und auch ins Herz: Gerhard Polt im Januar 2012 bei der Überreichung des „Großen Karl-Valentin-Preises“.
Er schaut den Leuten aufs Maul und auch ins Herz: Gerhard Polt im Januar 2012 bei der Überreichung des „Großen Karl-Valentin-Preises“. Foto: dpa

Tomatensuppe. Viel mehr hatte die Küche nicht mehr zu bieten zu dieser Uhrzeit. Es war nach elf und dem bislang einzigen Auftritt von Gerhard Polt im Bockshorn in Würzburg, im Januar vor vier Jahren. Dem eingefleischten Weißwurst- und Schweinsbraten-Fan schmeckte die hellrote Suppe wie auch der tiefdunkle Rote aus Italien. Wenn man sich dann mit ihm über Politik und Geschichte unterhielt und über Gott und die Welt, dann ähnelte das Gespräch zwar wieder einem Mäander, der mal dahin fließt und mal dorthin. Aber man bekam auch wieder das Gefühl, das einen ein paar Jahre zuvor schon mal beschlichen hatte, als man ihn zu Hause besuchen durfte: „Polt ist ein Ereignis.“ Jedenfalls hat der große Loriot das einst so treffend umschrieben.

An diesem Montag, 7. Mai, wird das Ereignis, der große Humorist, Satiriker, Autor und Schauspieler Gerhard Polt, 70 Jahre alt.

Die Zugfahrt mit Priol

„I sag nix!“, sagt Polt gern einmal, aber das stimmt natürlich nicht immer. Als er wirklich mal nix sagte, schrieb das Fernsehgeschichte: 1980, bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises, die live im ZDF zu sehen war. Zehn Minuten standen ihm als Preisträger für eine Rede zu. Die nutzte er: Polt schwieg, und wenn er nicht schwieg, sagte er nur, wie viele Minuten seiner Redezeit bereits vergangen waren. Es war seine süße Revanche dafür, dass ein Redakteur ein Polt-Manuskript für eine andere ZDF-Sendung zuvor zensiert hatte: Polt sollte den CSU-Politiker Friedrich Zimmermann nicht „Old Schwurhand“ nennen. Zimmermann hatte in den 60ern einen Meineid geschworen.

Die Mattscheibe meidet Polt seit Jahren, weil er, wie er mal sagte, nicht mag, wie dort inzwischen zum Teil gearbeitet wird, und weil er das Gefühl hat, dass es vorbei ist mit ihm und dem Fernsehen, obwohl er immer wieder Angebote bekommt. Dass er trotzdem mal in Urban Priols ZDF-Anstalt, der erfolgreichsten Kabarettsendung der Republik, gastierte, war einem Zufall geschuldet, zumindest erzählt es Priol so: Die beiden trafen sich im Zug. Der Aschaffenburger lud Polt ein, der sagte spontan zu, und Priol war selbst überrascht darüber. Dass er Polt zu Gast hatte, nennt er eine Ehre.

Es heißt immer, Gerhard Polt schaue den Leuten aufs Maul, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Er schaut ihnen auch ins Herz, und was er da sieht, erstaunt ihn immer wieder. Trotzdem: Polt, geboren in der Weltstadt mit Herz, muss die Menschen lieben, vor allem die absonderlicheren – wie sonst könnte der monumentale Kleinbürgerdarsteller und -entlarver derart brüllend komische Szenen schreiben?

Gerhard Polt hat so viele Auszeichnungen eingeheimst, dass er mit den Urkunden seine Wände tapezieren könnte. Bei ihm zu Hause am Schliersee hängen Bilder an der Wand, und wenn man dort einmal mit ihm plaudern konnte und ihm dabei genauer zuhörte, dann konnte man auch eine Ahnung davon bekommen, wie viel Mühe er wohl in seine Stücke steckt. Man kann sich dann sehr gut vorstellen, wie er um jedes Wort ringt beim Texten und um jedes Komma beim Schreiben und um jede Pause beim Erzählen dann. So grobschlächtig er wirken kann und so derb und auch vulgär er seine Figuren manchmal sprechen lässt, so ziseliert, so fein, so zwingend logisch ist das oft, was er sie sagen lässt. Gerhard Polt ist ein Gesamtkunstwerk – er zeichnet verbale Karikaturen, und wenn er es menscheln lässt, in diesem oberbayerischen Dialekt und mit dieser ruhigen, angenehm warmen Stimme, die auch so giftig schrill ertönen kann, dann ist das manchmal saulustig und manchmal brutal traurig – fast wia im richtigen Leben halt. „Das hat mich immer fasziniert“, sagte Polt damals, „wie muss ein Erzähler vorgehen, damit er Aufmerksamkeit kriegt? Warum wirkt das eine, und warum wirkt das andere nicht?“

Man muss sich Gerhard Polt schon als ernsthaften Menschen vorstellen, klar. Als ernsthaften Menschen mit verdammt viel Humor. Über sich redet der Großmeister der Satire nicht so gern. „Ich bin Humorist und erhebe keinen Anspruch auf Wahrheit“, sagt er heute. „Meine Beobachtungen beruhen allenfalls auf abgesicherten Ahnungen.“ Wie er die verbreitet, ist einmalig, egal, ob in Bühnennummern, in Theaterstücken, 33 Jahre lang auch gemeinsam mit der inzwischen aufgelösten Biermösl Blosn, auf CD, gedruckt, in Fernsehen oder vier Kinofilmen.

Als Protestant in Altötting

Als getaufter Protestant wuchs Polt in Altötting auf, dem vielleicht katholischsten aller Wallfahrtsorte. Als Kind hat er den „Rosenkranz heruntergebetet, um von Wallfahrern Geld zu bekommen“. Heiligenbildchen verkaufte er auch. Nach dem Studium von Politik, Geschichte und Kunstgeschichte entdeckte Polt seine Liebe zu Skandinavien und dessen Sprachen, er hat auch schon vor dem schwedischen Königspaar Kabarett gemacht – in dessen Sprache.

Gerhard Polt erzählte mal, dass er, als sein Sohn geboren war, vor 33 Jahren, häufiger gefragt worden sei, ob er denn ein Foto des Stammhalters dabei habe. Polt, seit 1971 verheiratet, antwortete dann immer: „Ich brauch' kein Foto von ihm, weil: Ich kann ihn mir merken. Wenn Sie wollen, beschreibe ich ihn.“ Womöglich sagt das viel über den Künstler aus – ganz bestimmt aber sagt es noch mehr über den Menschen Gerhard Polt. Jedenfalls über die Art, wie er die Dinge sieht. Damals am Schliersee meinte er: „Die Deutschen haben insgesamt nur relativ wenig Humoristen hervorgebracht. Dabei sind sie das komischste Volk der Welt.“

Bleibt an seinem Jubeltag nur eins zu sagen, am besten in seiner Sprache: Reschpeckt, Herr Polt!

Noch bis 10. Juni zeigt das Literaturhaus München die Ausstellung „,Braucht's des?!' – Gerhard Polt zum 70ten". Di., Mi., Fr. 11 bis 19 Uhr, Do 11 bis 21 Uhr, Sa., So., Feiertag 10 bis 18 Uhr.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Biermösl Blosn
  • Friedrich Zimmermann
  • Gerhard Polt
  • Humoristen und Komiker
  • Loriot
  • Mäander
  • Protestanten
  • Schauspieler
  • Schliersee
  • Schweinebraten
  • Tomatensuppe
  • ZDF
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!