SCHWEINFURT

Allerhand Alltäglichkeiten: Anna Depenbusch im Interview

Interview: Die Hamburger Liedermacherin Anna Depenbusch über die Quellen ihrer Inspiration, ihre Lehrzeit auf der Reeperbahn und ihren Auftritt demnächst in Schweinfurt.
Optimistisch, neugierig, unabhängig: Die Liedermacherin Anna Depenbusch liebt es, möglichst viel selbst zu machen.
Optimistisch, neugierig, unabhängig: Die Liedermacherin Anna Depenbusch liebt es, möglichst viel selbst zu machen. Foto: Sandra Ludewig

Schweinfurt Am 21. September tritt Anna Depenbusch mit ihrer Band beim Schweinfurter Nachsommer in der SKF-Halle 411 auf (19.30 Uhr). Im Interview spricht die Musikerin über ihr neues Album, wo sie die Inspiration für ihre Lieder hernimmt und warum sie eine hoffnungslose Optimistin ist.

Frau Depenbusch, Ihr neues Album heißt „Das Alphabet der Anna Depenbusch“, ist das jetzt Anna Depenbusch von A bis Z, alles was man wissen muss?

Anna Depenbusch: Nach den Zahlen kommen die Buchstaben, es gab zuerst „Die Mathematik der Anna Depenbusch“. Es geht immer so ein bisschen um meine eigenen Regeln, meine eigenen Worte und meine Sprache. Es passte gut, auf dem Album gibt es ja auch den Titel „Alphabet“. Da geht es wirklich von A bis Z durch alle Facetten einer Beziehung.

Sie haben mal gesagt, es sei egal, in welchem Stil Ihre Songs kommen, es gäbe einen klaren Stil Ihrer Musik, die Songs würden sich nur gerne verkleiden und hätten nicht immer das Gleiche an. Was ist der Rote Faden in Ihrer Musik?

Depenbusch: Der große Oberbegriff ist Liedermacher. Ich schreibe meine eigenen Geschichten, meine eigene Musik, bin live auf der Bühne, begleite mich am Instrument und erzähle Geschichten.

Ich finde den Begriff Liedermacher aber ein wenig verstaubt, suche nach etwas Modernerem, denn die Themen, über die ich singe, sind zeitgemäß. Darum herum ist es ein Genremix, manchmal poppig, manchmal aus dem Jazz, aus dem Chanson, ich spiele mit Band, alleine am Klavier. Ich mag es sehr gerne, dass sich die Songs verändern können und die Besetzung.

Musik mit deutschen Texten erlebt eine Renaissance, gerade im Radio. Wie finden Sie das?

Depenbusch: Sehr gut, natürlich. Es ist toll, dass eine Selbstverständlichkeit mit der deutschen Sprache zurückkommt. Es gibt querbeet ganz tolle deutschsprachige Künstler im Hip-Hop, im Pop, im Soul. Es ist wieder eine Natürlichkeit da, die ich auch lange vermisst habe.

Wäre es eine Option gewesen, in Englisch oder Französisch zu schreiben oder zu singen?

Depenbusch: Ich bin im Englischen und im Französischen nicht so gewandt, dass ich sagen könnte, ich habe wirklich ein Gespür für die Sprache. Für mich war immer klar, dass ich auf Deutsch singen möchte für ein deutsches Publikum, das die Texte versteht.

2012 kam das letzte Album, was haben Sie in den vergangenen fünf Jahren bis zu „Das Alphabet der Anna Depenbusch“ gemacht?

Depenbusch: Ich war viel auf Tour, hauptsächlich solo am Klavier. Das ist immer gut, um neue Ideen und Songs vor Publikum auszuprobieren. Ich war im Studio, habe mir ein bisschen Zeit gelassen. Davor hatten wir in zwei Jahren drei Alben veröffentlicht.

Man könnte Sie als eierlegende Wollmilchsau bezeichnen – Songschreiberin, Sängerin, Klavierspielerin, Produzentin. Warum alles auf einmal?

Depenbusch: Es fühlt sich für mich organisch an. Ich schreibe die Songs, höre einen Sound, dann ergibt es sich einfach, dass ich weiß, wie, wo und mit wem ich es aufnehmen möchte. Ich produziere die Songs auch, weil ich den Sound schon in mir höre. Ich habe ein ganz tolles Team um mich herum. Ich mache das schon seit dem ersten Album und mag gar nicht darauf verzichten. Es macht großen Spaß, Entscheidungen zu fällen wie: Dieses Lied nehmen wir mit einem großen Orchester auf. Produzentin zu sein, hat für mich ganz viel mit Kreativität zu tun.

Ihr Plattenlabel lässt das auch zu?

Depenbusch: Ja, die kennen das ja auch schon, dass es einen speziellen Sound gibt. Es passt gut zusammen.

Angeblich halten sich Ihre Freunde ja schon manchmal zurück, weil Sie Angst haben, in Ihren Songs aufzutauchen?

Depenbusch: (lacht) Die Inspiration kommt tatsächlich hauptsächlich aus meinem Umfeld. Die Lieder handeln von Alltäglichkeiten, Zwischenmenschlichkeiten, den kleinen Dinge, die ich beobachte. Da kommt es immer mal vor, dass mir Freunde eine Situation erzählen, die sie erlebt haben. Ich stelle niemanden bloß, jeder wird ein bisschen anonymisiert. Aber klar, meine Quelle ist mein Umfeld.

Sind Sie eine hoffnungslose Optimistin?

Depenbusch: Auf jeden Fall. Es ist eine Entscheidungssache. Es gibt immer gute und schlechte Zeiten, Phasen, wo es mal nicht so läuft. Ich versuche immer, mich dem Licht nach, der Sonne nach zu orientieren. Es funktioniert für mich sehr gut. Pessimistisch zu werden, obwohl man einen guten Anlass dazu hätte, ist für mich keine Option.

Auf Ihrer Internetseite ist ein Eintrag vom 9. Juli nach einem Ihrer Konzerte in Hamburg. Ein Besucher schreibt, er sei nach den Krawallen des G20-Gipfels durch Ihre Musik innerlich wieder ins Lot gekommen. Ansporn oder Belastung?

Depenbusch: Auf jeden Fall Ansporn. Das ist ganz tolles Feedback, weil ich merke, ich berühre die Menschen, sie mögen die Lieder und erkennen sich da wieder.

Was erwartet die Besucher in Schweinfurt?

DEpenbusch: Überraschung und Abwechslung. Wir sind mit der ganzen Band auf der Bühne. Ich habe eine ganz tolle Multiinstrumentalistin dabei, Anne de Wolff. Sie spielt zehn verschiedene Instrumente, Geige, Posaune, Akkordeon. Es wird sehr, sehr bunt und vielfältig. Das Programm ist hauptsächlich vom neuen Album, aber wir spielen auch die Hits der alten Alben.

Gibt es musikalische Vorbilder, Kollegen, mit denen Sie unbedingt einmal spielen wollen?

Depenbusch: Es ergibt sich von selber, zum Beispiel beim Duett mit Mark Forster. Wir haben uns über Freunde kennengelernt. Ich dachte, er hat eine tolle Stimme, mit ihm würde ich gerne mal das Duett singen. Aber es gibt niemanden, wo ich hinträume, nach dem Motto „Einmal mit Robbie Williams singen“.

Mich interessieren immer Kooperationen, gerne auch aus anderen Bereichen. Ich würde zum Beispiel sehr gerne mal ein Konzert mit einem großen Sinfonieorchester machen und mich mit diesen Musikern austauschen.

Ich habe gelesen, als Kind hätten Sie den Klavierunterricht gehasst. Jetzt sind Depenbusch und Klavier quasi Synonyme. Was ist passiert?

Depenbusch: Es hat einfach lange gedauert. Ich fand am Klavier früher blöd, dass man die Hände nicht frei hat. Ich fühlte mich eingeschränkt, wollte stehen und meine Hände benutzen. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich für mich entdeckt habe, dass mir das Klavier auch Freiheiten bietet. Wenn ich mich selber begleite, kann ich variieren, im Tempo, in der Lautstärke. Das genieße ich jetzt. Ich bezeichne mich immer noch nicht als Pianistin. Wenn mir jemand zum Beispiel Noten von Bach hinlegt, brauche ich ewig, bis ich das spielen kann.

Wie schreiben Sie Lieder? Zuerst Text, dann die Melodie oder alles auf einmal?

Depenbusch: Das passiert wirklich alles in einem. Ich sammle über den Tag hinweg meine Themen. Das sind Textideen, Refrainzeilen, die schreibe ich in mein Notizbuch und sammle sie, wenn ich unterwegs bin. Und dann gibt es die Zeit im Studio, wo ich die Sachen erarbeite. Dann sitze ich am Klavier, probiere Sachen aus. Meistens habe ich eine Vorstellung, dass ich denke, dieses Lied muss zu dem Thema richtig dramatisch werden, es muss richtig knallen. Dann probiere ich es aus, wirklich auch Text und Musik zusammen, singe zu den Akkorden.

Sie haben mal gesagt, auf der Reeperbahn hätten Sie Bühnenpräsenz gelernt und Ihre Stimme gestählt. Wie muss man sich das vorstellen?

Depenbusch: Ich habe noch während der Schulzeit begonnen, in Angie's Nachtclub aufzutreten. Es war im Grunde ein Live-Musik-Laden, wo am Wochenende viele Touristen sind, man singt da ein Pop- und Soul-Programm. Ich trat da dreimal die Woche auf, es war eine robuste Schule für meine Stimme. Ich habe mir einen Abend mit Roger Cicero geteilt, der dort auch gesungen hat. Es war toll, es hat mich sehr geprägt. Die Routine jeden Tag, die Stimme immer bis zum Ende auskosten. Ich habe das Gefühl, dass das meine Stimme sehr robust gemacht hat. Wenn ich auf Tour gehe, ist meine Stimme am Ende der Tour immer am besten.

Sie hatten im Mai und Juni ein Stipendium in Rom. Wofür?

Depenbusch: Ja, das war an der Villa Mas-simo. Es war ein Praxisstipendium, wo man als Künstler Sachen entwickeln kann. Ich habe für mich an meinem neuen Soloprogramm gearbeitet. Es hat im Februar an der Elbphilharmonie in Hamburg Premiere. Es heißt „Das Alphabet in Schwarz-Weiß.“ Die Stücke, die es jetzt in Bandversionen gibt, gibt es dann in sehr eigenen, sehr anderen Solo-Klavierversionen. Manchmal erkennt man die Lieder kaum wieder, weil sie durch die Klavierversion eine eigene Dynamik bekommen.

Sind die Lieder jetzt besonders italienisch angehaucht?

Depenbusch: Nein, nicht unbedingt. Es ist ein Umfeld mit optimalen Arbeitsbedingungen, ich hatte meinen eigenen Raum mit Klavier. Ich habe mich natürlich auch mit Paolo Conte beschäftigt, mich gefragt, was die italienischen Liedermacher so machen. Aber letztendlich bleibe ich bei meinem Sound.

Vorverkauf für den Nachsommer Schweinfurt vom 8. bis 29. September in den Geschäftsstellen dieser Zeitung in Würzburg und Schweinfurt und unter Tel. (09 31) 60 01 60 00. Ausverkauft sind Evolution Dance Theater, Viva Voce und Moving Shadows – www.nachsommer.de

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Schweinfurt
  • Oliver Schikora
  • Alphabete
  • Anna Depenbusch
  • Chronisten
  • Interviews
  • Komponistinnen und Komponisten
  • Liedermacher und Singer-Songwriter
  • Lyriker
  • Paolo Conte
  • Pianistinnen
  • Reeperbahn
  • Robbie Williams
  • Roger Cicero
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!