WÜRZBURG

Das Tingvall Trio lässt die Musik kreisen

Warnung! Dieser Text wird in einer dringenden Empfehlung enden. Beim Würzburger Hafensommer waren in den vergangenen zehn Jahren schon viele bemerkenswerte Jazz-Trios zu Gast. Michael Wollny zuletzt, Nils Petter Molvaer oder Karl Ivar Refseth, der Vibrafon-Meister. Vor allem gab es bemerkenswerte Auftritte von herausragenden Piano-Trios. Wie eben vom Lokalmatador Wollny, oder vor sechs Jahren den Schweizer Trio Rusconi. Klavier, Schlagzeug, Bass: die Basisformation des Jazz, die langweilig-ermüdende, intellektuell-verkünstelte Ergebnisse bringen kann. Oder unverwechselbaren Klang und große Momente.

Die Hafensommer-Chronik der Trios ist seit Mittwoch um einen Eintrag reicher: Der schwedische Pianist Martin Tingvall, Schlagzeuger Jürgen Spiegel und Omar Rodriguez Calvo am Kontrabass spielen auf der schwimmenden Bühne vor 500 Jazzfreunden. Es wird – trotz oder wegen kleiner Besetzung – ein großer Abend. Populär ist das Trio mit Heimathafen Hamburg längst, hat etliche Jazz-Echo-Auszeichnungen gesammelt, vordere Plätze selbst in den Pop Charts erspielt.

Und in der neuen Elbphilharmonie durften die drei Musiker vor der Eröffnung zwei Testkonzerte zur Erprobung des Raumsounds spielen. Im November wird das Trio dort ein „richtiges“ Gastspiel geben. Aber erst einmal ausgedehnte Sommertour – bis nach Südkorea und Japan und eben nach Würzburg. Das Tingvall Trio macht eine energiegeladene Musik, melodiös, vital, sehr, sehr präzise und mit feiner, klarer Harmonik. Nicht elitär, sondern eingängig. Nicht kompliziert fürs Ohr, aber auch nicht simpel – sondern luftig, spielerisch. Und manchmal unfassbar rasant.

Manch harmlos beginnendes Stück endet in überschwänglichen Improvisationen, Tonkaskaden, Schlagzeuggewittern in unglaublichem Tempo. Immer sind die Stücke kurzweilig, viele haben Tanzpotenzial. Das Trio hat – frisch gepresst, an diesem Freitag erscheinend – sein neues Album mitgebracht. „Beat“, das letzte Album von 2014, war ein Erfolg mit beherzten Rhythmen und kräftigen Soli. Das neue Album heißt „Cirklar“ – Kreisen.

Weil, wie Komponist und Pianist Martin Tingvall erzählt, sich die drei Musiker „in immer enger werdendenden Kreisen“ den Kompositionen genähert haben. Und weil es in den Stücken des Albums um das Kreisen im Leben geht, um Kreisläufe der Empfindungen. So ist die Ballade „Evighetsmaskinen“ (Ewigkeitsmaschine) fast schon meditativ, „Bumerang“ dagegen treibt vorwärts, voran, mit kräftigen Rhythmen.

Das Würzburger Publikum: begeistert. Der Applaus: lang. So lang, dass die drei Musiker nach der Zugabe – schon ganz oben an der steilen Hafentreppe – noch einmal umdrehen und unten auf dem Wasser zwei lange intensive, noch einmal vielfältige Zu-Zugaben spielen. Es bleibt die Empfehlung: „Cirklar“. Ein wunderschönes, ein erstklassiges Album.

Rückblick

  1. Hafensommer: Spektakel mit Tentakel
  2. "Babylon Berlin" am Main: Golden Twenties nicht ganz so golden
  3. Rainald Grebe macht ernsthaft Spaß
  4. Sternstunde beim Würzburger Hafensommer
  5. Hafensommer: Kettcars Aufruf, Löcher in Zäune zu schneiden
  6. Wenn sich ein Songwriter Gäste einlädt
  7. Die drei, vier, fünf Instrumente im Kontrabass
  8. 8 Punkte: Was zum Hafensommer gesagt werden muss
  9. Vorab reingehört: So klingt der Hafensommer
  10. Hafensommer: Moka Efti Orchestra ausverkauft
  11. Warum eine Bank und ein Orchester den Hafensommer lieben
  12. Till Brönner und das gute Leben in der Main-Philharmonie
  13. Warum Asaf Avidan „One Day“ im Original singt
  14. Wie Kümmert mit Hiphop und Intimschmuck fernsehtauglich wird
  15. Hafensommer: Heißer Sound in nichtatmungsaktiven Jacken
  16. Olli Schulz verkuppelt auf dem schwimmenden Einhorn
  17. 16 Saiten und ein Fazit: wow!
  18. Orient trifft Okzident – eine coole Kombi
  19. Klassik trifft Weltmusik zur Eröffnung des Hafensommers 2018
  20. Hafensommer-Start mit Orient-Flair
  21. Hafensommer auf der "Arte Noah"
  22. Der Hafensommer in Bildern
  23. Musikalischer Blick nach Israel beim Hafensommer
  24. Der Hafensommer endet ausverkauft, karibisch und ehrwürdig
  25. Rebellen mit E-Gitarren beim Hafensommer
  26. Das Tingvall Trio lässt die Musik kreisen
  27. Seven singt die Wolken weg
  28. Der neue Hafensommer kommt gut an
  29. Musik aus der Perspektive eines Vogels beim Hafensommer
  30. Max Mutzke lässt Lenden kreisen
  31. Treibholz schwimmt im Hafenbecken
  32. Nils Landgren und der Funk fürs Leben
  33. Hafensommer-Chefs: „Wir wollen auch herausfordern“
  34. Der Hafensommer schwappt über die Ufer
  35. Elfter Hafensommer mit klaren regionalen Akzenten
  36. Der neue Hafensommer ist ein bisschen auch der alte
  37. Mit neuem Leitungsteam: Neustart für den Hafensommer
  38. Hafensommer: Kulturreferent will höheren Zuschuss
  39. Hubert von Goiserns furioses Hafensommer-Finale
  40. Hafensommer: Der Regen als fünftes Instrument
  41. Harfensommer und Flowzirkus: Zweimal Jazz im Hafen
  42. Der Hafensommerabend des geplant Spontanen
  43. Eine Zwischenbilanz: Der etwas neue Hafensommer
  44. Stimmung wie im Madison Square Garden
  45. Cooler Hafensommer-Sound bei kühlen Temperaturen
  46. The Notwist ließen das Hafenbecken erzittern
  47. Hafensommer: Auf Klangreise mit Michael Wollny
  48. Bilanz der ersten Hafensommer-Woche: Huij und Respekt
  49. Hafensommer: Klaus Doldingers Wagnisse vor sicherer Trommelwand
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