WÜRZBURG

Buch von Mirna Funk: Hitlerbärtchen auf dem Bild einer jungen Halbjüdin

Lola ist jung und hip. Sie lebt in Berlin, arbeitet als Fotografin und ist Jüdin – zumindest hat sie sich immer als Jüdin gefühlt. Die Einzigen, die sie nicht als solche akzeptieren, sind orthodoxe Juden – und ein deutsches Gericht. Denn Lola hat zwar einen jüdischen Vater, aber eine deutsche Mutter.

Aus ihren jüdischen Wurzel hat sie nie ein Geheimnis gemacht, doch plötzlich fühlt sie sich in Berlin nicht mehr wohl. Sie hat keine Lust mehr darüber hinwegzulächeln, wenn ihre Kollegen Gier als jüdische Eigenschaft bezeichnen, und findet es ganz und gar nicht witzig, als zwei Bekannte ihr Bild mit einem Hitlerbärtchen verzieren. Lola bleibt in solchen Situationen nicht mehr cool, sondern zieht vor Gericht.

So weit ist die Mirna Funk nie gegangen. Doch die antisemitischen Sprüche und Übergriffe, die Funk in ihrem Debütroman „Winternähe“ schildert, habe sie alle selbst erlebt, so die Autorin in einem Interview. Vor einem Jahr ist sie nach Tel Aviv gezogen, um an ihrem Roman zu arbeiten. Denn ihre Hauptfigur zieht es nach Israel.

Als Lola vor Gericht unterliegt und plötzlich ihr Jüdischsein in Frage gestellt wird, verlässt sie ihre Heimatstadt Berlin und geht nach Tel Aviv. Dort lebt ihr Großvater, dort hat sie schöne Wochen mit ihrem Vater verbracht, bevor der den Kontakt zu ihr abgebrochen und ein neues Leben in Australien angefangen hat, dort ist sie mindestens einmal im Jahr. Diesmal bleibt sie für Monate. In Tel Aviv akzeptiert sie jeder als Jüdin. Und Lola beginnt sich einzuleben. Sie verliebt sich in den Linksradikalen Shlomo, diskutiert mit ihrem Großvater über Politik und ärgert sich über die deutschen Reaktionen auf den Gaza-Krieg.

Lola bekommt die Angriffe im Sommer 2014 hautnah mit – und behauptet trotzdem, sich in Tel Aviv sicherer zu fühlen als in Berlin. Lolas Geschichte ist kompliziert: Sie ist Deutsche und Jüdin. Sie lebt in Israel, fühlt aber auch mit den Palästinensern. Sie ist keine Außenstehende, sondern jemand, der mit vielen Ereignissen und Menschen verwoben ist. „Winternähe“ nennt sie diesen Zustand. Eine erzwungene Nähe, aus der man nicht herauskommt.

Mirna Funk: Winternähe (S. Fischer Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro)

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