Volkach

Die Faszination des Fantastischen

Kinderbücher sind für Kinder, oder? Und was passiert, wenn man sie mit den Augen eines Erwachsenen betrachtet?
Frage nach der Wirklichkeit: Susanne Janssens „Prometheus mit seiner ,Sehergabe‘“, zu sehen in der Barockscheune Volkach. Foto: Ralph Heringlehner

Nein, Kinderkram ist das nicht. Auch wenn das, was in der Volkacher Barockscheune zu sehen ist, eigentlich für Kinder gedacht ist. Bei der Ausstellung „Märchen – Mythen – Phantastische Welten“ geht's um Illustrationskunst im Kinderbuch. Doch auch der Erwachsene kann sich an dem einen oder andern Bild festsehen und ins Grübeln geraten.

Womöglich gibt's zwischen Illustrationen für Kinder und Illustration für Erwachsene ohnehin keine scharfe Trennlinie. Susanne Janssen, deren Bilder zum Prometheus-Mythos an einer Wand der Barockscheune hängen, sagt: „Wenn ich male oder illustriere, denke ich nicht an eine Zielgruppe. Ich versuche vielmehr, den Text zu spüren und das dann auszudrücken.“

Wie nähert man sich Mythen?

Das führt zu Bildern, die man durchaus in einer Surrealisten-Ausstellung finden könnte. Und flugs ist, mitten in einer Kinderbuchausstellung, der Erwachsene bei Überlegungen, die in den Bereich philosophischer Erkenntnistheorien passen. Denn Surrealisten – von Dalí über Magritte bis de Chirico – stellten die Frage nach der Zuverlässigkeit unserer Wahrnehmung von Wirklichkeit. Mit Bildern, die irgendwie vertraut und doch unmöglich wirken, treiben sie Alltagssichtweisen an ihre Grenzen.

Bilder, die auf den ersten Blick fesseln, jedoch nicht auf den ersten Blick zu entschlüsseln sind, sind eine Möglichkeit, sich Mythen zu nähern. Denn die sind ja auch rätselhaft und sprengen die Grenzen der Realität. Im Prometheus-Mythos geht's um Machtkämpfe zwischen Göttern und die Erschaffung des Menschen – an der Oberfläche. Doch Mythen reichen tiefer.

Susanne Janssen: „Zeus verwandelt sich in einen Löwen und bedroht Almathea" aus dem Prometheus-Zyklus. Foto: Ralph Heringlehner

„Natürlich stecken Mythen voller Symbolik“, sagt Susanne Janssen. Zwar gehe es um Götter, so die im Elsass lebende Künstlerin. „Aber letztlich sind es Geschichten über uns selbst. In den Göttern entdecken wir Eigenschaften, die auch Menschen prägen – den einen mehr, den anderen weniger. Zeus zum Beispiel ist rücksichtslos und machtgierig. Die Götter sind im Grunde Symbole unserer eigenen Licht- und Schattenseiten. Das habe ich versucht, in meiner Bildsprache auszudrücken.“

Als Illustratorin wolle sie über den Text hinausgehen, ihn im besten Fall interpretieren. „Es geht nicht darum, zu dekorieren“, erklärt die Künstlerin, die durchaus dem Fantastischen zuneigt: Sie hat auch Sagen um Troja und Odysseus oder das Grimm-Märchen „Hänsel und Gretel“ illustriert. Ein Illustrationsprojekt fließe auch in ihre Arbeit als freie Malerin ein. „Ich bleibe noch eine Zeit lang in dieser Stimmung, in dieser Thematik drin. Illustration und freie Malerei – ich trenne das nicht.“

Bilder, die anders sind als die anderen

All das führt zu Bildern, die anders sind als die anderen in der Volkacher Ausstellung – geheimnisvoller. „Prometheus mit seiner ,Sehergabe‘“ ist dafür ein Beispiel. Der Titanensohn scheint vor einem roten Planeten im All zu schweben. Mohnkapseln wachsen ihm entgegen, aus einer ragt eine weibliche Gestalt: Gaia, die Erdmutter. Janssen möchte den Betrachter nicht festlegen: „Ich hoffe, dass meine Bilder so sind, dass sie der Fantasie Raum geben.“

Erkenntnistheorie, Symbolik, das Wesen des Menschen: Das ist, was Erwachsene in den Bildern sehen können – und was ihnen reichlich Anstöße zum Nachdenken liefert. Und Kinder? Sind derartige Bilderwelten nicht zu schwierig für sie?

Was sehen Kinder?

„Man sollte Kinder auf keinen Fall unterschätzen“, sagt Janssen. Aus Besuchen von Schulklassen und Workshops weiß sie: „Die kommen schon klar mit dieser Art von Bildern. Kinder haben einen ganz wunderbaren Blick und sehen so viel. Ich bin immer wieder erstaunt, was Kinder in meinen Bildern entdecken – Dinge, die ich vielleicht selbst nur unbewusst gemacht habe.“ Die Faszination des Fantastischen kennt keine Altersgrenzen.

Übrigens taugt auch der von Janssen illustrierte Prometheus-Text, den Franz Fühmann eigentlich für junge Leser gedacht hat, für Erwachsene. Fühmann (1922 bis 1984) war in der DDR ein bedeutender Autor und wird noch heute geschätzt. Die Volkacher Ausstellung stellt DDR-Kinderbücher neben solche aus der BRD. So sind auch „Prometheus“-Bilder der DDR-Illustratorin Nuria Quevedo von 1974 zu sehen. Die Schau  der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur zeigt: Autoren und Illustratoren Ost arbeiteten nicht unbedingt weniger vielschichtig und kreativ als ihre Kollegen West. Dem Regime zum Trotz. Auch diese Erkenntnis ist kein Kinderkram.

Die Ausstellung ist bis 9. Juni in der Barockscheune Volkach zu sehen. Öffnungszeiten: Freitag 14–17 Uhr; Samstag, Sonntag, Feiertage 11–17 Uhr

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