Als angeblich Hexen tanzten - Neues von Julius Echter

Einzigartiger Fund: Ein Historiker entdeckt im Wertheimer Staatsarchiv unbearbeitete Dokumente. Sie bringen das gängige Bild zum Wanken: War Fürstbischof Echter gar kein unerbittlicher Hexenverfolger?
Entdeckung: Archivar Robert Meier sichtet unbekannte Dokumente aus der Echter-Zeit.

Julius Echter? Für viele ist er der Urheber der spitzen Kirchtürme in Franken. Für andere der Fürstbischof, der 1576 das Juliusspital gestiftet und 1582 die Würzburger Universität wiedereröffnet hat. Für manche ist er der Namensgeber für ein Weißbier. Für etliche geschichtsinteressierte Menschen besitzt Julius Echter (Regierungszeit 1573 bis 1617) auch eine dunkle Seite: Er gilt als unbarmherziger Hexenverfolger. Noch zu seinen Lebzeiten verbreitet eine im Jahr 1616 in Tübingen gedruckte Flugschrift die „gründliche Erzehlung, wie der Bischoff zu Würzburg das Hexenbrennen im Franckenlande angefangen, wie er dasselbe fort treiben und das Ungeziffer gentzlich ausrotten will“.

Diese Ansicht vom unerbittlichen Hexenverfolger ist bis heute so fest in Stein gemeißelt wie die vielen Inschriften an fränkischen Kirchenbauten, die wortreich Julius Echters Taten rühmen. Der Würzburger Historiker Robert Meier schlägt nun ein neues Kapitel in der Forschung auf: „Es gibt auch Beispiele, in denen Julius Echter Hinrichtungen verhindert hat und als Retter erscheint.“

Genaue Rekonstruktion

Robert Meier arbeitet im Staatsarchiv Wertheim, das seit 1978 im Kloster Bronnbach beheimatet ist. Dort gibt es Dokumente, auf die schon lange keiner mehr oder sogar noch niemand ein Auge geworfen hat. Im Sommer öffnet der Archivar Kisten, die einst auf der Burg Wertheim lagerten. Darin befinden sich Unterlagen vom Zentgericht Remlingen, laut Meier „ein einzigartiger Fund“. Für den Historiker, der sich seit Jahren mit dem Thema „Hexen“ beschäftigt, ist es „das Spannendste, was mir bislang in meiner Berufslaufbahn passiert ist“ – denn es sind unbearbeitete Quellen zur Hexenverfolgung: Prozessakten, Verhörprotokolle beziehungsweise der Schriftwechsel zwischen der Kanzlei des Hochstifts Würzburg und den Amtsleuten in Remlingen. Sie betreffen Ereignisse zwischen den Jahren 1612 und 1617 in der heute im Landkreis Würzburg gelegenen Gemeinde Neubrunn. Damals gehört sie zum Territorium des Mainzer Kurerzstifts, diözesan aber zu Würzburg und verwaltungstechnisch zum Zentamt Remlingen.

„Die Dichte der Überlieferung erlaubt eine genaue Rekonstruktion des Verlaufs der einzelnen Hexenprozesse und der Rolle der beteiligten Akteure“, schreibt Robert Meier in seinem Aufsatz „Julius Echter als Hexenretter. Eine Polemik anhand von Prozessen aus Neubrunn“; er wird im 77. Band der „Würzburger Diözesangeschichtsblätter“ veröffentlicht, der nach Angaben von Professor Wolfgang Weiß, Lehrstuhlinhaber für fränkischen Kirchengeschichte an der Universität Würzburg, Anfang Dezember erscheint.

Ein Beispiel: Die Unterlagen von 1612 berichten von der „alten Schultheißin“ Margaretha Vey. Ihre Dorfnachbarn bezichtigen sie als Hexe, daraufhin wird sie inhaftiert und gefoltert. Diese Tortur überlebt die Frau nicht. Sie stirbt Ende August. Die Neubrunner wähnen weitere Hexen in ihrem Dorf. Mehrfach hätten sie bereits von Julius Echter die „ernsthaffte ausreutung und bestrafung des zauberischen unkrauts“ in ihrer Gemeinde verlangt, schreibt der Amtmann am 28. August und listet Namen auf, die ihm die Dorfbewohner zugetragen haben. Darunter befinden sich auch Töchter der verstorbenen Schultheißin.

Die Vorwürfe gegenüber den laut Meier insgesamt sieben Frauen überzeugen Julius Echter nicht. Er verlangt mehr Indizien. Die Neubrunner legen los: So soll unter anderen Anna Wolz schon vor Jahren die Kuh von Ulrich Arnold umgebracht haben. Als er sie mit diesem Vorwurf konfrontiert, habe ihn eines Abends eine „geheimnisvolle Kraft“ ergriffen und ins Wasser geworfen, wo er beinahe ertrunken wäre. Zudem sollen zwei „hochverdächtige Frauen“ am Hexentanz teilgenommen haben.

Auf Julius Echters Geheiß sollen nur diese beiden Frauen inhaftiert und befragt werden. Sie gestehen nichts. Für die anderen Vorwürfe fordert der Fürstbischof erneut Indizien. Die Neubrunner reagieren laut dem Bericht des Amtmanns „befremdet“, aber sie fügen sich und liefern. Mittlerweile ist es Oktober. Echter gibt die Anweisung, die Hexentanz-Teilnehmerinnen mit Zeigen der Instrumente und Androhung der Tortur zu befragen. Wieder gestehen die zwei Frauen nichts. Am 13. Oktober befiehlt Echter ihre Entlassung. Die anderen Beschuldigten bleiben unbehelligt. Die Neubrunner geben sich nicht geschlagen. Sie verlangen eigenmächtig von Zentgraf Müller, dass er die Frauen foltert. Und sie wenden sich direkt an Julius Echter, der das „zauberische Unkraut“ aus dem Weg räumen soll und klagen, dass es kein Wunder sei, dass derzeit so viele Zauberinnen ihren Mutwillen trieben, weil mit ihnen nicht verfahren werde, wie sie es verdienten. Sie finden kein Gehör. Am 25. Oktober lehnt Fürstbischof Echter weiteres Prozessieren ab.

Dass in Neubrunn kein Gras über die Sache gewachsen ist, zeigt der Briefwechsel von 1614. Darin wird Margaretha Klug der Hexerei bezichtigt. Die Anschuldigungen kommen, wie bereits 1612, vom Dorflehrer Nikolaus Warm. Verhaftet wird sie auch 1614 nicht. Ihr Mann, Martin Klug, verklagt den Lehrer wegen übler Nachrede. Julius Echter verurteilt Nikolaus Warm zu zehn Gulden Strafe.

Robert Meier führt anhand der Schriftstücke noch weitere Beispiele an. Sie alle belegen: „Der Verfolgungsdruck kam aus der Gemeinde. Für einen besonderen Verfolgungseifer von Julius Echter gibt es keinerlei Hinweise.“ Als der Fürstbischof am 13. September 1617 stirbt, gibt es in Neubrunn nur ein Todesopfer aufgrund der Hexenverfolgung: die alte Schultheißin.

Sensationsheischende Flugschrift

Historiker Meier weiß, dass seine Entdeckung für Stirnrunzeln sorgen wird. Zu sehr ist der Name Julius Echter mit den Hexenverfolgungen verbunden. Zudem gibt es Beispiele, in denen der Fürstbischof gänzlich anders handelt als in Neubrunn. „Ich will nichts beschönigen, aber eine quellennähere Darstellung der Hexenverfolgungen unter Echter.“

Ist die anonym verfasste „Erzehlung“ in der Flugschrift aus Tübingen von 1616 also keine glaubwürdige Quelle? Die darin beschriebenen Todesfälle in Gerolzhofen – damals einer der Haupthinrichtungsorte im Fürstbistum Würzburg – gelten als belegt.

Für Robert Meier ist die Schrift vor allem „sensationsheischend gegen die Obrigkeit“. Seiner Meinung nach sind die Zahlen und Daten falsch. „Vergleiche mit im Staatsarchiv Würzburg erhaltenen Listen der Opfer zeigen, dass in der Flugschrift übertrieben wird. Trotzdem bleiben die Vorgänge in Gerolzhofen grauenvoll“, sagt Meier. Der Historiker geht davon aus, dass in Gerolzhofen ein Zentgraf, was die Hexenverbrennungen angeht, „völlig aus dem Ruder gelaufen“ ist. Das habe sich auch außerhalb des Hochstifts Würzburg herumgesprochen. Der Autor der Flugschrift von 1616 erfindet laut Meier Hexenverbrennungen dazu und beschreibt sie äußerst plastisch. „Deshalb wird alles für bare Münze genommen.“ Die Quellenlage sei aber schwierig. Vielleicht tauchen ja noch mehr Dokumente in Bronnbach auf, die Fürstbischof Echter erneut entlasten. Dort lagern noch weitere Archivalien aus dessen Regierungszeit. Robert Meier ist gerade dabei, sie zu sichten.
 

  • 1628blog.de - das histographische Blog von Robert Meier

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