WÜRZBURG

Die Entdeckung der Welt

Ansichten: Auch wenn der Maler nur eine Landschaft malen wollte, ist eine Landschaft nicht einfach eine Landschaft. Es ist viel spannender. Und mit Postkartenansichten hat das alles gar nichts zu tun.
Realistisch, aber nicht real: „Polderlandschaft/Flusslandschaft mit stakendem bauern“ von Jan Hendrik Weissenbruch (1864/1875).
Realistisch, aber nicht real: „Polderlandschaft/Flusslandschaft mit stakendem bauern“ von Jan Hendrik Weissenbruch (1864/1875). Foto: Marten De Leeuw / VG Bild-Kunst Bonn

Hier möchte man Urlaub machen: blauer Himmel, Wasser, Boote, eine Windmühle. „Das ist auch ein Stück heile Welt“, bestätigt Dr. Nico Kirchberger. Doch die „Polderlandschaft/Flusslandschaft mit stakendem Bauern“, entstanden zwischen 1864 und 1875, ist mehr als nur ein nostalgisches Wohlfühlbild für gestresste Städter des 21. Jahrhunderts. Das Gemälde von Jan Hendrik Weissenbruch – Teil der Sonderausstellung im Würzburger Kulturspeicher (siehe Kasten) – markiert auch einen Wendepunkt in der Geistesgeschichte. Eine Veränderung im Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung.

„Noch im 18. Jahrhundert war die Landschaft vor allem Staffage“, erklärt Kirchberger. Sie diente als Kulisse für das Geschehen, das sich im Vordergrund abspielte. Das drehte sich häufig um bedeutungsschwangere Stoffe aus der antiken Mythologie oder der biblischen Geschichte. „Die Landschaft selbst war nicht die Hauptsache“, so der stellvertretende Leiter des Kulturspeichers. Mit der Realität hatte das nicht zu tun.

Religiöse Botschaften

Eine Generation später transportierten Landschaften weltanschauliche oder religiöse Botschaften. Romantiker wie Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) nahmen zwar Dinge aus der Außenwelt zum Vorbild, formten sie aber im Atelier nach ihrer Vorstellung zu Seelenlandschaften um.

Dagegen hat es Weissenbruchs Flusslandschaft „wirklich so gegeben“, sagt Nico Kirchberger. Das, was einfach da war – oft direkt vor der Haustüre, – war nun bildwichtig geworden. Als sei der Mensch in der Welt angekommen. Als habe er entdeckt, dass selbst die alltägliche Umgebung Bedeutung hat. Durch ihre bloße Existenz, einfach so. Ohne großartigen geistigen Überbau, ohne religiöse Grübeleien. Sogar der Regen wurde kunstwürdig und zum Motiv.

Die subjektive Sicht

Einfach so? Natürlich nicht. Geht gar nicht. Weil eine Landschaft auf einem Bild etwas anderes ist als die richtige Landschaft. Die besteht aus Bäumen, Gras, Blumen, Wasser und ist dreidimensional. Die Landschaft auf dem Bild besteht aus Farbe, ist zweidimensional – und üblicherweise viel kleiner als das Vorbild. Eine Eins-zu-eins-Umsetzung ist also nicht drin. Wenn der Maler die wirkliche Landschaft auf den Malgrund bringt, kommt somit zwangsläufig seine subjektive Sicht ins Spiel.

Deshalb ist auch ein Bild wie Weissenbruchs „Flusslandschaft“, so realistisch es anmutet, eine Interpretation der Wirklichkeit und komponiert. Die sicherlich bewusst gesetzte Rückenfigur des „stakenden Bauern“ auf dem Kahn im Vordergrund etwa zieht den Blick des Betrachters an und leitet ihn in den Hintergrund weiter.

Ein paar Schritte weiter steht Nico Kirchberger nun vor einer kleinformatigen „Polderlandschaft“ von Paul Josef Constantin Gabriël, einem weiteren Maler der in den Niederlanden arbeitenden „Haager Schule“: „Das Licht ist wahrscheinlich inszeniert.“ Hinter der Windmühle strahlt der Himmel in dem Ölbild geradezu überirdisch. Was auch hier keine metaphysische Bedeutung hat: „Das steckt bei den Malern der Haager Schule nicht dahinter“, so Kunsthistoriker Kirchberger. Dem Niederländer ging's um die Wirkung des Bildes. Künstler wie Gabriël oder Weissenbruch malten nicht direkt vor Ort. Dort fertigten sie lediglich Studien. Die dienten als Grundlage für das Ölbild, das dann im Atelier gemalt wurde – mit der Möglichkeit, auch ein wenig in die Wirklichkeit einzugreifen. Des Effektes wegen.

Produkte menschlicher Kultur – Mühlen, Boote, Häuser – sind bei den Haager Malern in die Landschaften integriert. Sie stören nicht. In den Bildern und wohl auch in der Sicht der Künstler lebte der Mensch in seiner Umwelt, noch ohne sie zu zerstören. „Das könnte damit zu tun haben, dass die Industrialisierung in den Niederlanden damals nicht so weit fortgeschritten war wie etwa in Frankreich“, überlegt Nico Kirchberger.

Nicht einmal das Eisenbahngleis in Jan Toorops „Landschaft Ardennen“ (um 1902) wirkt wie ein brutaler Einschnitt der Technik in die Natur. Es geleitet vielmehr freundlich den Blick durch das helle, impressionistische Bild.

Mögen sie auch auf den ersten Blick so wirken: Landschaftsbilder sind nicht bloß harmlose Postkartenansichten hübscher Gegenden. Sie erzählen – oft ohne dass der Maler sich dessen bewusst ist – vom Menschen, von seinem Verhältnis zur Natur und manchmal auch von schweren Zeiten. „Deprimierend“ kommentiert Nico Kirchberger Dirk Nijlands „Weiden“.

Eine Reihe beschnittener Weiden – eine ist umgeknickt – erstreckt sich unter einem düsteren Himmel bis zum Horizont. Die trostlose Landschaft entstand 1941. Mitten im Krieg.

Ausstellung im Würzburger Kulturspeicher

„Niederländische Moderne" heißt die aktuelle Ausstellung im Würzburger Museum im Kulturspeicher (wir berichteten). Zu sehen sind 71 Gemälde und neun Skulpturen von 36 Künstlern, entstanden zwischen etwa 1860 und 1941 und ausnahmslos gegenständlich.

Die Werke stammen aus der Sammlung von Reurt Jan Veendorp (1905 bis 1983). Der Groninger Architekt und Ziegelfabrikant sammelte vor allem Niederländer. Sein Fokus lag auf Landschaften, Stillleben und häuslichen Szenen.

Die Stilrichtungen der ausgestellten Werke reichen von altmeisterlich bis impressionistisch. Auch Franzosen kaufte Veendorp an. Werke von drei berühmten Malern sind zu sehen: Paul Gauguins Frühwerk „L'Eglise de Vaugirard“ (1881), Camille Corots „La Rochelle“ (um 1860/70) und Odilon Redons Blumenstillleben „Coquelicots“ (um 1905 bis 1910).

Auch die Werke der anderen Künstler, meistens Niederländer, sind sehenswert. So ist es etwa ein Vergnügen, in Isaac Israëls „Hutgeschäft Mars auf dem Nieuwendijk in Amsterdam“ die Passantinnen zu beobachten und durch die hell erleuchteten Fenster den Verkäuferinnen bei der Arbeit zuzusehen – die Szene wirkt wie ein Schnappschuss vom Leben am Ende des 19. Jahrhunderts. Bei Eduard Karsens „Straße in Domburg“ darf der Betrachter von einer gemütlich-nostalgischen Wohngegend träumen. Öffnungszeiten: Dienstag 13-18, Mittwoch, Freitag bis Sonntag 11-18, Donnerstag 11-19 Uhr. Bis 26. Juni. hele

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