BAYREUTH

Blase Bayreuth, Teil 7 und Schluss: die Hitze

Mathias Wiedemann vor dem Festspielhaus in Bayreuth Foto: anonym

So, geschafft. Sechs Vorstellungen in sieben Tagen. Die Premieren sind durch. Was ich als erstes tun werde, nachdem der Hund aus der Pension geholt und der Kühlschrank wieder aufgefüllt ist: ein halbes Dutzend Hemden und zwei Anzüge in die Wäscherei bringen. Selten habe ich in einer Woche so viel Wasser zu mir genommen und gleich wieder durch die Poren meines Körpers abgesondert. Und mit mir 1973 weitere Besucher des Festspielhauses in Bayreuth. Ein Kollege hat den Tempel kürzlich als das „wahrscheinlich berühmteste unklimatisierte Theater der Welt“ bezeichnet.

Folge 1: Die Auffahrt
Folge 2: Das Publikum

Folge 3: Sängerhumor

Folge 4: Die Kollegen
Folge 5: Das Museum
Folge 6: Wagners Wirren

Heiß ist es in Bayreuth immer. Fast immer – vergangenes Jahr hat es zur Eröffnung der Festspiele geschüttet wie aus Eimern, vielen Damen kroch die Nässe schon beim kurzen Weg vom Parkplatz zum Festspielhaus die Abendkleider hoch, vielen Männern durchweichte es die Ledersohlen. Und allesamt froren wir uns durch die „Meistersinger“. Gott, war das schön, wird sich heuer mancher Besucher gedacht haben.

Dieses Jahr allerdings ist wieder alles beim Alten. Außer vielleicht noch ein bisschen heißer als sonst. Am Dienstag herrschten draußen im Baumschatten bei leichtem Windhauch 37 Grad. Drinnen werden es kaum weniger gewesen sein. Interessanterweise hat die Hitze weniger olfaktorische (also geruchsmäßige) denn akustische Folgen. Nicht jede Dame ist in der Lage, ihren Fächer lautlos zu betätigen, und mancher Mann entlockt seinem Online-Ticket beim Wedeln die allerinteressantesten Knack- und Knirschgeräusche.

Wer eine gesamte „Walküre“ hindurch von links hinten ein stetiges Klackklackklackklack hört, dessen Urheberin vollkommen immun gegen Blicke ist, die kaum weniger aufgeladen sind mit zerstörerischer Energie als der Blick, mit dem Wotan vorne auf der Bühne Hunding niederstreckt – wer also knapp vier Stunden (die Pausen nicht mitgerechnet) umgeben ist von einer Geräuschkulisse, die mit Wagner rein gar nichts zu tun hat, der wünscht sich irgendwann die weihevollen Zeiten in Bayreuth zurück, als niemand auf die Idee gekommen wäre, während einer Vorstellung auch nur zu zucken.

Derweil wird in den diversen Wagner-Foren im Netz heiß (im wahrsten Sinne des Wortes) diskutiert, welche Abstriche vom Dresscode erlaubt sind. Sakko ausziehen, erst wenn's im Saal dunkel wird. Sakko gar nicht erst mitbringen. Fliege gar nicht erst anlegen. Kurzarmhemd anziehen. Cocktail- statt Abendkleid. Schlappen statt Pumps. Bermudas statt langer Hosen. Vorschläge gibt es genug, praktizierte Lösungen ebenfalls.

Wobei in meinen Augen Hitze nicht alles rechtfertigt. Ich muss gestehen, irgendwann habe auch ich das Sakko im Hotel gelassen. Aber zu einem Kurzarmhemd habe ich mich dann doch nicht hinreißen lassen. Es gibt Grenzen.

Der Herr, der am Dienstag in komplettem Anzug mit Krawatte neben mir saß, zeigte sich jedenfalls gänzlich unbeeindruckt. Von der Hitze ebenso wie von den modischen und akustischen Eskapaden um uns herum. Er hat meine ganze Bewunderung.

Rückblick

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