BAYREUTH

Blase Bayreuth, Teil 4: die Kollegen

Mathias Wiedemann vor dem Festspielhaus in Bayreuth
Mathias Wiedemann vor dem Festspielhaus in Bayreuth Foto: anonym

Ich muss gestehen, am Anfang hat mich diese Phalanx des Wissens und der Urteilskraft ein bisschen eingeschüchtert. Die hinteren Reihen vor den Logen des Bayreuther Festspielhauses sind zum Gutteil denen vorbehalten, die sich hier aus beruflichen Gründen aufhalten: den Kritikern. Ich selbst war zwar schon 1996 erstmals hier, um Waltraud Meier als Isolde zu erleben, dann aber habe ich mich einige Jahre mit weit wenig

er weihevollen Werken befasst.

Jetzt aber reihe ich mich nun schon das dritte Jahr ein, jedes Mal vor dem Hochgehen des Vorhangs aufgeregt wie ein Kind vor der Bescherung. Was an sich schon unprofessionell ist. Wer etwas von Bayreuth versteht, der ist nicht aufgeregt. Wer etwas von Bayreuth versteht, der hat immer die letzten 20 Jahre als Vergleichszeitraum im Kopf, und da findet sich immer etwas, das gerade eben Erlebte zu relativieren.

Viele Kollegen klatschen übrigens nicht. Offenbar grundsätzlich nicht. Vielleicht weil sie denken, sich damit zu sehr zu exponieren. Weil sie erst in ihren Artikeln Stellung beziehen werden und bis dahin streng neutral bleiben wollen. Was sie ja nicht sind, sonst würden sie nicht beim Rausgehen oder in den Pausen so gerne meckern.

Sei's drum: Ich bekenne mich Jahr ums Jahr zu meiner Begeisterungsfähigkeit. Was nicht heißt, dass ich immer alles toll finde, aber ich klatsche, wenn's mir gefällt, und wenn's mir gefällt, dann schreibe ich das dann auch. „Bravo“ allerdings rufe ich nur privat. Kann auch vorkommen, zum Beispiel nach Frank Castorfs „Ring“. Allein schon, um den notorischen „Buh“-Rufern ein Gegengewicht zu liefern.

Aber schon lustig, was man sonst so aufschnappt. Den gemessenen Tonfall des österreichischen Kollegen etwa, der am Handy ankündigt: „Sie bekommen in der Pause einen wohlgestalten Kommentar von mir.“ Oder den, der (ebenfalls am Handy) begierig fragt: „Hast du meinen Verriss gelesen?“

Interessant sind auch die Typen, denen man begegnet.

Dem Notierer zum Beispiel. Der es auf den ohnehin unbequemen Sitzen fertigbringt, fünf Stunden lang über seinen Block gekrümmt zu verbringen, pausenlos schreibend.

Oder dem Fels: Der sich hinsetzt, sich nicht einmal bewegt und zum Schluss plötzlich verschwunden ist, ohne dass man mitbekommen hätte, wie.

Oder dem Insider: Der bis zur letzten Sekunde Bekannte begrüßt, Scherze reißt und dann nur scheinbar widerwillig bis zur Pause stillhält.

Oder dem Grübler: Der bei jeder unerwarteten Wendung auf der Bühne den Kopf in die eine Richtung kippt, dann leicht schüttelt und dann in die andere Richtung kippt.

Zu welcher Kategorie ich gehöre? Ich bin ein Stauner und werde hoffentlich immer einer bleiben. Nicht nur in Bayreuth.

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