WÜRZBURG

DDR-Bürger unerkannt in Freundesland

Das Titelbild des Buchs. Foto: Lukas Verlag

„Njet“, bellten die Wachtposten an der polnisch-sowjetischen Grenze. Sie wollten zwei Ostdeutsche auf Mifa-Fahrrädern mit Dreigangschaltung auf dem Weg nach Rumänien nicht durchlassen, denn Radfahrer waren nicht vorgesehen. Mit viel Diplomatie und Beharrlichkeit schafften es Michael Jahnke und sein Freund schließlich doch, über die Grenze gelassen zu werden. Direkt verboten war Radfahren ja nicht, und nach Spionen sahen die beiden mit ihren DDR-Pässen nicht aus. Hätten die Grenzer geahnt, was sie in Wahrheit vorhatten, wären sie vermutlich gleich eingebuchtet worden.

Die Studenten verließen nämlich bei erster Gelegenheit die vorgeschriebene Transitroute und begaben sich illegal nach Kiew und Odessa am Schwarzen Meer; später strampelten sie weiter nach Bulgarien, insgesamt eine Strecke von rund 3000 Kilometern. Was sie taten, war verboten. Sie radelten am gewaltigen Dnjepr-Strom entlang, grüßten freundlich auf Russisch Milizionäre und Soldaten, bei Pannen wurde ihnen geholfen, überhaupt gab es viel Gastfreundschaft, und in Odessa hatten sie ein unverschämtes Glück. Dort nahmen sie an einem Wettkampf teil, ihre Identität wurde ruchbar, der KGB kam auf den Plan. Aber dessen lokaler Chef drückte ein Auge zu. Im früheren Ostblock küssten sich die Oberbonzen, sogar auf die Lippen wie Honecker und Breschnew, der Begriff „sozialistische Völkerfreundschaft“ wurde in Festreden, aber auch bei Brigadeabenden geradezu gummiartig wiederholt. Die Wirklichkeit sah anders aus.

Der Transitvisum-Trick

DDR-Bürger durften ohne Genehmigung nur in die Tschechoslowakei reisen, manche kannten in Prag jede angesagte Kneipe. Für Ungarn, Bulgarien und Rumänien war ein Visum nötig, auch wenn man nur zum Plattensee oder an die Schwarzmeerküste wollte. Polen und die Sowjetunion durfte man nur mittels Reisegruppe kennen lernen. Das war seltsam, denn von der Sowjetunion lernen hieß doch Siegen lernen. Aber es gab einen Trick – das Transitvisum! Wer es bekam, der durfte durch Polen, Weißrussland und die Ukraine nach Rumänien fahren. Das Visum war nur zwei Tage gültig, aber es soll Tausende gegeben haben, die daraus zwei Sommermonate machten.

Wer erst mal eingesickert war, benahm sich möglichst unauffällig und hatte ein Riesenland zum Bereisen. Die Lücke im Überwachungssystem ermöglichte es. Manche aber von denen, die es übertrieben, wurden nach Schikanen ausgewiesen, als Spione verfolgt, saßen im Gefängnis, wurden vor Gericht gestellt, mussten gar mit dem Todesurteil rechnen. Wie Pfarrer Gernot Friedrich, der auf 20 Reisen in die Sowjetunion Bibeln mitnahm, die er christlichen Gemeinden übergab. Das war Schmuggel, aus seiner Stasi-Akte ist ersichtlich, dass man den Gottesmann, der unerschrocken weiter Gottes Wort verteilte, durch eine bestimmte medizinische Behandlung „zersetzen“ wollte. Dazu kam es durch die Wende 1989 nicht mehr.

Die Dokumentarfilmerin Cornelia Klauß und der Verleger Frank Böttcher berichten in ihrem Buch vom Fernweh der DDR-Bürger, das nicht gestillt werden konnte. Der Westen war tabu, im Osten war man überwacht – aber der Osten, das hieß auch Weite bis nach Mittelasien, die Mongolei, China. Es gab Gebirge von über 5000 Meter Höhe im Kaukasus, in Kirgistan und Tadschikistan, höher als die unerreichbaren Alpen, endlose Steppe und tiefe Wälder.

Michael Beleites, der sich wochenlang unerlaubt unter dem klaren Himmel Litauens bewegte, schreibt in seinem Text über die Ausbrecher ins Bruderland: „Sie haben die Freiheit nicht gefordert, sondern praktiziert.“ Die Bewohner des kleinen Landes, eingehegt von einer unerbittlichen Ideologie und geplagt von einer perfiden Bürokratie, waren so reisefreudig, weil sie es nicht sein sollten. Sie hatten sich gefälligst mit Ostsee, Harz und Erzgebirge zu begnügen. Aber sie wollten in die große weite Welt.

Das Buch „Unerkannt durch Freundesland“ gibt diese Stimmung in Reiseberichten, Essays, Interviewprotokollen wieder, unter den vielen Fotos sind tolle Schnappschüsse, etwa vom kurzbehosten Gernot Friedrich, der an seinen Gepäckträger am Fahrrad ein DDR-Kennzeichen montiert hatte. Aber auch von Reisenden, die es mit dem Rucksack und auf krummen Wegen in exotische Regionen wie Usbekistan oder Kasachstan schafften. Wunderbare Geschichten von Dissidenten auf Zeit, von Trotz und Abenteuer.

Cornelia Klauß, Frank Böttcher: Unerkannt durch Freundesland. Illegale Reisen durch das Sowjetreich (Lukas Verlag, 444 S., 291 Abb., 24,90 Euro)

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