Das Trommel-Traumpaar

Ungetönlich: In loser Folge stellen Experten Instrumente vor, die eine ungewöhnliche Geschichte haben oder als Exoten gelten. Heute: Die Tabla oder Trommeln im Filmklassiker.

Der Musiker nimmt einen Hammer und dengelt damit auf seinem Instrument herum. Mit Gefühl zwar, aber doch so kräftig, dass einem unbedarften Zuschauer die Haare zu Berge stehen möchten. „Ist völlig normal“, beruhigt Thomas Hupp. Das sei eine Möglichkeit, die Tabla zu stimmen. Die Sache mit dem Hammer ist nicht die einzige Überraschung, die das in Nordindien heimische Instrument bereithält . . .

Hupp sortiert die Finger der rechten Hand um die Trommel und schlägt mit der Kuppe des Zeigefingers auf den Rand des Fells. „Es dauert ein halbes Jahr, bis man das richtig kann“, erklärt der Würzburger. Ein halbes Jahr für einen einzigen Ton? Ja! Denn die gegerbte Ziegenhaut müsse an der richtigen Stelle mit der richtigen Intensität und der richtigen Bewegung in Schwingung versetzt werden. Nur dann erklingt der typische, singende Tabla-Ton.

„Die Tabla wird wesentlich aus den Fingern heraus gespielt“, erklärt der Experte. Wird der Schlag mit dem ganzen Zeigefinger ausgeführt, ändert sich die Klangfarbe. Es gibt noch viel mehr Schlagtechniken, mit anderen Fingern, an anderen Stellen des Fells, der Handballen kann zum Dämpfen des Tons eingesetzt werden und, und, und. „Tabla spielen zu lernen erfordert genauso viel Geduld wie Geige oder Klavier zu lernen“, meint Hupp. Dann wird's richtig exotisch. „Dha – dhin – dhin – dha – dha – dhin – dhin“, intoniert Hupp in einer Art Sprechgesang, während er in unterschiedlicher Weise auf die Trommel schlägt. „Das indische Rhythmussystem beruht auf einer Silbensprache, die den Klang der Trommel phonetisch imitiert“, erklärt der Würzburger des Jahrgangs 1957. Verschiedene Silben stehen für verschiedene Klänge oder Klangkombinationen mit entsprechend unterschiedlichen Schlagtechniken. „Es ist mit Sicherheit das älteste und auch komplexeste Rhythmussystem der Welt“, sagt er. Ein passionierter Perkussionist kann sich dieser Faszination nur schwer entziehen.

Hupp, der an der Würzburger Musikhochschule bei dem legendären Perkussionisten Siegfried Fink studierte, erlag der Faszination vor Ort, in Indien (er ist mit einer Inderin verheiratet). Er studierte bei verschiedenen Meistern. Tabla-Spiel und komplizierte rhythmische Strukturen werden von besonders respektierten Gurus gelehrt. „Aufzeichnungen gibt es nicht“, erklärt Hupp. Das Repertoire wird mündlich von Generation zu Generation weitergegeben.

„Durch die Tabla habe ich ein ganz anderes Klangempfinden entwickelt“, sagt der Musiker, spielt – und der Laie wundert sich schon wieder: Wie viele Farben sich aus einer so simpel wirkenden Trommel zaubern lassen! „Es geht immer um die Klangfarbe“, sagt der über die Region hinaus gefragte Tabla-Experte. Jeder (gute) Perkussionist habe sein eigenes Klangbild – eine Art akustische Visitenkarte. Gespielt wird das Instrument, dessen Name von dem arabischen Wort für Trommel kommt, üblicherweise im Lotossitz, also mit übereinandergeschlagenen Beinen. Mithilfe eines untergesetzten dicken Stoffrings wird die hölzerne Trommel leicht vom Spieler weg geneigt.

Und dann ist da noch ein Instrument, ohne das die Tabla nie gespielt wird: die Baya. Bei ihr ist das Fell über einen metallenen Kessel gespannt. Die bauchigere Baya klingt tiefer als die Tabla, gibt quasi den Basston zur Tabla und sorgt für noch mehr Klangfarben. „Baya heißt auf Indisch ,links‘“, erklärt Hupp. Sie steht denn auch – vom Spieler aus gesehen – links von der Tabla und wird mit der linken Hand gespielt.

Beide Instrumente haben einen markanten schwarzen Fleck auf dem Fell. Bei der Tabla sitzt er mittig, bei der Baya mehr zum Rand hin. Er besteht aus einem Gemisch aus Reis, Eisenstaub und Glutin-Klebern. Schichtweise aufgetragen, hat er großen Einfluss auf den Charakter der Instrumente: „Ohne diesen Fleck würde eine Tabla wie ein Bongo klingen“, sagt Thomas Hupp.

Fans klassischer Filme kennen das Trommel-Traumpaar aus Fritz Langs „Der Tiger von Eschnapur“. Da übt Debra Paget, indisch-perkussiv begleitet, den erotischen Tempeltanz, den sie dann in „Das indische Grabmal“ aufführt. Und sonst? Thomas Hupp überlegt: „Im klassischen Bereich werden Tabla und Baya praktisch nur in Indien eingesetzt.“ Im Westen sei das Trommel-Duo aber in Fusion-, Jazz- und Popmusik sehr verbreitet. Hupp: „Es passt gut zu Gitarre und anderen Saiteninstrumenten – auch zur Harfe.“ Noch eine Überraschung.

Übrigens gibt es auch eine zweite Art, die Tabla zu stimmen: Dabei werden Holzklötze zwischen Kessel und Schnüren verschoben. Die Schnüre sind mit dem Fell verbunden, das dadurch mehr oder weniger gespannt wird, was die Tonhöhe verändert – aber nur grob.

Für die Feinabstimmung muss dann der Hammer her.

Thomas Hupp

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