Würzburg

Antijüdisch? Warum das Matthäus-Evangelium genau das nicht ist

Wie umgehen mit Antisemitismus? Kai Christian Moritz am Standort der ehemaligen Synagoge in der Domerschulstraße in Würzburg. Heute steht dort das Diözesanarchiv. Foto: Johannes Kiefer

Kai Christian Moritz ist Schauspieler - und nicht Prediger. Wenn er in der Reihe "Vier Farben Jesus" die Evangelien aufführt, geht es dem Würzburger, der sich als „römisch-katholisch sozialisiert“ bezeichnet, nicht um Missionierung. Es geht ihm - über die Konfessionen hinweg - um elementares Gedankengut. Und um die Wurzeln unserer christlich-abendländischen Kultur. Nach dem Markus- und dem Lukas-Evangelium in der ersten Jahreshälfte setzt Moritz nun das dritte Evangelium in Szene: "Matthäus – der Mensch. Eine Botschaft in dramatischen Bildern“ heißt der Monolog am kommenden Montag und Dienstag in Archiv und Bibliothek des Bistums Würzburg. Die jüdische Farbe werde an den beiden Abenden "als Wurzel" im Zentrum stehen, so die Ankündigung des Veranstalters, der Domschule Würzburg. Nach dem Anschlag von Halle hat das Thema plötzlich Aktualität - und Brisanz. 

Herr Moritz, es ist schon das dritte Evangelium, das Sie jetzt rezitieren und vorstellen. Wie eignet man sich so einen Text als Schauspieler an - und wieso?

Kai Christian Moritz: Die Texte sind schwer zu lernen - und manchmal schwer zu verstehen. Man muss die Melodie in der Übersetzung finden, um sich den Text zu erschließen. Auch weil ich von der literarischen Seite aus an sie herangehe und nicht von der Verkündigung, der missionarischen Seite aus. Wenn man sich jeden Tag die Bibel vornimmt und jeden Tag diese Texte rezitiert, merkt man, wie wenig das übereinstimmt mit dem, was amtskirchlich passiert. Wie Amtskirche gelebt wird, ist nicht unbedingt die Essenz der Botschaft im Evangelium.

Wie arbeiten Sie also, wie gehen Sie vor?

Moritz: Es sollte bei den Evangelien immer eine andere Übersetzung sein, um das Zuhören von der liturgischen Hörgewohnheit zu lösen. Natürliche kommen in solche Programme 70 Prozent von den, wie sagt man, „üblichen Verdächtigen", die sowieso schon bekehrt sind. Das Schwierige ist, die Texte nicht mit liturgischen Gewohnheiten zu überdecken. Katholiken wie Protestanten hören eben „ihre" Übersetzung. Aber um eine neues Hören zu ermöglichen, ein neues Hinhören, müssen wir eine andere Übersetzung nehmen. Ein ganz kleines Beispiel, bei Matthäus heißt es ganz oft „Amen, ich sage Euch". In der Übersetzung von Fridolin Stier, die wir gewählt haben, heißt es „Wahr ist, ich sage Euch". Diese kleinen Verschiebungen sind wichtig. Man hört anders zu. Es geht darum, das Angebot, das die Texte bieten, wahrzunehmen. Und zu erkennen, dass sie zuallerletzt ausgrenzend sind.

Was meinen Sie mit „ausgrenzend"?

Moritz: Ich habe versucht, der Ausgrenzung dadurch entgegenzuwirken, dass die Programme räumlich bewusst nicht in einem kirchlichen Kontext stattfinden. Nicht im Kirchenraum. Die Veranstaltungsorte sind auf den Evangelisten hin gewählt: bei Markus das Stadtparlament, bei Lukas die Medizinische Fakultät der Universität. Und jetzt bei Matthäus, der das Jüdische, und die Judenfrage so thematisiert, hatten wir erst überlegt ...

Shalom Europa!

Moritz: Ja, das Jüdische Gemeindezentrum und Jüdische Museum in Würzburg, das hätten wir uns als Veranstaltungsort gerne gewünscht. Aber dann haben wir doch gar nicht erst angefragt. Wir dachten: Ausgerechnet mit dem Evangelium in das Herz des Jüdischseins hier zu kommen, das hätte doch als unsensibel und als Provokation, die ja gar nicht gewollt ist, verstanden werden können.

Welche Botschaft wollten Sie - ohne Provokation - dort vermitteln?

Moritz: Wir können uns auch aufgrund unserer religionsgeschichtlichen Vergangenheit - und selbst als Atheist kann man ihr als Mitteleuropäer ja nicht entgehen - einen Antisemitismus gar nicht erlauben! Es zeigt unsere intellektuelle Minderwertigkeit, dass wir gar nicht wissen, woher unsere Geisteswelt kommt. Sie kommt eben auch aus dem Jüdischen. Der Religionsstifter des Christentums war Jude und er ist es bis zu seinem Kreuzestod geblieben. Er ist nicht als Christ gestorben.

Das Matthäus-Evangelium kann man angeblich antijüdisch lesen ...

Moritz: Ganz oft nimmt Matthäus Bezug auf das jüdische Gesetz und sagt: „Euch ist gesagt worden, so und so ... Ich aber sage Euch, macht es so ..." Er negiert das jüdische Gesetz nicht, er erweitert es, spitzt es zu, setzt Akzente. Eine ganz bekannte Stelle ist ja, wenn er sagt: „Euch ist gesagt worden: Morde nicht. Ich aber sage Euch, wer seinem Bruder zürnt..." Matthäus fängt also viel früher an. Seine Botschaft ist: Jesus ist nicht gekommen, um die Gesetze der Propheten aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen. Zentral ist hier die Bergpredigt. Jesus als der „Sohn Davids" erfülle, er erfinde nicht neu. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Kai Christian Moritz im März beim Monolog des Markus-Evangeliums im Würzburger Ratssaal. Foto: Markus Hauck

Wieso dann dieser Vorwurf des Antijüdischen?

Moritz: Weil es natürlich einfach ist, herauszulesen, dass er das, was vorher war, verwerfen will. Wer will, hört ein Religionsvertreter-Bashing: Es gibt eine ganze Seite, auf der jeder Satz beginnt mit „Wehe Euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Blender". Es wäre aber viel besser anzuerkennen, dass eine institutionalisierte Religion immer in der Gefahr steht, in ihren Strukturen zu erstarren. Wenn man aber will, kann man im Matthäus-Evangelium etwas gegen die Juden herauslesen.

In der Kammeroper "Refidin Junction", in der Sie vor sieben Jahren die Geschichte der Jüdin Marianne Dora Rein künstlerisch umgesetzt haben, haben Sie eine Hitler-Rede von 1933 verwendet...

Moritz: Das werde ich jetzt wieder tun, nicht als Video, aber wenigstens als Tonspur. Die Rede hielt Hitler in ganz privatem Rahmen - und er benutzt nie das Wort Juden. Aber er spricht von „ganz bestimmten Elementen, die nirgendwo zuhause sind, nirgendwo einen Boden haben". Das Volk aber sei gekettet an seinen Boden. Das Matthäus-Evangelium aber beginnt mit diesem sehr langen Stammbaum. Die Unterstellung der Heimatlosigkeit wird dadurch völlig kontrastiert. Wenn man nach der jüngsten Studie hört, dass 24 Prozent der Deutschen judenfeindlich sind und dass sich 41 Prozent darüber mokieren, dass die Juden zu viel über den Holocaust reden würden, dann ist das schrecklich.

Sie rezitieren jetzt nicht in Shalom Europa. Sondern?

Moritz: Im Domarchiv, das - was viele nicht wissen - ja auf den Fundamenten einer alten Synagoge steht. Das ist der Brückenschlag. Und eigentlich ein noch stärkeres Bild: Die Christen haben ihre Bücher auf das Fundament der Synagoge gesetzt. Am Archivbau markiert dies heute ganz evident die außen angebrachte Gedenktafel.

Hat der Anschlag von Halle etwas verändert - in Ihrer Vorbereitung, Ihrem Ansatz?

Moritz: Die Frage ist: Wie kann man eine Aussage machen, ohne in eine merkwürdige Art von Betroffenheit zu rutschen? Es ist ja ein Reflex, dass alle fordern, wir müssten sensibler sein. Aber bei der Empörung bleibt es dann. Matthäus spielt ganz stark mit den menschlichen Unzulänglichkeiten. Das Jüdische ist die Wurzel, das wollen wir zeigen und auch durch die Musik aus dem jüdischen Kontext unterstreichen. Fern jeglicher folkloristischer Bezüge - wir haben bewusst kein Klezmer und auch bewusst keine Musik à la Schindlers Liste gewählt. Es geht darum, die enge Bindung der beiden Glaubenstraditionen zu zeigen. Auf sinnliche Weise.

„Matthäus – der Mensch. Eine Botschaft in dramatischen Bildern“: Der Monolog mit Kai Christian Moritz ist am Montag und Dienstag, 11. und 12. November, jeweils von 19 bis 20.30 Uhr in Archiv und Bibliothek des Bistums Würzburg zu erleben. Milena Ivanova begleitet den Abend auf dem Violoncello. Eintritt an der Abendkasse 16 Euro (ermäßigt 14 Euro). Infos und Kartenreservierung bei der Domschule Würzburg, Tel. 0931/38643111, www.domschule-wuerzburg.de.

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