WÜRZBURG

Die Kunst des Hiroyuki Masuyama: Zum Raum wird hier die Zeit

Hiroyuki Masuyama vor seiner Arbeit „Weltreise”, die auf einer Erdumrundung per Flugzeug entstanden ist. Foto: Johannes Kiefer

„Perfektion ist langweilig“, sagt Hiroyuki Masuyama. Unerreichbar sowieso. Und doch gibt er keine Ruhe, bevor er eine Idee, eine Inspiration so gut umgesetzt hat, wie irgend möglich. „Im Kopf ist die Idee immer superperfekt“, sagt er, aber dann kommen die Fehler meiner Hände, beim Konzept, bei der Finanzierung. Und dann übe und arbeite ich, bis ich zufrieden bin. Es kommt auf diesen Prozess an, nicht so sehr auf das Resultat.“

Das ist schwer zu glauben, denn wenn es ein Attribut gibt, das die Arbeiten des 1968 im japanischen Tsukuba geborenen Künstlers nahelegen, dann ist es „perfekt“. Er selbst würde niemals eine seiner Arbeiten so bezeichnen, schon deshalb, weil die kleinen Fehler, die möglicherweise nur er erkennt, durchaus gewollt sind. Aber dass die Menschen, die ihn kennen, ihn als Perfektionisten bezeichnen, das immerhin gibt er zu.

Blumen aller Jahreszeiten blühen gleichzeitig

„Welt / Reise / Zeit“, heißt die fabelhafte neue Wechselausstellung mit Arbeiten von Hiroyuki Masuyama im Würzburger Kulturspeicher, die tatsächlich in nur zwei Räumen Blick und Bewusstsein des Betrachters durch alle erdenklichen Dimensionen führt.

Da ist die über 30 Meter lange hinterleuchtete Fotobahn mit dem Titel „Flowers“. Auf den ersten Blick einfach eine riesige Blumenwiese mit allerhand Blüten, Stauden, Stängeln. Was sich erst auf den zweiten Blick erschließt: Dies ist eine vollkommen unmögliche – in Hiroyuki Masuyamas Welt ideale – Blumenwiese. Es blühen auf ihr Blumen aller Jahreszeiten gleichzeitig: Narzissen neben Mohn neben Löwenzahn neben Maiglöckchen. Wer genau hinschaut, wird erkennen, dass es sogar Fleckchen gibt, an denen noch Schnee liegt. Masuyama hat für die Strecke Tausende übers Jahr aufgenommene Einzelbilder digital zusammenmontiert.

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt

Ebenfalls unmöglich: den Sternenhimmel der nördlichen wie der südlichen Hemisphäre gleichzeitig betrachten. Bei Hiroyuki Masuyama nicht. Im Foyer des Kulturspeichers steht seine große Holzkugel „0 (Star Sphere)“, die der Betrachter durch eine kleine Luke von unten betritt. Ist die lichtdichte Luke geschlossen, leuchten plötzlich Myriaden von Sternbildern auf. Masuyama hat 30 000 winzige Löcher in die Kugel gebohrt – akribisch genau so, dass sie das nächtliche Firmament des Südens wie des Nordens wiedergeben. Einen Titel von Peter Handke bemühend, könnte dieses faszinierende Kunstwerk auch „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ heißen.

Hiroyuki Masuyamas Arbeiten entstehen in jahrelangen Lern- und Arbeitsprozessen, sie sind immer die Summe akribisch definierter und befolgter Regeln. Sie sind Weltentdeckung und Weltaneignung, vielleicht sind sie aber auch deren Gegenteil. Hiroyuki Masuyamas Arbeiten bilden nicht die äußere Welt ab, sondern Welten, wie sie sein könnten, zumindest aber wie er sie erlebt.

Der Montblanc wie nur der Künstler ihn sieht

Die prachtvolle Lichtbox „Montblanc“ etwa zeigt das wohlbekannte Bergmassiv mit Felsen, Gletschern und Vorbergen. Wieder ein vermeintlich ganz normales Foto. Entstanden ist es so: Nach einer Reise in die Schweiz hat Masuyama daheim in Düsseldorf, wo er sein Studium abgeschlossen hat und heute noch lebt, seine Erinnerungen an die Berge gezeichnet. Und ist dann wieder in die Schweiz gereist, hat den Montblanc mehrfach mit dem Hubschrauber umkreist und fotografiert und dann aus diesen Fotos am Computer den Berg seiner Erinnerung rekonstruiert. Das Bild zeigt also nicht, was alle sehen, sondern das, was Masuyama erinnert. Als hätte Caspar David Friedrich Pate gestanden.

Immer findet sich ein serielles Prinzip, das den  Arbeitsprozessen des Künstlers  eine meditative Dimension verleiht. Für „Weltreise“, eine weitere hinterleuchtete Fotobahn, hat Hiroyuki Masuyama einmal die Erdkugel in Linienflugzeugen umrundet und alle 20 Sekunden ein Foto aus dem Fenster in der immer gleichen Perspektive gemacht. Nichts daran hat er in diesen 48 offenbar gänzlich schlaflosen Stunden automatisiert: weder den Auslöser, noch die Zeitsteuerung. „Ich habe immer wieder bis 20 gezählt und dann abgedrückt“, erzählt er und lacht. „Danach war mein Kopf vollkommen klar.“

Einmal um die Welt in wenigen Sekunden

Aus den abertausenden Aufnahmen hat er eine Visualisierung von Zeit und Raum montiert: Der Betrachter kann an dem Bild entlanggehend einmal die Welt umrunden. Sehr schnell drängt sich hier die Assoziation an das Gedankengut der deutschen Romantik auf. Fast scheint es, als sei hier ein Dialog aus Wagners „Parsifal“ visualisiert. Parsifal: „Ich schreite kaum, doch wähn' ich mich schon weit.“ Gurnemanz: „Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit.“

Am direktesten umgesetzt ist der Bezug zur Romantik in der Serie „Joseph Mallord William Turner“. Hiroyuki Masuyama hat Turners Italienreisen der Jahre 1802 bis 1844 nachvollzogen und genau die Stellen aufgesucht, an denen dessen Reiseaquarelle entstanden. Dort hat er wiederum Hunderte Bilder aus der möglichst gleichen Perspektive gemacht – in jedem denkbaren Licht zu jeder Tageszeit. So hatte er digitales Material, aus dem er per Fotoshop Schicht für Schicht, Farbe für Farbe Turners Motive sozusagen nachbauen konnte.

Turners Würzburg-Motive sind zurückgekehrt

Verblüffend ähnlich und doch verblüffend anders sehen die Bilder im Originalformat aus. Die Bilder sind Reflexionen über Vergänglichkeit, Wandel, Zerstörung und neues Entstehen. Masuyama: „Ich will eine Brücke sein zwischen Vergangenheit und Zukunft.“ Natürlich haben sich die Motive in 200 Jahren verändert. Eine Vaporetto-Station in Venedig etwa ist auf dem Turner-Original natürlich nicht zu sehen. „Das ist Turners Meinung“, sagt Hiroyuki Masuyama auf die Frage, wie er denn derlei Abweichungen rechtfertige, „und das ist meine Meinung.“

Zweimal übrigens hat Turner auch Würzburg gemalt, den Blick vom Käppele Richtung Festung. Die Aquarelle hängen in der Tate Britain in London. Nun sind sie für ein Weilchen an ihren Entstehungsort zurückgekehrt. In der höchst persönlichen Interpretation von Hiroyuki Masuyama.

Würzburger Kulturspeicher: Hiroyuki Masuyama, „Welt / Reise / Zeit“, 4. August bis 4. November, Di. 13-18, Mi., Fr., Sa., So. 11-18, Do. 11-19 Uhr

Himmelsweltkugel: In der Arbeit „0 (Star Sphere)“ kann der Besucher den Sternenhimmel der südlichen wie der nördlichen Halbkugel gleichzeitig betrachten. Foto: Johannes Kiefer
Zwei Würzburg-Motive hat William Turner gemalt. Nun sind sie in der Interpretation von Hiroyuki Masuyama für ein Weilchen zurückgekehrt. Foto: Johannes Kiefer

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