BAYREUTH

Blase Bayreuth, Teil 6: Wagners Wirren

Mathias Wiedemann vor dem Festspielhaus in Bayreuth
Mathias Wiedemann vor dem Festspielhaus in Bayreuth Foto: anonym

Also „Game of Thrones“ ist ein Dreck dagegen: Was Richard Wagner mit seinen Figuren veranstaltet, das sind gleich mehrere Kapitel für sich – und das nicht nur, weil auch Wagner manche seiner interessantesten Helden gerne früh sterben oder abtreten lässt (Siegmud, Sieglinde, Wotan). Wagners Wirren werden hier in Bayreuth nach den Aufführungen in den diversen Biergärten und auf Italiener-Terrassen ausgiebiger und leidenschaftlicher durchdiskutiert als „Game of Thrones“-Folgen im Internet. Das geht tatsächlich, schließlich gibt es unendlich viele Quellen, Märchen, Legenden, Mythologien, die man für seine Argumente heranziehen kann.

Da sitzen dann die Damen im dezent hochgerafften Abendkleid und die Männer mit loser Fliege und hochgekrempelten Stehkragenhemdsärmeln und erläutern die zentralen Fragen des Seins.

Eins ist klar: Es macht keinen besonderen Spaß, eine Wagner-Figur zu sein. Manche sind dazu verflucht, bis in alle Ewigkeit übers Meer zu fahren, dürfen nur alle sieben Jahre kurz an Land gehen, um eine Frau zu finden, die sie mit ihrer Liebe erlöst (Holländer). Andere dürfen ihren Namen nicht nennen, sollen aber dennoch ganze Zivilisationen retten und obendrein noch die Liebe einer Frau gewinnen (Lohengrin). Wieder andere bekommen Anweisungen, die alsbald widerrufen werden und kriegen dann mächtig Ärger, weil sie sich an die erste, in ihren Augen vernünftigere Anweisung halten (Brünnhilde). Und nochmal andere haben sich eine böse Verletzung geholt, die einfach nicht heilen will und sind zwecks Heilung (und natürlich auch wieder Erlösung) auf wieder andere angewiesen (an deren Charakter Wagner ganz besondere Anforderungen stellt), die ihnen die Waffe bringen, die die Wunde schlug (Amfortas und Parsifal).

Folge 1: Die Auffahrt
Folge 2: Das Publikum

Folge 3: Sängerhumor

Folge 4: Die Kollegen
Folge 5: Das Museum

Sehr verkürzt gesagt: Die einen sitzen oder irren herum und hoffen auf Erlösung, die anderen müssen charakterlich und verhaltensmäßig so sauber bleiben, dass sie zu Erlösern werden können. Klingt anstrengend, ist es auch. Macht aber ungeheuer viel Spaß. Weil die Musik all das so unfassbar bewegend umsetzt.

Und weil es unendlich viel Stoff zum Nachdenken und eben auch Diskutieren liefert. Der Pilgerstab im „Tannhäuser“ zum Beispiel. Der blüht ganz zum Schluss, um zu signalisieren, dass Tannhäuser vergeben worden ist. Wo kommt der Stab her? Ist es der Stab des Papstes, den Pilger aus Rom mitbringen? Wie kann der in Rom schon geblüht haben, wenn Tannhäuser hierzulande noch gar nichts von seiner Vergebung weiß? Und wenn er in Rom noch nicht geblüht hat, warum gibt der Papst seinen Stab einfach irgendwelchen Leuten mit? In vielen Inszenierungen wird der Stab tatsächlich als des Papstes Stab dargestellt. Der Text spricht lediglich vom „dürren Stab in Priesters Hand“. Wagner-Fans können darüber leicht einen ganzen Abend verbringen.

Eine Frage allerdings dürfte auch die Nicht-Wagner-Nerds interessieren. Parsifal ist der Vater von Lohengrin (heißt es im „Lohengrin“). Aber Parsifal hat nach seinem Abenteuer mit Klingsor und dem Speer die Nachfolge von Amfortas als Chef der mönchischen Ritterschaft angetreten (heißt es im „Parsifal“). Wie sage ich das jetzt: Die sind nicht nur unverheiratet, sondern auch keusch. Wer also bitte ist Lohengrins Mutter?

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