Reichenberg

Der unbekannte Würzburger hinter Carl Orffs Welthit

Eine Szene aus der Meininger „Carmina Burana“ 2018. Das Staatstheater erwähnte, anders als viele andere, Michel Hofmann im Programmheft zur Produktion als Textbearbeiter. Foto: Sebastian Stolz, filmwild.de

Sein Name taucht in keiner Partitur auf, und doch wären die "Carmina Burana" von Carl Orff ohne ihn möglicherweise nie entstanden: Michel Hofmann, ein junger, hochgebildeter Archivar, Enthusiast der Alten Sprachen und Musiker, beriet den Komponisten vier Jahre lang bei Auswahl und Vertonung der Texte für die szenische Kantate, die 1937 uraufgeführt wurde. 

Michel Hofmann, Textberater der "Carmina Burana", auf einer Aufnahme der 1930er Jahre, jener Zeit also, als er mit Carl ... Foto: Hofmann

Heute gelten die "Carmina Burana", die auch Orffs Durchbruch als  Komponist bedeuteten, als eines der erfolgreichsten Werke der Chormusik überhaupt, mit unzähligen Aufführungen, Inszenierungen, Einspielungen und Verfilmungen weltweit.  Laut Wikipedia sind die effektvollen Stücke in über 90 Film- und Fernsehproduktionen als Soundtrack verwendet worden. 

Wenn man so will, nahm die Geschichte der "Carmina Burana" ihren Anfang in Würzburg: Carl Orff (1895-1982), dringend auf der Suche nach geeigneten Texten für neue Kompositionen, war 1934 im Katalog eines Würzburger Antiquariats auf eine im 19. Jahrhundert entstandene Ausgabe der Benediktbeurer Liedersammlung gestoßen, eines Konvoluts von wiederentdeckten Handschriften aus dem 13. Jahrhundert in mittelalterlichem Latein aber auch Mittelhochdeutsch und Altfranzösisch.

Der Titel habe ihn mit magischer Gewalt angezogen, sagte Orff später. Aber zunächst galt es, aus einer unüberschaubaren Masse von 400 Texten einige passende herauszufinden (Verwendung fanden schließlich 24). Der Komponist wandte sich an Michel Hofmann (1903-1968), den er aus dem Münchner Bachverein kannte. Hofmann, ein Bauernsohn aus dem oberfränkischen Waischenfeld, hatte Jura, Geschichte und Philosophie studiert und seine Archivarsausbildung in München absolviert. Seit 1933 war er Staatsarchivrat in Bamberg. Die letzten zehn Jahre seiner Laufbahn, von 1958 bis 1968, war er Leiter des Staatsarchivs Würzburg. 

"Betonungen und Bemerkungen über den prosodischen und rhythmischen Aufbau der einzelnen Sachen gebe ich nach bestem Wissen. Sie machen's ja doch anders!"
Michel Hofmann an Carl Orff

Am 4. April 1934 schrieb Orff an Hofmann: "Ich möchte den Text aber ganz im alten Sinne verwendet haben ... Sprachlich (vom Singen aus) geht dieses alte Leierlatein glänzend ... Hätten Sie Lust mit mir so was zusammen zu stellen und zu brauen?" Hofmann hatte. Vier Jahre lang korrespondierten er und Orff, es wurde ein "friedlicher Briefzweikampf", wie Hofmann später schrieb, mit 65 Schreiben Orffs, der meist mit "Bur" oder "Buranus" zeichnete, und 31 Briefe und Karten Hofmanns. Oder, wie letzterer es formulierte: "Auf einen Maschinenbrief von mir meist zwei Handschreiben von Ihnen, darunter sicher ein Mahnbrief voll schöpferischer Ungeduld."

Frohmut Dangel-Hofmann hat den Briefwechsel zwischen ihrem Vater und Carl Orff als Buch herausgegeben. Foto: Mathias Wiedemann

Viele Jahre und noch zu Lebzeiten Hofmanns galt der Briefwechsel als verschollen – Hofmanns Briefe an Orff lagerten im Münchner Orff-Zentrum, doch Orffs Schreiben an Hofmann schienen im Krieg oder bei einem der vielen Umzüge der Familie abhanden gekommen zu sein. Bis Frohmut Dangel-Hofmann am zehnten Todestag Hofmanns, am 7. November 1978, eine Kiste aus dem Nachlass ihres Vaters öffnete. Darin lagen Orffs Briefe, Hofmann hatte sie all die Jahre nichtsahnend in seinem Schreibtisch gehabt, und dann waren sie irgendwann in eine Kiste geräumt und vergessen worden.

"Finden Sie's so nicht besser?" Ein Brief Carl Orffs an Michel Hofmann mit Notenbeispiel. Foto: Mathias Wiedemann

Frohmut Dangel-Hofmann, Jahrgang 1942, ist Musikwissenschaftlerin und lebt in Reichenberg bei Würzburg. Bis 2009 lehrte sie an der Würzburger Universität. 1990 gab sie den Briefwechsel als Buch heraus, versehen mit vielen Kommentaren und Erläuterungen. Die Korrespondenz dokumentiert so aufs Spannendste das gemeinsame Ringen zweier höchst unterschiedlicher Charaktere um die richtige Form, die richtigen Schwerpunkte, die richtigen Betonungen bis hin zu einzelnen Silben.

"Vielen herzlichen Dank für Verbesserungen und Übersetzungen. Also sind Sie mit den neuen Sachen einverstanden? Anbei noch ein paar Zweifelscheißereien."
Carl Orff an Michel Hofmann

Hofmann, der Wissenschaftler, etwa: "Betonungen und Bemerkungen über den prosodischen und rhythmischen Aufbau der einzelnen Sachen gebe ich nach bestem Wissen. Sie machen's ja doch anders!" Orff, der pragmatische Heißsporn, fügte sich, schickte aber gleich die nächste Anfrage hinterher: "Vielen herzlichen Dank für Verbesserungen und Übersetzungen. Also sind Sie mit den neuen Sachen einverstanden? Anbei noch ein paar Zweifelscheißereien."

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Das Besondere an der Korrespondenz sei, dass sie nur diesem einen Zweck gedient habe, sagt Dangel-Hofmann: "Sonst gab es wenig Überschneidungen bei ihren Persönlichkeiten." Die beiden schrieben einander in schnoddrig-vertrautem Tonfall, blieben aber immer beim Thema "Carmina Burana" und beim förmlichen "Sie". Ein Dauerthema sind Arbeitsüberlastung und Terminschwierigkeiten. So schreibt Orff ab am 1. September 1935: "Also: habe seit Mai mich durch sehr viele Arbeit, die mich von allem buranischen abhielt, durchfressen müssen. War fast ständig in Berlin, habe für die Olympiafestspiele allerhand Musik auf Schallplatten dirigiert, allerdings leider zuerst auch komponiert! Dazu Militärmärsche für Riesenorchester und ähnliche Scherze."

Diese paar Sätze sind im übrigen bezeichnend für die zeitgenössische Sicht auf die politischen Bedingungen der frühen und mittleren 1930er Jahre, "die von den Schreibern damals noch mit ironischer Distanz bagatellisiert wurden", so Dangel-Hofmann in der Einführung des Buchs. Nach der Uraufführung der "Carmina Burana" am 6. Juni 1937 in Frankfurt gab es zwar noch Überlegungen, das einstündige Werk auf abendfüllende Länge zu erweitern, doch dazu kam es nicht mehr. Der Kontakt riss ab und wurde nie mehr erneuert: "Die beiden sind sich nie als Freunde nähergekommen", sagt Frohmut Dangel-Hofmann.

Carl Orff 1974 Foto: dpa

In keiner Partitur und in kaum einem Konzertprogramm wird Michel Hofmanns Mitarbeit gewürdigt oder auch nur erwähnt, sagt Frohmut Dangel-Hofmann. Umso erfreuter war sie, als das Meininger Theater bei seiner szenischen Produktion im vergangenen Jahr Hofmann, der übrigens auch den vollständigen Titel "Carmina Burana – Cantiones profanae Cantoribus et choris cantandae comitantibus instrumentis atque imaginibus magicis" ersann, im Programm aufführte: "Das habe ich da zum ersten Mal überhaupt gesehen."

Vom Welterfolg der Kantate hatte Hofmann übrigens nichts. Frohmut Dangel-Hofmann: "Es waren 250 Reichsmark Verlagshonorar vereinbart, und die hat er auch bekommen. Danach aber nie wieder etwas."

Die nächste Aufführung der "Carmina Burana" in der Region findet am Samstag, 27. April, im Mainfranken Theater Würzburg statt (11 Uhr öffentliche Generalprobe, Aufführung 19.30 Uhr). Im Rahmen der Initiative "Ohren auf! in concert" erhält das Philharmonische Orchester Unterstützung durch die Jugendlichen der Jungen Philharmonie. Der Opernchor wird durch zahlreiche Sängerinnen und Sängern verschiedener Chöre aus Würzburg und Umgebung erweitert. Es dirigiert Enrico Calesso.

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