BAD KISSINGEN

Die Herren mit den weißen Turnschuhen

Eine Open-Air-Matinee der Extraklasse gab es am Finaltag des Kissinger Sommers mit dem Canadian-Brass-Quintett. Vergnüglich stimmten die Herren mit den weißen Turnschuhen das Publikum im mäßig besetzten Innenhof des Luitpoldbads mit dem Programm „Das Original“. Vielleicht hatte die Sonne manchen fern gehalten: Sie knallte erbarmungslos auf den Mittelblock, drohte mit Sonnenstich, was zu kuriosen Kopfbedeckungen führte – vom Programmheft bis zum Taschentuch.

Canadian Brass gibt es seit 1970, und mit dabei ist immer noch Gründungsmitglied Tubist Chuck Daellenbach, inzwischen 73 Jahre alt, der mit charmant amerikanischem Akzent auf Deutsch durch das Programm führte. Das Markenzeichen von Canadian Brass: überbordende Spielfreude, genreübergreifende Musikauswahl und Virtuosität auf den Instrumenten.

Sie durchwanderten Musikepochen so stilsicher, als hätte H. G. Wells ihnen eine Zeitmaschine in die Vergangenheit geliehen. Ob Renaissance, Barock oder Klassik – sie adaptieren Gabrieli, Bach und Mozart und erweckten sie zu neuem Leben. Ob Gershwin oder die Beatles, die für vier Fünftel des Quintetts bereits „Klassiker“ sind, weil sie noch nicht geboren waren, als die „Pilzköpfe“ ihre Erfolge feierten. Verblüffend die Meisterhaftigkeit der Trompeter Caleb Hudson und Chris Coletti, des Hornisten Jeff Nelsen, Posaunisten Achilles Liarmakopoulos und Tubisten Daellenbach.

Mit dem Gospel „A closer Walk to thee“ – anfangs im Trauermarschmodus a la New Orleans gespielt – erklommen sie lässig die Bühne. Immer waren sie in Bewegung – außer bei Mozarts „Zauberflöte“-Ouvertüre, die sie tatsächlich einmal als Quintett vor Lap-Top-Notenständern sitzend präsentierten. Dynamische Effekte erzeugten sie mit Positions- und Richtungswechseln der Instrumente und beschallten hervorragend den Innenhof, der für solche Ensembles akustisch hervorragend geeignet ist.

Das Grande Finale setzten sie mit einem ausgefallenem „Ballett-Potpourri“: Faszinierend und hinreißend der Trompeten-Pas-de-deux mit den hin- und her tänzelnden exzellenten Hudson und Coletti, denen einzig Posaunist Liarmakopoulos im rosa Tutu die Show stahl oder Daellenbach, der mit der Tuba den sterbenden Schwan mimte oder Posaunist Nelson, der mit dem Horn eine nicht enden wollende Biellmann-Pirouette drehte.

Jubelnder Beifall und drei „Mehrstücke“, wie Daellenbach die Zugaben ankündigte.

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