WÜRZBURG

Die Entpolitisierung der Polit-Talkshows

„Ich weiß, dass wir alle relativ unbefriedigt hier rausgehen werden.“ Wie schön, dass zumindest Günther Jauch am Ende jenes Abends im Oktober einen Erkenntnisgewinn aus der zuvor verkorksten Talkstunde mitgenommen hatte. Für alle übrigen blieb nach seiner Diskussionsrunde nur das Fazit: Außer GEZ-Spesen nichts gewesen. Was keinen wirklich überraschen konnte, denn wer geglaubt hatte, aus dem Fall des Wettermoderators Jörg Kachelmann allgemeine Betrachtungen zu Vorverurteilungen und Justizirrtümern ableiten zu können, der war entweder naiv – oder kalkulierte ganz bewusst mit der Quotentauglichkeit des prominenten Namens.

Mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag, politisch und gesellschaftlich relevante Themen zu diskutieren, hatte dieser Abend rein gar nichts zu tun. Und war kein Einzelfall im (angeblichen) Polittalk-Angebot der ARD, wie ein Blick auf die Themen von Jauch, Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Anne Will und Reinhold Beckmann im vorigen Jahr offenbart: „Leben und Lieben“, „Geld oder Leidenschaft: Wer regiert die Fußballwelt?“, „Schicksalsschläge: Samuel Kochs zweites Leben“, „Horoskope, Handlesen, Tarotkarten: Unsinn, der hilft?“ – die Beliebigkeit kannte kaum Grenzen. Der Trend ist klar: Es geht um die Entpolitisierung des Polit-Talks.

EFSF statt Christian Wulff

Dass dies keineswegs der politischen Themenarmut geschuldet war, demonstrierte im ZDF Maybrit Illner. „Unser Motto war auch 2012: Es passierte so viel – wir mussten nichts erfinden“, sagt die Moderatorin. „Wir mussten weder zu einem Verbrauchermagazin mutieren, noch Lifestyle machen, sondern konnten sehr gut bei unseren Leisten bleiben.“ Und stellt dann angesichts ihrer nicht nur durchweg politischen Themen, sondern auch der zweitbesten Quote aller Polittalker selbstbewusst fest: „Natürlich ist es viel einfacher, über Christian Wulff und Dominique Strauss-Kahn zu diskutieren, als über die Hebelwirkung des EFSF. Aber haben wir uns 'nen schlanken Fuß gemacht und eher die Skandale denn die Euro-Krise diskutiert? Nein, das haben wir nicht!“

Unterhaltungswert

Sicher, auch die ARD-Kollegen gingen der Politik nicht gänzlich aus dem Weg – doch die Ergebnisse blieben allzu oft bescheiden. Nicht selten ging es weniger um Themen und Inhalte, gar darum, Zusammenhänge zu erklären und Hintergründe zu erhellen, als vielmehr um den Unterhaltungswert. Kein Wunder, dass denn auch mit Wolfgang Kubicki ein Meister der gewitzten Replik 2012 am häufigsten in den Talkshows zu Gast war, lautet das Motto des schleswig-holsteinischen FDP-Fraktionsvorsitzenden doch: „Lieber einen guten Freund verlieren als auf einen guten Spruch verzichten.“

Nun, gute Freunde brauchen werden angesichts solch inhaltlicher Verflachung demnächst auf jeden Fall die Moderatoren – und zwar in den ARD-Chefetagen. Gilt es doch mittlerweile als ausgemacht, dass die Talkleiste im Ersten von fünf auf vier, ja vielleicht sogar nur noch drei Sendungen pro Woche eingedampft werden soll. Bereits im Frühjahr hatten die Rundfunkräte von WDR und NDR mehr Abwechslung in den Themen und bei den Gästen verlangt, kurz darauf schloss sich auch der ARD-Programmbeirat der Forderung nach einer Reduktion der Talkshows an und kritisierte vor allem Jauch scharf für seine Gesprächsführung und fehlende journalistische Sorgfalt. Und im Herbst schlug ARD-Programmdirektor Volker Herres den Intendanten in einem vertraulichen Papier die Reduzierung direkt vor.

Seither glühen die Drähte – nicht nur zwischen den Chefetagen. Rein von den absoluten Zahlen wie auch von den Einschaltquoten her müsste Reinhold Beckmann Wackelkandidat Nummer eins sein: Gerade mal eine Million Zuschauer wollten den allzu gefühligen NDR-Talker im Jahresschnitt noch sehen, kaum einmal lag seine Quote deutlich über sieben Prozent. Doch der nette Mensch von nebenan ist in seinem Sender bestens vernetzt, zählt dort nicht nur Namensvetter und TV-Programmdirektor Frank Beckmann zu seinen Fürsprechern, sondern auch Intendant Lutz Marmor. Dass Letzterer nun mit dem Jahreswechsel auch den ARD-Vorsitz übernommen hat, dürfte Beckmanns angeschlagene Position da noch stärken.

Das leidige Proporzdenken

An diesem Punkt kommt auch das leidige Proporzdenken in der öffentlich-rechtlichen Länderanstalt ins Spiel: Sind doch allein die beiden größten und mächtigsten ARD-Sender an den Polittalks beteiligt – der NDR schickt Jauch, Beckmann und Will ins Quoten-Rennen, der WDR „Hart aber fair“ sowie „Menschen bei Maischberger“. Klar, dass WDR-Intendantin Monika Piel nicht daran denkt, eine dieser beiden Sendungen aufzugeben, zumal auch die Zuschauerzahlen mit durchschnittlich 1,69 und 3,05 Millionen für Plasberg und Maischberger sprechen. Und selbst das für Beckmann anfangs gern bemühte Argument, er leide unter der größeren Konkurrenz durch den Sendeplatzwechsel, verfängt anderthalb Jahre nach der ARD-Talkreform nicht mehr. ZDF- Illner meint mit Blick auf ihre Mitbewerber: „Wir hatten regelmäßig ,Voice of Germany‘ oder ,Germanys next Topmodel‘ gegen uns und alle 14 Tage die Euro-League mit leider interessanten Spielen. Wir setzen eben ein informatives, inhaltsschweres Polit-Programm dagegen.“ Um das bemüht sich in der ARD auch Anne Will – und doch wird es am Ende der Intendanten-Debatte wohl die 46-Jährige treffen, die vor anderthalb Jahren bereits den Toptalkplatz am Sonntagabend für Jauch räumen musste.

Nicht nur, dass die Beziehung der Moderatorin zu Intendant Marmor als unterkühlt gilt, ihrer Sendung fehlt es an einem eigenen Profil. Da hilft Will auch nicht, dass sie journalistisch dem anderen NDR-Mann deutlich überlegen ist: Jauch kann zwar nicht viel mehr, als die vorbereiteten Fragen auf seinen Karteikarten vortragen, hakt kaum einmal nach oder nimmt Antworten seiner Gäste für die Diskussion auf – doch mit durchschnittlich 4,55 Millionen Zuschauern liegt er in der Zuschauergunst vorn. Dass der 56-Jährige dabei zu einem Großteil von den bis zu zwölf Millionen Zuschauern des vorher laufenden „Tatort“ profitiert, würde natürlich keiner laut äußern – hinter vorgehaltener Hand fragen sich die ARD-Kollegen indes schon, warum Jauch sich nicht auf einem schwierigeren Platz beweisen müsse.

Kollegen statt Angestellte

Oder vielmehr seine Produktionsgesellschaft I & U. Denn wie bei allen anderen Polittalks hat die ARD auch die Produktion von „Günther Jauch“ ausgelagert, zahlt dafür angeblich 10,5 Millionen Euro pro Jahr. Das Outsourcing solle Kosten sparen und programmliche Flexibilität erlauben, sagt Programmdirektor Volker Herres – doch es führt am Ende eben auch dazu, dass der politische Themen-Leitfaden verloren geht.

Oder wie es Illner, deren Redaktion und Produktion nach wie vor im ZDF angesiedelt sind, formuliert: „Ich habe es immer als angenehm empfunden, meine Kollegen nicht als Angestellte, sondern als meine Kollegen zu betrachten.“

Günther Jauch, Frank Plasberg, Maybrit Illner (von oben) Foto: dpa

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