UNTERFRANKEN

Das Ende von „Neues aus der Anstalt“: Priol und Pelzig in Trauer

Das Ende von „Neues aus der Anstalt“: Drei Millionen Menschen verfolgen, wie die beiden Unterfranken ihre ZDF-Satiresendung zu Grabe tragen. Beim Leichenschmaus trifft sich eine fröhliche Trauergesellschaft.
Auszug aus der Anstalt: Urban Priol und Frank-Markus Barwasser mit gepackten Koffern.
Auszug aus der Anstalt: Urban Priol und Frank-Markus Barwasser mit gepackten Koffern. Foto: dpa

Seinen scheußlichen Trachtenjanker und das rot-weiß karierte Hemd hat er eingetauscht. Frank-Markus Barwasser trägt jetzt Schwarz. Schwarzes Sakko. Schwarzes Hemd. Schwarze Hose. So erscheint der aus Würzburg stammende Kabarettist in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch im „Vereinsheim“, einer rustikalen Kneipe im Herzen des Münchner Stadtteils Schwabing. Beerdigungskleidung also? „Endlich erkennt's einer“, sagt Barwasser und grinst. Dann zwinkert er, und auch, wenn er es vermutlich nicht so meint – sein Outfit passt. Schließlich kommt er von einer Beisetzung, sozusagen. Als Erwin Pelzig hat Barwasser mit Urban Priol kurz zuvor die erfolgreichste Satiresendung im deutschen Fernsehen, „Neues aus der Anstalt“, zu Grabe getragen. Und wie das so ist bei Beerdigungen: Es fließen Tränen.

Barwasser, 53, setzt sich auf einen Hocker an einem der Stehtische, nippt am Weißwein und gesteht: „Bei der Vorprobe am Sonntag war ich schon sehr wehmütig und letztlich froh, dass ich meine Sendung nun noch habe, sonst hätte ich mich vielleicht gefühlt wie pensioniert.“ Acht Mal, einmal mehr als bisher, wird der Würzburger „Pelzig hält sich“ im nächsten Jahr präsentieren. Im „Vereinsheim“ lassen die Anstalt-Macher den Abend routinemäßig absacken mit Gästen, der Crew, Freunden, Familienmitgliedern. Und bei aller durch die letzte Anstalt wabernden Melancholie: Bei dem Leichenschmaus mit Frühlingsrollen und Mini-Fleischküchli trifft sich eine fröhliche Trauergesellschaft. Anekdoten über die Beerdigte machen die Runde, Erinnerungen werden hervorgekramt, es wird häufig herzhaft gelacht.

Unser Interview mit Barwasser und Priol.

Priol und Pelzig, ein bisschen Pathos, etwas Trauer und ein wenig Piaf: Es waren keine allzu tränendrüsigen Momente am Ende der Sendung – aber bewegend waren sie. Die beiden rangen um Abschiedsworte. Vom Band sang die französische Chansonlegende „Non, je ne regrette rien“ – „Nein, ich bereue nichts“. Dann verließen sie mit gepackten Koffern die Anstalt. Als sie mit ihren Gästen Georg Schramm, Jochen Malmsheimer, Max Uthoff und Volker Pispers auf die Bühne zurückkehrten, um sich vom Studiopublikum und den 3,01 Millionen vor den Fernsehern endgültig zu verabschieden, erhoben sich wie auf einen geheimen Fingerzeig hin alle 300 im Raum und applaudierten. Priol hatte Tränen in den Augen, Pelzig einen Kloß im Hals. Malmsheimer schluckte mehrfach. Und Schramm weinte. Er begann als Erster zurückzuapplaudieren, seine Kollegen stimmten ein. Mehrfach verließen alle die Bühne. Mehrfach zwangen die Zuschauer sie durch ihren Beifall zurück. Das ZDF zeigte da schon „Abenteuer Forschung“ mit dem Wissenschaftler Lesch.

Am Stehtisch im „Vereinsheim“ nennt Barwasser diese Momente dann „schon bewegend“. Er sagt, dass sie oft zu hören und zu lesen bekommen hätten, dass „wirklich vielen Leuten es echt was ausmacht, dass wir aufhören, aber sie haben es auch verstanden“. Womöglich hat Barwasser Recht, wenn er meint: „Die Sendung war eine Institution.“ Er betont, dass es zu keinem Zeitpunkt Überlegungen über einen Rücktritt vom freiwilligen Rücktritt gegeben habe. „Wir haben eine rationale Entscheidung getroffen, und wir bereuen nichts.“

Jochen Malmsheimer, 52, sitzt in kleiner Runde. In 20 der 62 Anstalten war er der sprachmächtige Hausmeister. In der letzten Sendung duellierte er sich mit Schramm mit Shakespeare-Texten, beschrieb ein deutsches Wohnzimmer so wortgewaltig, wie nur er es kann. Jetzt nimmt er einen kräftigen Schluck Hefeweißbier und sagt: „Klar ist da Wehmut, ganz viel.“ Vielleicht ist ihm der Schlussapplaus auch deshalb „sehr sehr nahe“ gegangen. Die Anstalt war „mein erster Kontakt zum Fernsehen, der mich unbeschädigt gelassen hat“, sagt er und lacht: „Ich wurde von zwei wunderbaren Menschen in Obhut genommen, Urban und Georg, und die haben mich tun lassen, was ich gerne mache. Das war ein großes Geschenk, weil mir dadurch auch Angst genommen wurde.“

Am Nachbartisch sitzt Georg Schramm, 64. Der Psychologe hatte die Idee, Patient Deutschland in einer psychiatrischen Tagesklinik satirisch therapieren zu lassen, und legte das Konzept mit Priol 2007 dem ZDF vor. Gemeinsam hoben sie die Sendung aus der Taufe. Nach drei Jahren ging Schramm, bis zum Jahresende tobt er sich noch auf der Bühne aus. Für die letzte Anstalt kehrte er als Patientensprecher Dombrowski zurück. Und wer hat geweint auf der Bühne, Schramm oder Dombrowski? „Natürlich Schramm, ich bin halt ein Weichei“, sagt er, lacht sein stakkatohaftes Dombrowski-Lachen und bestellt ein neues Hefeweißbier. Auch nach seinem Abschied habe er „die Sendung mit schweißnassen Händen immer geguckt“. Bei seiner Rückkehr hatte er „Déja-vus ohne Ende“. Für ihn ist „ein Lebensabschnitt, ein ganz wichtiger Lebensabschnitt endgültig zu Ende gegangen“. Dann erzählt er ein bisschen von den Anfängen und dass das ZDF das Wort „Anstalt“ auf keinen Fall im Titel haben wollte. „Aber Urban und ich sind stur geblieben. Dass genau dieses Wort nun übrig bleibt, find' ich toll.“

Ein Prortait von Georg Schramm.

„Die Anstalt“ heißt die Nachfolgesendung, die das ZDF ab Februar zeigt. Max Uthoff, 46, neben Claus von Wagner, 35, einer der neuen Gastgeber, war als Anstaltsanwalt häufiger zu Gast bei Priol und Pelzig. Bei deren Abschied gab der gelernte Jurist ein messerscharfes Solo zum Besten, das Schramm nicht nur „sehr entzückt hat“, sondern ihm auch das Gefühl gab, „meinen Nachfolger auf der Bühne gesehen zu haben“.

Es ist spät geworden. Urban Priol, 52, steht vor dem „Vereinsheim“, es geht auf drei zu, der Aschaffenburger raucht noch eine. „Vielleicht war's ja gut gespielt?“, fragt er, wenn man ihn auf seine gewässerten Augen am Schluss der Sendung anspricht. „Na ja, es war halt spontan ergreifend.“ Und dann gesteht er doch: „Ja, ich habe die eine oder andere Träne verdrückt.“ Er hält die Entscheidung, jetzt aufzuhören, nach wie vor für richtig. „Vielleicht wären die Leute in ein paar Jahren sitzen geblieben und hätten sich gedacht: Endlich gehen sie.“

Im September nächsten Jahres kehrt Urban Priol mit einer eigenen Sendung zurück ins ZDF, bis dahin will er erstmal „alles sacken lassen“ und sich in der ohne die Anstalt gewonnenen Zeit ums Konzept seiner neuen Sendung kümmern. „Es geht weiter“, sagt er. „Immer weiter.“

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