LIVERPOOL

Der Clown der Beatles: Ringo Starr wird 75

George Harrison ist tot       -  Yesterday: Die Beatles (Zweiter von links Ringo Starr) im Jahr 1963.
Yesterday: Die Beatles (Zweiter von links Ringo Starr) im Jahr 1963. Foto: dpa

Wenn man so will, dann waren die Beatles die erste Boygroup der Pop-Geschichte. John Lennon verkörperte den bissigen Intellektuellen, Paul McCartney den hübschen Sonnyboy und George Harrison den undurchsichtigen Scheuen. Für Ringo Starr hatte Beatles-Manager Brian Epstein die Rolle des simplen Witzbolds vorgesehen. Sein Image als alberner Pop-Clown pflegte er mit Songs wie „Octopus's Garden“, die an Kinderlieder erinnerten.

Im Gegensatz zu seinen ehemaligen Bandkollegen ist der Mann, der heute, 7. Juli, 75 Jahre alt wird, kein wirklich begnadeter Musiker und verfügt auch nicht gerade über umwerfende Gesangskünste – behaupten seine Kritiker. Seine Fans schw

ören Stein und Bein, ohne Ringo hätte es den berühmten Beatles-Humor nie gegeben. Und die Gesangsstimme des Arbeiterkindes aus Liverpool sei zwar schwach, dafür aber voller Inbrunst und Charisma. Sein schwer imitierbares Schlagzeugspiel ist laut, pulsierend und trocken und hat den Sound der Beatles maßgeblich geprägt. Auch heute noch lassen sich Heerscharen von jungen Schlagzeugern von Starr beeinflussen.


Einer dieser magischen Momente

John Lennons Witwe Yoko Ono nannte ihn sogar „den einflussreichsten Beatle“, als der Drummer und Sänger im April in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen wurde. Die Laudatio hielt kein Geringerer als Paul McCartney, der sagte: „Wir luden diesen Kerl ein, mit dem wir noch nie gespielt hatten. An den Augenblick, als er anfing zu trommeln, erinnere ich mich noch sehr gut. Ich glaube, es war zu Ray Charles‘ ,What?d I say‘. Die meisten Schlagzeuger von damals haben diesen schwierigen Part nicht hingekriegt, aber für Ringo war das kein Problem.“

Heute: Ringo Starr, singend an seinem guten alten Arbeitsplatz.
Heute: Ringo Starr, singend an seinem guten alten Arbeitsplatz. Foto: Fernando Bizerra Jr., dpa

Es war einer dieser magischen Momente, die das Leben verändern können. Paul schaute John an, John blickte zu George. Ihr Gesichtsausdruck sagte: Was ist das? „Und das war der Moment, als die Beatles wirklich begannen.“

Der ehemalige Botenjunge, Schreiner und Barkeeper Richard Starkey alias Ringo – der Spitzname stammt von seiner Vorliebe für Ringe – Starr verdingte sich später als Filmschauspieler, Geschäftsmann, hoch bezahlter Talkshow-Gast und natürlich als Musiker. 18 Soloalben hat der Beat-Pionier seit 1970 aufgenommen, oftmals unterstützt von Lennon, McCartney und Harrison, denen er stets freundschaftlich verbunden war. Nicht alle sind gleich gut gelungen. Eine Zeit lang schien sich Starr nur noch für die Erfüllung seiner Verträge und nicht für die Musik an sich zu interessieren.

Seit einigen Jahren sind die Kritiker dem ebenso cleveren wie tragikomischen Künstler wieder wohlgesonnen. Das hat auch einen Grund: Der ewige Faxenmacher scheint endlich erwachsen geworden zu sein. So ist der schlichte, direkte und frische Beat von frühen Alben wie „Goodnight Vienna“ oder auch „Ringo?s Rotogravure“ mittlerweile ausgefeilten Rock- und Popklängen gewichen. Der Sänger „obskurer Lieder“ (Ringo Starr) hat sich zu einem veritablen Songschreiber und Produzenten gemausert.

Für sein aktuelles Soloalbum, „Postcards From Paradise“, schrieb er erstmals Songs für seine Allstar Band, in der Koryphäen wie Warren Haynes, Peter Frampton und Joe Walsh agieren. Das Schlagzeug hat er wie bei einer Garagenband aufgenommen, „alles live, nicht ein Ton wurde verändert oder hinzugefügt“. Nicht nur das erinnert an die Anfangstage der Beatles, wo Starr bei schlecht bezahlten Konzerten die Basis für seinen wilden und gleichzeitig präzisen Stil schuf. Die Frage drängt sich auf, was der Schlagzeuger von der neuerlichen Beatlemania hält? „Ich sammle keine Erinnerungsstücke“, gibt er lapidar zu Protokoll. „Ich wünschte aber, ich hätte all diese Dinge behalten. Damals konnte niemand ahnen, dass Beatles-Memorabilia einmal richtig wertvoll sein würden. Viele Sachen sind durch meine eigene Unachtsamkeit verloren gegangen. Ich glaube, nur Paul hat alles aufgehoben, was mit den Beatles zu tun hat.“ Über die Beatles spricht der vitale Senior nicht mehr so gerne. Er hat auch nicht vor, jemals seine Memoiren zu schreiben. Denn er glaubt, dass dann alle von ihm erwarten würden, dass er schmutzige Wäsche hinsichtlich der Beatles wasche.

Dem „Rolling Stone“ erzählte er, es sei einzig Paul McCartney zu verdanken, dass diese Band immerhin zwölf Alben aufgenommen hat. „John und ich lebten in den 60ern nicht weit voneinander entfernt, und wir hingen viel zusammen ab, wobei wir sehr faul und träge sein konnten. Hätte Paul nicht ständig angerufen und gedrängt: ,Leute, es ist Zeit, wieder ins Studio zu gehen‘, gäbe es heute viel weniger Beatles-Platten.“

Der Fab-Four-Experte Simon Wells aus London hält Ringo selbst für den wichtigsten Beatle: „In meiner Vorstellung sind die Beatles vier Teile einer einzigen Person, die von Ringo zusammenhalten wurde. Wären die Beatles vier brillante kreative Personen wie John und Paul gewesen, hätte diese Band nicht funktioniert. Sie brauchten einen, der sie erdet wie einen Anker. Als Schlagzeuger wurde Starr lange unterschätzt, aber inzwischen sind sich sämtliche Experten darüber einig, dass er für die Beatles der beste Drummer war, den sie kriegen konnten.“

Nun wird der geniale Clown 75 Jahre alt. Das grenzt an ein Wunder, denn dass aus ihm einmal der berühmteste Schlagzeuger der Welt werden würde, war bei seiner Geburt alles anders als absehbar. Seit seiner Kindheit leidet Ringo unter einer Vielzahl von Allergien. Als Steppke hatte er Tuberkulose, eine Bauchfell- und eine Brustfellentzündung. Vielleicht rührt ja daher sein trauriger Dackelblick. Er wurde sogar so krank, dass die Ärzte seine allein erziehende Mutter auf das Schlimmste vorbereiteten.

Ehe mit ehemaligem Bond-Girl

Im Kinderkrankenhaus in Liverpool, wo er Jahre verbringen musste, gab es eine Schwester, die ihm verschiedene Musikinstrumente ins Zimmer stellte. Ringo sagte sofort: „Gib mir das Schlagzeug!“ Später, nach seiner Zeit mit den Beatles, wurde er alkoholsüchtig, und gemeinsam mit seiner Frau, dem ehemaligen Bond-Girl Barbara Bach („Der Spion, der mich liebte“), ließ er keine Party zwischen Los Angeles, London und Monte Carlo aus. Manchmal wachte er morgens auf und wunderte sich, warum die Vögel so laut husteten. Insider sagen, Ringo hatte eine Verletzlichkeit, die den anderen Beatles fehlte. Seit einem Vierteljahrhundert ist er trocken und dünn wie ein Hering.

Schaut man nicht so genau hin, wirkt er sogar jünger als sein Sohn Zak (49), der für The Who trommelt. Das mag damit zu tun haben, dass Ringo sich ausschließlich von Obst und Gemüse ernährt. Aber in Wirklichkeit sind es die Sticks und sein Schlagzeug, die ihn jung halten.

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