WÜRZBURG

Der Hafensommerabend des geplant Spontanen

Mächtige Klänge: Das dänische Folkensemble „Afenginn“ mit dem Würzburger Chor „New Future“ beim „Choirnevale“.
Mächtige Klänge: Das dänische Folkensemble „Afenginn“ mit dem Würzburger Chor „New Future“ beim „Choirnevale“. Foto: Silvia Gralla

Am Vortrag treffen, zusammenfinden, Instrumente und Partitur aus den Koffern holen, gemeinsam proben und probieren – und dann am nächsten Abend ein großes Konzert? Wieso nicht?

Der Dienstag beim Würzburger Hafensommer war so ein Abend des „geplant Spontanen“, des seltenen oder gar einmaligen Erlebens. Die Musiker der dänischen Folkband Afenginn hatten die Singstimmen-Noten vorab schon nach Würzburg geschickt, zum jungen Chor „New Future“. Den Gesang ihrer „Opus“-Stücke – für die jüngste CD im Studio von einem siebenköpfigen Ensemble eingesungen – sollten auf der Hafensommerbühne 18 Sängerinnen und Sänger aus Würzburg übernehmen. Man traf sich also am Montagabend, probte zusammen, machte am Dienstag zusammen den Soundcheck – und los!

Weich und sphärisch, poetisch sanft wie abenteuerlich treibend, erst ruhig, dann hymnisch, später immer wilder und voller Spannungsbögen ist die Musik von Afgeninn. „Choirnevale“ nennt die Formation um den finnischen Komponisten und Mandolinenspieler Kim Nyberg – mit bloßen Füßen, langen Filzlocken und Hut optisch verwegen – ihre Auftritte mit lokalen Sängern.

Und müsste man in Schubladen greifen, um zu erklären, was da toll klingt, würde man diese Fächer ziehen: Carl Orff und Klezmer, Minimalmusik und Klassik, Folk, Filmmusik und Balkansound.

Kim Nyberg, charismatischer Leiter von „Afenginn“ an der Mandoline, beim Hafensommerkonzert mit Sängern des Würzburger Chores „New Future“ im Rücken.SILVIA GRALLA
Kim Nyberg, charismatischer Leiter von „Afenginn“ an der Mandoline, beim Hafensommerkonzert mit Sängern des Würzburger Chores „New Future“ im Rücken.SILVIA GRALLA Foto: Foto:

So lässig wild wie hingebungsvoll konzentriert spielt dieser Kim Nyberg die Mandoline. Lässt dabei Klarinette und Violine für romantisch-melancholische Passagen viel Raum und „spricht“ immer wieder raffiniert mit Marimba, Cello und Schlagwerk. Eine anspruchsolle Musik, die in ihrer Intensität berauschen kann. Als siebtes Instrument erheben sich immer wieder aus dem Hintergrund schwebend und balsamisch die Stimmen von „New Future“. Großer Applaus von der – witterungsbedingt – mager besetzten Hafensommertreppe.

Am Vortag aus der ganzen Republik zusammenkommen, gemeinsam schnell ein bisschen proben und dann ein blitzsauberes Konzert hinlegen – so hatten's zuvor auch Daniel Biscan und seine Mitstreiter gehalten. Vor vier Jahren gab der hauptberufliche Foto-Chef der Main-Post beim „Umsonst & Draussen“ sein erstes Konzert. Das am Dienstag war erst das zehnte des Quintetts überhaupt. Wobei unbedingt erwähnt werden muss, dass sieben davon vor tausenden Zuhörern in großen Hallen in Frankfurt, Magdeburg, Wien, Berlin stattfanden.

Biscan – seit langem als Texter und Komponist von Nena tätig – tourte im Herbst und Winter nämlich als Support mit der deutschen Pop-Ikone durch die Lande. „Ist da noch Puls“, fragt der Sänger und Gitarrist auf seinem 2015 erschienenen Debütalbum und spürt in eingängigem Deutschpop rockig wie reflektierend „Fragen von Raum und Zeit“ nach. Und für seinen besonders melancholischen, vielleicht schönsten Song auf der Platte konnte es keine passendere Bühne geben als bei leichtem Niesel da im Alten Hafen: „Unten am Fluss“.

Eine Frage von Raum und Zeit? Songwriter Daniel Biscan auf der Hafensommerbühne.
Eine Frage von Raum und Zeit? Songwriter Daniel Biscan auf der Hafensommerbühne. Foto: Silvia Gralla

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