SCHWEINFURT

Auf den Spuren der Komik in der Kunst

Carl Spitzweg trifft Johann Baptist Pflug In einer „heiteren und leichten“ Sommerausstellung macht sich das Museum Georg Schäfer auf die Spuren malerischer Komik.
Carl Spitzwegs Bilder könnten auch Theaterszenen sein. Hier hat das Museum Georg Schäfer „Serenissimus – er kommt“ von 1870 inszeniert.
Carl Spitzwegs Bilder könnten auch Theaterszenen sein. Hier hat das Museum Georg Schäfer „Serenissimus – er kommt“ von 1870 inszeniert. Foto: Anand Anders

In den 1950er Jahren, also in der Nachkriegszeit, sind die Bilder von Carl Spitzweg für die Menschen Zeugnisse einer untergegangenen, vermeintlich heilen Welt, in der die Schutzmänner putzig, die Wissenschaftler verschroben und die Liebhaber täppisch waren. In seiner eigenen Zeit ist Spitzweg dagegen ein Satiriker, der auffällig oft vorgebliche Autoritäten bloßstellt und damit die gesamte Ordnung zwischen Wiener Kongress und Gründung des Kaiserreichs. Während die deutschen Länder sich anschicken, in wilhelminischer Steifheit zum autoritären Kaiserreich zu werden, nimmt Spitzweg deren Honoratioren auf die Schippe.

Studie zu 'Der arme Poet'
Studie zu "Der arme Poet" Foto: Larry Sanders

Und heute? Das Schweinfurter Museum Georg Schäfer, Hort der weltweit größten Spitzweg-Sammlung, unternimmt in der neuen Sonderausstellung „Spitz und Knitz“ zwar nicht unbedingt eine Neubewertung seines geschätzten Hauskünstlers, wohl aber will Museumsleiter und Kurator Wolf Eiermann in der „leichten und heiteren“ Schau dem kunsthistorischen Diskurs Facetten hinzufügen, die bislang nicht im Vordergrund standen.

Dazu stellt Eiermann Spitzweg (1808-1885) dem älteren Johann Baptist Pflug (1785-1866) gegenüber. Die beiden sind einander wohl nie begegnet, allerdings dürfte Pflug, für den das schwäbische „Knitz“ (für „ungenütz“, etwa hintergründig) im Titel steht, Spitzwegs Arbeit gekannt haben.

Pflug, dessen Bilder bis heute im Kunsthandel sechsstellige Summen einbringen, galt der Kunstgeschichte mit seinen Darstellungen wuseliger Festivitäten lange vor allem als Schilderer von Sitten und Gebräuchen seiner Zeit. Eine Ausstellung im Frühjahr in Biberach, seiner Heimatstadt, zu der erstmals ein komplettes Werkverzeichnis erschien, konzentrierte sich ganz auf diesen Aspekt.
Johann Baptist Pflug „Taufvisite im evangelischen Pfarrhaus“
Johann Baptist Pflug „Taufvisite im evangelischen Pfarrhaus“ Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Für Eiermann schwingt aber spätestens ab den 1830er Jahren eine neue Nuance mit: Komik. Es ist nicht zufälligerweise auch die Zeit, in der ein bis dato eher mittelmäßig erfolgreicher Opernsänger und Schauspieler plötzlich mit eigenen Stücken riesige Erfolge feiert: Johann Nestroy. Und so wie bei Nestroy die frechen Couplets die Würze bringen (und nicht so sehr das Stück an sich), so lohnt es, bei Pflug auf die Details am Rande zu achten. Denn vieles entpuppt sich bei näherem Hinsehen hintergründiger als erwartet – knitz eben.

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Carl Spitzweg

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Wobei diese Details eine grundsätzlich angelegte Komik noch auf die Spitze treiben, denn damals kann schon die getreuliche Wiedergabe der Wirklichkeit als lustig verstanden werden. In einem Vortrag zur Ausstellung (zu hören am Tag der offenen Tür, 16. Juli, 11 Uhr) zitiert Eiermann den Kunsthistoriker Werner Busch: „Das Realistische in der Kunst wurde von jeher als das Komische verstanden.“

Johann Baptist Pflug:  „Bäuerlein auf dem Studentenkommers“
Johann Baptist Pflug: „Bäuerlein auf dem Studentenkommers“ Foto: Konrad Hoffmann

Kein Wunder, in einer Zeit, in der die Wahrnehmung noch von – gänzlich humorfreien – barocken Allegorien dominiert wird. Einzig die Niederländer haben da bereits eine bürgerlich alltagsnahe Kunst entwickelt, das zeigen zwei Beispiele in der Ausstellung.

Pflug bleibt seiner genrehaften Malweise weitgehend treu, während Spitzweg Einflüsse seiner Reisen, etwa der Schule von Barbizon, verarbeitet und stellenweise beinahe impressionistisch malt.

Beide lieben sie die versteckten Pointen. Bei Pflug ist das der Mann, der in der Kneipe in die Ecke pinkelt, oder der Hund, der eine Semmel aus dem Brotkorb stibitzt, während die Menschen Wichtigeres zu tun haben. Pflug arbeitet mit viel Bildpersonal, und meist sind es eben nicht die in den Titeln genannten Figuren, auf die es ankommt. Der Auftritt der „Kunstreiterin Madame Elisabeth Schmidt“ etwa ist nur Vorwand, allerhand kleinstädtische Aktivitäten zu protokollieren. „Der Betrachter ist in der letzten Reihe und sieht, was alle anderen machen“, sagt Eiermann.

Blick in die Eingangshalle mit der Gouvernante aus 'Der abgefangene Liebebrief'
Blick in die Eingangshalle mit der Gouvernante aus "Der abgefangene Liebebrief" Foto: Anand Anders

Spitzweg dagegen konzentriert sich meist auf zwei Personen, sieht man etwa von den vielen Gaffern hinter den Fenstern ab, die etwa den „Ewigen Hochzeiter“ mustern.

Wieder einmal ist reichlich Gelegenheit, die malerische Virtuosität Spitzwegs zu bewundern. Und vielleicht sogar einen kleinen Einblick in sein Seelenleben zu bekommen. Der Künstler, der ein Leben lang eine früh verstorbene Frau liebte, hat mit seinen Sammlern, Kakteenliebhabern und nicht zuletzt eher unkeuschen Eremiten den unterschiedlichsten Formen von Liebe zärtlich-skurrile Denkmäler gesetzt.

Museum Georg Schäfer: „Spitz und Knitz – Carl Spitzweg und Baptist Pflug“. Bis 24. September. Di-So 10-17 Uhr, Do bis 21 Uhr. Rund 100 Werke aus dem Bestand und Leihgaben: Braith-Mali-Museum Biberach, Zeppelin Museum Friedrichshafen, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Staatsgalerie Stuttgart, Ulmer Museum, Grohmann Museum Collection Milwaukee.

Die Ständige Sammlung ist bis zur Eröffnung der Neuhängung am 23. September geschlossen, auf Ebene 1 sind bis dahin einige Highlights zu sehen.

 

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