Die Hölle in uns allen

Bei Dante war der Ort der Verdammnis ein Loch in der Erde. So einfach wie im Mittelalter ist es nicht mehr. Weil die Hölle in uns selbst ist und um uns herum. Jedenfalls ist das in der Krimi-Literatur so.
Bösewichter im Inferno: Höllendarstellung im mittelalterlichen „Hortus Deliciarum“-Manuskript. Foto: wped

Ein „schreckliches, geflügeltes Wesen“ entwich dem Loch und schrie auf Russisch: „Ich hab' euch alle erobert!“ Eigentlich hatte das internationale Wissenschaftlerteam mit einer Tiefenbohrung in Sibirien Erdbebenforschung betreiben wollen. Doch nach einigen Kilometern war man auf einen Hohlraum gestoßen, aus dem nicht nur der flugfähige Dämon, sondern auch giftige Gase und „Schmerzensschreie der Verdammten“ drangen. Man hatte aus Versehen die Hölle angebohrt . . .

So jedenfalls liest sich eine Geschichte, die sich 1984 zugetragen haben soll, auf diversen, esoteriklastigen Internet-Seiten. Auch ein angeblicher Augenzeuge wird zitiert: Er glaube „weder an den Himmel noch an die Bibel, aber als Wissenschaftler glaube ich jetzt an die Hölle“. Das Loch wurde zugeschüttet, der Vorfall jahrelang geheim gehalten. Steht auch im Internet.

Selbst Dante Alighieri (1265-1321) hätte sich kein wirkungsvolleres Szenario ausdenken können. Dank seiner „Göttlichen Komödie“ ist der Florentiner noch heute der Großschriftsteller der Hölle. In 33 Gesängen beschreibt er seinen Abstieg in die Unterwelt. Die ist ein Loch, irgendwo in der Erdscheibe, das sich trichterförmig verengt. Je tiefer er steigt, desto heftiger fallen die Qualen für die Verdammten aus, die er beobachtet. Ganz unten lauert der Teufel.

Die Angst vor der Hölle war im Mittelalter so real wie heute die Angst vor der Klimakatastrophe. An ihrer Existenz zweifelte niemand. „Wie Gott allgemein angeordnet hat, steigen die Seelen derer, die in einer tatsächlichen schweren Sünde verschieden, sofort in die Hölle hinab“, schrieb Papst Benedikt XII. in der Konstitution „Benedictus Dei“ von 1336. Der Aufenthalt dort drunten kann sehr, sehr lange dauern. Innozenz IV. lehrte 1254: „Wer aber ohne Buße in der Todsünde stirbt, wird ohne Zweifel von der Glut der ewigen Hölle auf immer gepeinigt.“ Die katholische Kirche machte seinerzeit gute Geschäfte mit der Angst vor ewiger Verdammnis: Der Handel mit Ablassbriefen boomte.

Noch heute gehören die Aussagen der beiden mittelalterlichen Päpste zu den „Glaubenswahrheiten“ der katholischen Kirche. Aber glaubt noch jemand ernsthaft an die Existenz der Hölle? 1999 waren es laut „European Values Study“ in Deutschland immerhin 15 Prozent. In der Geistesgeschichte ist sie nach wie vor präsent – nicht nur in der Mär von der sibirischen Hölle. Auch in der Literatur, stets ein Spiegel des Gedachten und Geglaubten, hinterlässt des Teufels Behausung Spuren – subtiler freilich, als es ein Loch in der Erde ist.

„Die Hölle ist eine psychologische Metapher“, sagt Ina Bergmann. Die Privatdozentin, die an der Würzburger Universität Amerikanistik lehrt, hat sich mit modernen Serienmörder-Romanen befasst. Die Hölle, so Bergmann, sei darin kein geografischer Ort, sondern eine „Unterwelt der Seele“. Die Akademische Rätin nennt Beispiele: In Matthew Pearls „The Dante Club“ wird ein Ex-Soldat zum Mörder – traumatisiert von Erlebnissen im Bürgerkrieg. Bei Caleb Carr („The Alienist“) wurde der Täter als Kind missbraucht. Erik Larson macht in „The Devil in the White City“ letztlich die Entfremdung des Menschen in der Großstadt verantwortlich. Das Buch basiert auf der wahren Geschichte des Serienmörders H. H. Holmes (1860-1896). All diese Geschichten spielen an der Wende zum 20. Jahrhundert, an der Naht zur Neuzeit. Industrialisierung, Anonymisierung, Verlust der Heimat und immer enger werdende Lebensräume lassen die Stadt selbst zur Hölle werden. Die Massengesellschaft gebiert das Böse. Der American Dream zeigt seine dunkle Seite.

„Häufig wird Teufels- und Höllenmetaphorik verwendet. Die Täter werden in den Romanen als ,Teufel‘ oder ,Satan‘ bezeichnet, um die Monstrosität des Täters und seiner Verbrechen fassbar zu machen“, erklärt Ina Bergmann. Fahnder und Ermittler machen sich, wie einst Dante, im übertragenen Sinn auf einen Abstieg in die Hölle, wenn sie die Motive des Täters nachvollziehen, sich in ihn hineinversetzen.

Dass die Morde soziologisch oder psychologisch erklärbar werden, macht das Geschehen nicht weniger beunruhigend. Im Gegenteil. Denn wenn die Hölle im Menschen selbst steckt und in dem Umfeld lauert, das er sich schafft – wie kann er ihr da entkommen? Die Vorstellung einer Hölle als Loch in der Erde erscheint im Vergleich dazu simpel, beinahe tröstlich. Man kann sie so leicht beseitigen. Vorschlag eines Internet-Chatters zum Thema Hölle unter Sibirien: Man hätte das Loch mit Wasser vollpumpen sollen. Mal sehen, ob der Teufel schwimmen kann . . .

Ina Bergmann liest am 17. Januar zum Thema „From Hell: Dante, Tod und Teufel im amerikanischen Serienmörderroman“. Die Veranstaltung ist Teil der Ringvorlesung „Höllenfahrten“ (noch vom 10. bis 31. Januar, dienstags, 19.30 Uhr, im Hörsaal 166 der Uni am Würzburger Sanderring). Die Vorlesungen richten sich an jedermann.

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