Helgoland

Das schwierige Verhältnis der Deutschen zu ihrem Lied

Einigkeit und Recht und Freiheit: Vor 175 Jahren dichtete Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland das „Lied der Deutschen“. Nationalhymne wurde es allerdings erst im Jahr 1922.
KINA - Ein besonderes Lied feiert Geburtstag
Liberaler, Nationalist, Antisemit: Wegen seines oppositionellen Engagements für ein geeintes Deutschland wurde der Germanistik-Professor Hoffmann von Fallersleben 1842 von der preußischen Regierung ohne Pension entlassen. Foto: dpa

Kein deutsches Lied hat so viel Publikum wie die Nationalhymne. Bei jeder Olympia-Medaille und jedem Fußball-Länderspiel achten die Fans darauf, welcher Sportler die Hymne auch wirklich mitsingt. Vor 175 Jahren, am 26. August 1841, hat der Germanistik-Professor August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) auf Helgoland das „Lied der Deutschen“ geschrieben. Jetzt will die Nordsee-Insel das Jubiläum feiern.

Deutsch war der Entstehungsort des Deutschlandlieds streng genommen nicht. Helgoland zählte damals zu Großbritannien, und das Friesisch der Helgoländer wurde allenfalls auf Sylt oder Amrum noch verstanden. Vier Wochen lang hielt sich Hoffmann von Fallersleben im August 1841 auf Helgoland auf, um sich zu erholen.

Lesen Sie hier den Leitartikel dazu: Hymne ohne Tschingderassabum

Die Einsamkeit zwischen Himmel und Meer tat ihm offensichtlich gut. „Da ward mir so eigen zu Muthe, ich musste dichten und wenn ich auch nicht gewollt hätte“, erinnerte er sich später. Drei Tage nach der Niederschrift kaufte sein Verleger Julius Campe das Gedicht spontan für vier Louisdor, was heute grob geschätzt 800 Euro wären.

Beim Dichten griff Fallersleben auf die Melodie von Joseph Haydn zurück, die damals schon sehr populär war, erklärt der Musikwissenschaftler Hartmut Fladt. Die Ironie dabei: Obwohl der Text ein Plädoyer für bürgerliche Freiheit und ein geeintes Deutschland war, wurde er Haydns „Gott erhalte Franz den Kaiser“ – Lobgesang auf einen Monarchen – übergestülpt. „Es war sicherlich eine ganz bewusste Entscheidung, diese Melodie zu verwenden und inhaltlich gegen den Strich zu bürsten“, sagt Eckhard John vom Freiburger Zentrum für Populäre Kultur und Musik.

Umstrittene Textzeile "Deutschland über alles" entstand aus Sehnsucht mach staatlicher Einigung

So entstand die deutsche Hymne, die jedoch zunächst nicht als solche genutzt wurde. Von den liberalen Ideen des Dichters wollten die deutschen Regierungen im zersplitterten Deutschland nichts wissen. „Deutschland, Deutschland, über alles / über alles in der Welt“ – vor allem die ersten beiden Zeilen des Liedes gelten heute als Zeichen für eine nationalistische Überheblichkeit, wie sie dem Nationalsozialismus eigen war.

Dabei konnten sie vor 175 Jahren auch anders verstanden werden: Die deutsche Nation sollte sich über all die zahlreichen Königreiche, Großherzogtümer, Grafschaften, Fürstentümer und Hansestädte wölben – knapp 40 an der Zahl –, in denen seinerzeit Deutsch gesprochen wurde.

Die Grenzen Deutschlands zog von Fallersleben recht großzügig

Allerdings zog Hoffmann von Fallersleben die Grenzen recht großzügig „von der Maas bis an die Memel“: Die Maas durchfloss das Herzogtum Limburg im heutigen Belgien, die Memel markierte damals die Nordgrenze von Ostpreußen, die heutige russische Region Kaliningrad. „Von der Etsch bis an den Belt“: Die Etsch in Südtirol gehörte damals zu Österreich und heute zu Italien, der Kleine Belt markierte seinerzeit die Nordgrenze des Herzogtums Schleswig im heutigen Dänemark.

Der gesamte Originaltext des Deutschlandlieds

Hoffmann von Fallersleben galt als kritischer Oppositioneller. Wegen seines Engagements für ein einheitliches Deutschland und seiner liberalen Gesinnung wurde der Germanistik-Professor 1842 von der preußischen Regierung ohne Pension entlassen. Ein Jahr später entzog man ihm die preußische Staatsbürgerschaft und verwies ihn des Landes. Hoffmann wurde insgesamt 39 Mal ausgewiesen und zog ruhelos durch Deutschland.

Ohne Pension als Professor entlassen und ausgebürgert

Seine oppositionelle Haltung sollte allerdings über seine nationalistische Gesinnung nicht hinwegtäuschen. Franzosen schmähte er als „Scheusale der Menschheit“ und „tolle Hunde“. Den Juden hielt er in seinem Gedicht „Emancipation“ vor: „Willst du von diesem Gott nicht lassen, nie öffne Deutschland dir sein Ohr.“ Es war aber dann ein Sozialdemokrat, Reichspräsident Friedrich Ebert, der Hoffmanns „Lied der Deutschen“ am 11. August 1922 zur Nationalhymne erklärte.

Dabei war „Deutschland über alles!“ bereits im Ersten Weltkrieg als Schlachtruf deutscher Soldaten bekannt. Zum kriegstreibenden Kampflied stieg es auf, als die Nationalsozialisten nur noch die erste Strophe zuließen und sie mit dem „Horst-Wessel-Lied“ verbanden.

Nach dem Krieg war das Deutschlandlied erstmal verboten

Nach Kriegsende 1945 wurde wieder eine Nationalhymne gesucht. 1952 entschied ein offizieller Briefwechsel zwischen Bundespräsident Theodor Heuss und Kanzler Konrad Adenauer, dass das „Lied der Deutschen“ Nationalhymne bleiben sollte – allerdings nur die dritte Strophe.

Interessant wurde die Frage noch einmal bei der Wiedervereinigung 1990. Angeboten hätte sich auch die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“, die Nationalgefühl mit der Hoffnung auf Frieden und Sonne für Deutschland vereint. Zudem steht in der ersten Strophe das Wende-Motto „Deutschland, einig Vaterland“. Doch Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut Kohl beharrten auf dem Deutschlandlied.

Den jüngsten Aufreger um die Hymne lieferte Olympiasieger Harting

Wie empfindlich die deutsche Seele noch immer reagiert, musste vor wenigen Tagen Diskuswerfer und Goldmedaillen-Gewinner Christoph Harting erfahren, als er auf dem olympischen Siegertreppchen zur Nationalhymne schunkelte. Andere Sportler warfen ihm mangelnden Respekt vor, und Harting versuchte sich mühsam mit einem „Flow“ im Kopf zu entschuldigen.

Ähnlichen Ärger hatte schon Sarah Connor vor Jahren, als sie im Bayern-Stadion versehentlich „Brüh im Lichte dieses Glückes“ statt „Blüh im Glanze dieses Glückes“ sang.

Die Helgoländer wollen das Jubiläum würdig und fröhlich feiern – präsentiert werden Sonderbriefmarke und Gedenkmünze. Auf dem Programm stehen unter anderem Poetry Slam und Street Art. Beim Festakt wird dann das Haydn-Quartett auch die Nationalhymne spielen. Mit Material von dpa

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