WÜRZBURG

Blick in die Seelen von Fluchthelfern

Dieses Buch wollte Uwe Johnson, der 1959 als „Republikflüchtling“ die DDR verlassen hatte, nicht veröffentlichen. Zwar begann er kurz nach dem Mauerbau 1961 damit, die Arbeit von Fluchthelfern zu dokumentieren. Er führte Interviews mit drei führenden Köpfen, profitierte davon, und eine Fluchthelferbrigade, die sich an der Freien Universität gegründet hatte, holte seine Geliebte aus dem Osten. Doch 1963, der Autor hatte inzwischen die Geliebte geheiratet, brach er das Projekt ab.

Später wurde er gefragt, ob er die Tonbänder noch besäße. Johnsons Antwort: „Die Tonbänder sind gelöscht.“ Ein Irrtum. Die fünf Stunden währenden Befragungen von Dieter Thieme und Detlef Girrmann blieben erhalten, weil Johnson sie den Fluchthelfern zurückgegeben hatte. Das verhilft Johnson-Fans und solchen, die einen meisterhaften Interviewer kennenlernen wollen, zum glücklichen Umstand, diese intensiven Befragungen studieren zu können. Sie sind hochspannend. So erfahren wir etwa, dass die Männer und Frauen, die viel aufs Spiel setzten, als sie Ostdeutsche aus dem verhassten Land schleusten, daran kaum etwas verdienten – im Gegensatz zur DDR-Propaganda, die in Fluchthelfern bezahlte Büttel des Westens sah.

Die Aktivisten waren vielmehr daran interessiert, Freunde, Freunde von Freunden und Bekannte herauszuholen. Sie arbeiteten nicht kommerziell, mitunter erhielten sie Spenden, manche verschuldeten sich bei dem hohen Zeit- und Kraftaufwand.

Johnson sucht den Blick in die Seelen der Helfer. „Ich wollte keine Frage ausgelassen haben“, so der treffende Titel des Buches (Suhrkamp, 227 Seiten, 22,80 Euro). Er starb vor 26 Jahren in England, vermutlich im Alkoholexzess.

Der Verlag tat gut daran, Detlef Girrmann und Dieter Thieme um Vorworte zu bitten. Sie berichten von den immensen Schwierigkeiten der Transkription des gesprochenen – oft vernuschelten – zum geschriebenen Wort. Tagelang habe man darum gerungen, vorsichtshalber wurden rund 300 Fußnoten angefügt, die mit Erklärungen weiterhelfen.

Etwa 1000 Fluchtwillige brachten die beiden mit ihren Gruppen in den Westen, stets im Bewusstsein einer bürgerlichen Pflicht, wie Johnson es formuliert, „als sei Beistand für Einzelne das Mindeste, wo nicht allen geholfen wird“.

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