Clemens Bieber: Ein Würzburger für Wagner

Clemens Bieber: Der Tenor über Nervosität, die Faszination der Bayreuther Festspiele und Schlingensief.
Schusterjunge: Der Würzburger Tenor Clemens Bieber an der Deutschen Oper als David in Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“. Foto: Bettina stöss, hele, Bayreuther Festspiele

Er hat ein festes Engagement an der Deutschen Oper und gibt international Gastspiele: Der Würzburger Clemens Bieber ist ein gefragter Mann. Bei den Bayreuther Festspielen, die am Montag beginnen, ist der Familienvater (drei Kinder) als Knappe im „Parsifal“ dabei.

Frage: Auf Ihrer Homepage steht, dass Sie in Würzburg geboren wurden. Aber nicht wann. Muss man als Tenor sein Alter verheimlichen?

Clemens Bieber: Nein, das nicht. Aber ich glaube einfach, es ist für die Leute nicht so interessant, wie alt man ist. Für mich ist das nicht entscheidend.

Sopranistinnen kriegen ab einem bestimmten Alter angeblich keine Engagements mehr – darum verheimlichen sie es. So hart ist es bei Tenören also nicht?

Bieber: Nicht ganz. Aber der Jugendwahn beginnt überall.

Jetzt haben Sie aber immer noch nicht verraten, wie alt Sie sind . . .

Bieber: Jahrgang 56 – ich bin also 55.

Seit 1987 treten Sie bei den Bayreuther Festspielen auf.

Bieber: Von 1996 bis 2000 habe ich pausiert. Seit 2001 bin ich wieder dabei. Dieses Jahr sind es also 20 Jahre. Ich bin inzwischen der dienstälteste aktive Solist in Bayreuth.

Hat Bayreuth für Sie etwas Besonderes?

Bieber: Es hat eine besondere Atmosphäre. In der langen Zeit, die ich dort verbracht habe, habe ich so viele interessante Leute kennengelernt, habe so gute Produktionen mitmachen können. Man hat tolle Dirigenten, man hat sehr gute Regisseure. Die Voraussetzungen sind einfach optimal. Es macht mir eine Riesenfreude, dort zu arbeiten.

Sind Sie in Bayreuth nervöser als sonst?

Bieber: Man ist immer nervös. Es relativiert sich aber.

Ich habe den Eindruck, das Publikum in Bayreuth sei kritischer als anderswo und auch besser informiert. Sie haben den Vergleich, etwa mit der New Yorker Met. Wie sehen Sie's?

Bieber: Das Bayreuther Publikum ist wissender, erfahrener und oft auch sehr viel kritischer als anderswo. Wobei in Bayreuth manchmal Maßstäbe angelegt werden, die kaum zu erfüllen sind. Ich sage immer: Leute, bedenkt, dass es eine Live-Vorstellung ist! Das heißt, es kann was passieren – technisch, sängerisch, was auch immer. Auch mit der besten Vorbereitung und mit den besten Voraussetzungen: Wir sind alle nur Menschen. Wir versuchen unser Bestes zu geben. Aber es gibt keine Garantie.

Hat man vor dem Bayreuther Publikum als Sänger vielleicht sogar Angst?

Bieber: Mit Angst darf man nicht auf die Bühne gehen. Wer Angst hat, ist verkrampft. Und das ist fürs Singen gar nicht gut. Man muss Respekt vor dem Publikum haben. Ich habe bisher noch keine schlechten Erfahrungen mit dem Bayreuther Publikum gemacht.

Sind Sie zugunsten einer wirkungsvollen schauspielerischen Aktion auch mal bereit, auf den optimalen Ton zu verzichten?

Bieber: Grundsätzlich bin ich in der Probenphase für sehr viele Dinge offen. Ich bin bereit, sehr weit zu gehen. Der entscheidende Punkt kommt, wenn die Bühnenproben mit Orchester beginnen. Dann stellt sich heraus, was funktioniert und was nicht. Dann muss man entscheiden: Wie weit kann ich gehen? Wir spielen Oper. Das heißt für mich Szene und Musik. Von einer toll gespielten Szene hat aber niemand was, wenn die Musik nicht stimmt. Man muss Kompromisse finden. Hundertprozentig werden aber nie alle zufrieden sein.

Gerade in Bayreuth gibt es ja oft sehr weit gehende Inszenierungen.

Bieber: Ich habe bei Schlingensiefs „Parsifal“ mitgemacht – viele fanden diese Inszenierung sehr extrem, meinten, sie gehe zu weit und habe mit dem Stück nichts mehr zu tun. Aus meiner Sicht hatte die Inszenierung aber unglaublich viele interessante Momente. Und gerade die Kombination des Dirigats von Pierre Boulez mit der Regie von Schlingensief – das gab so eine tolle Atmosphäre. Das hat gestimmt. Der Anspruch ans Publikum war hoch – und auch an uns Mitwirkende. Aber im Endeffekt war's eine spannende Sache. Der aktuelle Bayreuther „Parsifal“ von Stefan Herheim ist ganz anders. Daran sieht man, wie weit das Spektrum eines Werks – gerade in Bayreuth – reichen kann. Das ist doch hochinteressant!

Als Schlingensief in Bayreuth antrat, dachte ich, er wolle vor allem provozieren. Aber so war das dann gar nicht. Er hat sich eine Menge Gedanken gemacht.

Bieber: Er hat sich sehr viel gedacht. Die Probenarbeit mit ihm war unglaublich intensiv. Ich habe danach mit ihm in Berlin die „Szenen aus dem Leben der Heligen Johanna“ von Walter Braunfels gemacht. Schlingensief war da schon vom Tode gezeichnet, die Probenarbeit war für ihn sehr mühsam. Er war ein ganz ernsthafter Regisseur. Die Arbeit mit ihm war nie langweilig und sehr interessant. Ein toller Mensch.

Kommen Sie öfter nach Würzburg?

Bieber: Ja. Meine Mutter lebt hier, meine Schwester, mein Bruder. Ich hab noch sehr enge Verbindungen. Auch zu Siegfried Koesler, dem ehemaligen Domkapellmeister.

Sie waren Domsingknabe. Hatten Sie damals schon vor, von Beruf Sänger zu werden?

Bieber: Nein. Das kam später. Ich habe nach dem Abitur und nach der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre an der Würzburger Uni studiert. Kurz vor dem Examen habe ich ein Gaststudium an der Musikhochschule begonnen und nach dem Examen – ich bin Diplomkaufmann – ein Hauptstudium. Dann ging's Schlag auf Schlag.

Wie lange kann man den Beruf Tenor ausüben?

Bieber: Bis es nicht mehr geht, oder bis man pensioniert wird. Es hängt sehr viel von der Technik ab, ob eine Stimme durchhält. Ich habe vor zehn Jahren noch einmal richtig Unterricht genommen, drei Jahre lang bei Hermann Winkler in München, inzwischen ist er leider verstorben. Da habe ich nochmal sehr viel gelernt. Winkler hat mit 70 noch Töne gesungen, da wären viele jüngere glücklich, wenn sie das könnten. Wichtig ist auch, dass man in seinem Fach bleibt und sich weiterentwickelt.

Wie sehen Sie Ihr Fach? Wagner-Tenor?

Bieber: Im lyrischen Fach auf jeden Fall. Ich würde keinen Tristan singen, keinen Siegfried. Aber Lohengrin habe ich schon gesungen, als Nächstes mache ich Parsifal; auch der Erik aus dem „Holländer“ liegt für mich im Spektrum des Möglichen. Im Herbst singe ich Max aus dem „Freischütz“ in Macao.

Sie haben auch noch ein Engagement an der Deutschen Oper Berlin. Viel Urlaub haben Sie anscheinend nicht . . .

Bieber: Wenig. Das ist unser Los als Sänger: Entweder man arbeitet 150 Prozent oder null. Über Ostern war ich aber mit der Familie sehr erholsam auf Föhr.

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