Bad Kissingen

Atemberaubend mühelos: Die Koloraturen der Julia Lezhneva

Eine Sopranistin mit wunderbarer Bandbreite und ein Ensemble mit eher rauem Charme: Das Kissinger-Sommer-Debüt der Artist in Residence mit Licht und Schatten.
Julia Lezhneva und das Ensemble La Voce Strumentale beim Kissinger Sommer
Julia Lezhneva und das Ensemble La Voce Strumentale beim Kissinger Sommer Foto: Mathias Wiedemann

Wie man auf die Idee kommen kann, einen Abend unter dem Titel "Barocke Bravourarien" mit dem "Laudamus te" aus Bachs h-Moll-Messe zu eröffnen, bleibt rätselhaft. Nicht nur, weil das Stück – so heikel zu interpretieren es auch sein mag – beileibe keine Bravourarie ist. Sondern vor allem, weil es so aus dem musikalischen Zusammenhang der Messe gerissen schlicht nicht funktioniert.

Insofern tun sich die Sopranistin Julia Lezhneva und das Moskauer Originalklang-Ensemble La Voce Strumentale keinen Gefallen bei ihrem Kissinger-Sommer-Auftritt im Max-Littmann-Saal. Vielleicht hatte man befürchtet, mit einem fetzigen Einstieg zu oberflächlich zu wirken, vielleicht wollte man mit einem Bach-Block eine zusätzliche Farbe bringen. Jedenfalls: Es dauert, bis der Abend in Gang kommt. Bis La Voce Strumentale seinen – eher rauen – Charme entfaltet.

Tiefste Traurigkeit oder tröstliche Wärme

Julia Lezhneva, Artist in Residence, ist freilich von Anfang an voll da. In den Bach-Arien ebenso wie in denen von Vivaldi und Händel. In den lyrischen Stücken ebenso wie in den – später dann doch – Bravourarien. Den Kantilenen kann sie tiefste Traurigkeit oder tröstliche Wärme geben, die Koloraturen kommen mit – für den Zuhörer – atemberaubender Mühelosigkeit. Und wenn die eine oder andere Feinheit in der Mittellage verloren geht, liegt das am rumpelig operierenden Continuo-Duo Cello und Bass.

Schade auch, dass im Programm keine rechte Stringenz zu erkennen ist. Und sich lange Zeit keine übergeordnete Spannung aufbauen will. Nach nahezu jedem Stück wird umgestellt, der Oboist wechselt zum Fagott und zurück, das Ensemble muss ständig nachstimmen. Das mag dem schwierigen Klima des Tages geschuldet sein, es scheint aber, dass andere Ensembles, die auch auf Darmsaiten spielen, nicht gar so oft nachstimmen müssen.

Video

Dass Dmitry Sinkovsky, Leiter des Ensembles, zwischen Einlagen als (im Programm nicht angekündigter) Countertenor und als Sologeiger pendelt, ist beeindruckend und durchaus gelungen, lenkt aber die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Hautperson ab: Julia Lezhneva.

So richtig los geht es erst mit Vivaldis (ebenfalls abweichend zum Programm in Gänze gespielter) Motette "In furore iustissimae irae" vor der Pause. Später ein wunderbar zauberisches "Zeffiretti, che sussurrate" (mit Sinkovsky als Zephir-Stimme aus dem Off) und fünf Zugaben, die sich sehr gut im Hauptprogramm (siehe Titel) gemacht hätten. Was der Abend auch hätte werden können, zeigt Zugabe Nummer fünf: Händels "Lascia ch'io pianga" – nur die Lezhneva und Luca Pianca an der Laute. Wunderbar.

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