BAD MERGENTHEIM

Der verstörte Gott - was Bilder über den Glauben sagen

Kreuzigung: Leidender Mensch oder den Tod überwindender Gott? Darstellungen der Kreuzigung verraten viel über die Religiosität einer Zeit. Im 20. Jahrhundert hat Gott offenbar sein Gesicht verloren.
Das ganze Leid der Welt: Otto Dix' Kreuzigung aus dem Zyklus nach dem Matthäusevangelium.
Das ganze Leid der Welt: Otto Dix' Kreuzigung aus dem Zyklus nach dem Matthäusevangelium. Foto: Ralph Heringlehner, Wikipedia

Verstört, mit Augen voll Schmerz und ungläubigem Entsetzen blickt der Gekreuzigte aus dem Bild auf den Betrachter. Der begreift: Es geht um Folter. Es geht darum, was Menschen Mitmenschen antun können. Es geht auch um Krieg. Dieser Gekreuzigte schneidet bittere Wahrheiten über die Welt in die Seele auch des Nicht-Christen.

Otto Dix (1891 bis 1969) war Atheist. Und doch hat er sich mit der Bibel beschäftigt. Und doch hat er die Kreuzigungsszene mehrfach gezeichnet, gemalt, mit grafischen Techniken umgesetzt. Seine Lithografie ist das vielleicht eindringlichste Werk der Ausstellung „Botschaft im Bild“ im Deutschordensmuseum Bad Mergentheim (siehe Kasten unten).

Die Grafik ist Teil des Dix-Zyklus' zum Evangelium nach Matthäus. Sie zeigt einen verletzten, desillusionierten Mann – indirekt ist sie auch ein Porträt des Künstlers selbst. Zwei Weltkriege hatte Dix überstanden, als er den Zyklus in den 1950er Jahren schuf. In den ersten war er freiwillig gezogen. Er hatte die Grausamkeiten in den Schützengräben gesehen, den Wahnsinn des Krieges erkannt und war nach der anfänglichen Begeisterung in die Leere der Sinnlosigkeit gestürzt. Von all dem erzählen der geschundene Körper, die wohl auch geschunden Seele – und vor allem die Augen seines Gekreuzigten.

Fundament des Lebens

Mit Jesus, der christlichen Botschaft und dem Kreuz als Heilssymbol konnte der Künstler eher wenig anfangen. Womöglich sind seine Arbeiten zur Bibel auch Ausdruck einer Suche nach Sinn.

Ein derart subjektiver Umgang mit dem Sterben des christlichen Gottessohnes wurde erst im 20. Jahrhundert möglich. Der Alltag hatte sich weitgehend von der Religion entkoppelt. Leben und Glauben liefen nicht mehr parallel. Das bricht auch in der Kunst durch, weil (gute) Künstler stets Seismografen dessen sind, was in einer Gesellschaft gefühlt, gedacht, geglaubt wird.

Im Mittelalter, der Hochzeit der christlichen Kunst, bildete – anders als in der Moderne – die christliche Lehre wie selbstverständlich das Fundament für den Alltag. Was auch Kreuzigungsdarstellungen zeigen. In der Romanik wird kein sterbender, leidender Mensch dargestellt, sondern ein Gott, der seine Bestimmung auf Erden vollendet und letztlich über den Tod triumphiert. Das Gesicht des Gekreuzigten drückt meist Ruhe aus, die Wundmale sind nicht überbetont. Das Kreuz war zum Symbol für eine bessere Welt jenseits des Todes geworden.

Das Folterinstrument

Seine ursprüngliche Bedeutung war nahezu aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt. An sich ist das Kreuz ja eines der grausamsten Folterinstrumente, die die Menschheit ersonnen hat. Bei den Urchristen war es denn auch nicht das Kreuz Symbol des Glaubens, sondern ein stilisierter Fisch. Im ersten Jahrhundert war die Erinnerung an den Tod Jesu noch frisch. Und: Die Urchristen wussten, was eine Kreuzigung bedeutete, war diese Art der Hinrichtung, die den Tod möglichst lange hinauszögerte, im Römischen Reich doch nahezu an der Tagesordnung. Heerführer Titus (der spätere Kaiser) ließ angeblich im Jahr 70 täglich bis zu 500 Juden vor den Stadtmauern Jerusalems ans Kreuz schlagen.

Als gefolterter, leidender Mensch wird Jesus erst ab dem 13. Jahrhundert dargestellt. Das Kreuz wurde so auch zum Identifikationszeichen für die Leidenden. Die religiöse Botschaft – die Überwindung des Todes – war aber stets gegenwärtig. Martin Schongauer (1445/50 bis 1491) markiert einen Übergang von der Gotik zur Renaissance. Die von ihm in Bad Mergentheim ausgestellte Kreuzigungsszene zeigt einen ausgemergelten Menschenkörper am Kreuz, doch ohne Blut, ohne theatralisch überzeichnete Qual.

Doch über die religiöse Aussage hinaus übt die Grafik des Meisters, der Dürer beeinflusste, auch Kritik an der Natur des Menschen: Zu Füßen des Sterbenden würfeln „Kriegsknechte“ ungerührt und habgierig um seine Kleider.

Die Parallelität von Leben und Glauben flackerte Jahrhunderte später, in der Romantik, kurzzeitig wieder auf. Freilich: Die Selbstverständlichkeit des Mittelalters war dahin. Die konnte man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestenfalls nachahmen und überhöhen, „romantisieren“. Die Aufklärung und die beginnende Forschung an den biblischen Texten hatten den unschuldigen Umgang mit der Bibel erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Darstellungen biblischer Szenen aus der Romantik wirken oft gewollt naiv mit Tendenz zum Kirsch.

„Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.“ Eine Grafik von 1859 illustriert in der Ausstellung den Vers aus dem Johannes-Evangelium. Schon der Evangelist lässt Jesus einen (unrealistisch) ruhigen Tod sterben. Und auch die Grafik beschreibt einen Gott und nicht einen Menschen: Jesu Haupt ist von einem Heiligenschein umgeben, das ruhige Gesicht spricht von Erlösung und nicht von Qual.

Anders als in der ehrlichen, authentischen mittelalterlicher Kunst wirkt diese Darstellung aber gekünstelt.

Und was macht, als gut 100 Jahre später, Leben und Religion getrennte Wege gingen, der Exzentriker Salvador Dalí (1904 bis 1989) aus der Kreuzigung? Wo Jesu Kopf sein sollte, malt er einen schwarzen Klecks. Hat Gott in der Neuzeit sein Gesicht verloren?

Ausstellung in Bad Mergentheim

Das Deutschordensmuseum in Bad Mergentheim zeigt 160 Bibelillustrationen aus sechs Jahrhunderten. Zu sehen sind in der mit „Botschaft im Bild“ betitelten Sonderausstellung Grafiken zwischen ausgehendem Mittelalter und Moderne.

Ausgestellt sind Werke – darunter komplette Zyklen – unter anderem von Martin Schongauer (1445/50 bis 1491), Marc Chagall (1887 bis 1985), Gustave Doré (1832 bis 1883), Otto Dix (1891 bis 1969) und Salvador Dalí (1904 bis 1989).

Neben den Druckgrafiken zeigt das Museum Bibeln aus den eigenen Beständen. Darunter sind eine Handschrift aus dem frühen 5. Jahrhundert und eine hebräische Bibel von 1927.

Die Schau ermöglicht einen Blick auf Frömmigkeit und Umgang mit der Religion in den verschiedenen Epochen und gewährt Eindrücke in unterschiedliche Techniken der Druckgrafik.

Die Dauerausstellung des weitläufigen Museums im ehemaligen Deutschordensschloss ist auch einen Besuch wert. Sie bietet historische fürstliche Räume, Puppenstuben, Abteilungen zu Stadt- und Schlossgeschichte und zum Deutschen Orden. Im Gewölbekeller wird ein 4500 Jahre altes Hocker-Grab präsentiert. Ein Kabinett widmet sich dem Dichter Eduard Mörike („Frühling lässt sein blaues Band . . .“), der in Bad Mergentheim lebte.

Das Bauwerk, in der Mitte der Kurstadt gelegen, geht auf das 11. Jahrhundert zurück, war einst eine Wasserburg, und wurde mehrfach umgebaut und erweitert. Berühmt ist die Berwart-Wendeltreppe von 1574. benannt nach ihrem Erbauer.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.30–17 Uhr (April bis Oktober); Dienstag bis Samstag 14–17, Sonntag/Feiertage 10.30–17 Uhr (November bis März). Die Ausstellung „Botschaft im Bild“ ist bis 8. Januar 2017 zu sehen.

Gesichtslos: Salvador Dalis Sicht auf den gewaltsamen Tod Jesu.
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Martin Schongauer: Kreuzigung mit Kritik an menschlicher Habgier.
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