SCHWEINFURT

Caspar David Friedrich - Maler der Seele

Caspar David Friedrich: Zeitgenossen waren verwirrt. Und noch heute kann seine Kunst verunsichern. Denn der Maler zeigt uns, was hinter den Dingen liegt. Der Prototyp des Romantikers starb vor 175 Jahren.

Zum Rasendwerden, schön und toll zugleich“, seien sie, diese Bilder. Geheimrat Goethe war beunruhigt über die Gefühlswelt, die ihm aus Gemälden von Caspar David Friedrich ansprang. Tatsächlich war das, was junge Künstler – Friedrich war einer davon – ab dem Ende des 18. Jahrhunderts anstellten, weit weg von Goethes Klassizismus: Da wurden tiefe Empfindungen mit ganzer Hingabe auf die Leinwand oder zu Papier gebracht. „Was so auf der Kippe steht, muss sterben oder verrückt werden“, kommentierte der Dichterfürst die Arbeiten seiner Zeitgenossen.

Verrückt wurde Caspar David Friedrich nicht. Doch ein getriebener Geist blieb er wohl Zeit seines Lebens. Häufig dachte er über den Tod nach, packte melancholische – manche sagen depressive – Gedanken in Bilder, die ihn heute zum Inbegriff des romantischen Künstlers machen: „Wanderer über dem Nebelmeer“, „Kreidefelsen auf Rügen“ oder der „Tetschener Altar“. Vor 175 Jahren, am 7. Mai 1840, starb Caspar David Friedrich in Dresden. Er wurde 65 Jahre alt. Malen konnte er nach einem Schlaganfall 1835 in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr.

Unheimliche Stille

Ausgerechnet Goethe, der sich vor der neuen Kunst so erschreckte, verhalf Caspar David Friedrich zum ersten großen Erfolg. Auf Betreiben des einflussreichen Geheimrats wurde Friedrich von den Weimarer Kunstfreunden ausgezeichnet. Und das, obwohl die eingereichten Werke „Wallfahrt bei Sonnenuntergang“ und „Herbstabend am See“ der Ausschreibung nicht entsprachen: Gefordert war an sich die Darstellung einer antiken Sage. Goethe hatte den richtigen Riecher. Friedrichs Kunst traf den Zeitgeist. Und der beäugte das Rationale eher mit Misstrauen.

Im Gegensatz zum Vernunftdenken der Aufklärung betonte die neue Kunst die Fantasie. Auch das Dämonische, das Zweideutige, das Irrationale wurde Thema. Unter der auf den ersten Blick idyllisch wirkenden Oberfläche zeigt Caspar David Friedrich immer wieder, wie unheimlich Stille sein kann. Mit Romantik, wie sie heute oft im Sinne von kuscheliger Rosamunde-Pilcher-Sentimentalität verstanden wird, hat das nichts zu tun.

Das Schweinfurter Museum Georg Schäfer präsentiert in seiner Dauerausstellung elf Gemälde des am 5. September 1774 geborenen Sohn eines Greifswalder Seifensieders. Das um 1830/32 entstandene Ölbild „Flachlandschaft am Greifswalder Bodden“ zeigt typische Elemente einer Friedrich-Landschaft. Mag sie auch so wirken: Es ist keine herkömmliche Landschaftsmalerei. Friedrich gab ihr eine neue Dimension. Er malte nicht die Äußerlichkeit. Er begriff die Welt vor seinen Augen als Spiegel der Seele, als Ausdruck von Sehnsüchten und Empfindungen.

Er malte die eigene Gefühlswelt – und will den Betrachter hineinziehen. Als sei er eine dieser Friedrich-typischen, von hinten gezeigten Figuren und würde mit ihnen in vielleicht unbegreifbare und letztlich unerreichbare Welten blicken.

Die christliche Weltsicht

Anders als es der konkrete Titel vermuten lässt, hat Caspar David Friedrich die Landschaft nicht abgemalt. Was auf dem Bild zu sehen ist, hat in der Außenwelt so nicht existiert. Es entstand im Geist des Malers. Dabei orientierte sich Caspar David Friedrich aber durchaus an der sichtbaren Wirklichkeit. Auf Wanderungen durch den Harz, über das Riesengebirge, und auf der Insel Rügen zeichnete er detailgetreu, was er sah: Bäume, Felsen, Wolkenformationen. Im Atelier komponierte er dann die äußeren Eindrücke zu dem Bild, das er vor seinem inneren Auge sah.

Wie in vielen Caspar-David-Friedrich-Gemälden wird der Blick des Betrachters auch in der „Flachlandschaft“ nicht durch rahmende Elemente (Bäume, Säulen, Gebäude, die das Bild an den Seiten begrenzen) gehalten. Der Blick gleitet ins Unendliche. Der Betrachter fühlt sich wie die kleinen Figuren, die verloren an der Grenze zur großen Leere stehen. Die Nachtstimmung mit dem hinter Wolken versteckten Mond zielt aufs Gemüt: Dies ist nicht die Welt des taghellen Intellekts. Das Boot liegt am Ufer wie ein Symbol vom Ende des Lebenswegs – mit der Verheißung auf ein Leben nach dem Tod.

Christlicher Glaube war Teil romantischer Weltsicht. Im Museum Georg Schäfer findet sich auch das Bild „Vision der christlichen Kirche“ von 1812. Die religiöse Botschaft wird greifbar: Zwei bärtige Männer, die ein Tier opfern wollen – heidnische Priester wohl –, werden von der Vision der Kirche erschreckt. Die Kirche, die Friedrich aus den Rauchschwaden des Feuers erstehen lässt – er liebte Verschleierung durch Nebel, Wolken, oder eben Rauch –, ist eine gotische.

Denn nicht nur Religiosität ist ein Kennzeichen romantischer Geisteshaltung, sondern auch die Rückwärtsgewandtheit. Man drechselte sich ein Bild vom Mittelalter – vor allem der Gotik – als einer Epoche, in der das Heilige Römische Reich Deutscher Nation noch intakt war und das Land nicht – wie in der Gegenwart der Romantiker – von Kleinstaaterei zerrissen.

Caspar David Friedrich malte wohl auch gegen die eigene Biografie an. Der Tod seines Bruders Johann Christoffer war für ihn ein traumatisches Erlebnis. Der jüngere Bruder ertrank im Winter 1787 beim Versuch, Caspar David zu retten, der beim Eislaufen eingebrochen war.

Museum Georg Schäfer

Das Schweinfurter Museum Georg Schäfer zeigt eine international bedeutende Sammlung von Kunst des 19. Jahrhunderts. Hier gibt es auch Romantik satt: Zu sehen sind gut 50 Werke aus jener spannenden Epoche, darunter auch Bilder von Caspar David Friedrich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10–17, Donnerstag bis 21 Uhr.

Caspar David Friedrich, Selbstporträt
Caspar David Friedrich, Selbstporträt

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