WÜRZBURG

Die beglückende Zeitlosigkeit Leonard Bernsteins

Kim Criswell, Spezialistin für Bernstein-Heldinnen Foto: Mathias Wiedemann

Vielleicht hätte man das ja kurz durchsagen können. Etwa so: „Das Konzert beginnt erst um 20.30 Uhr.“ Die Verzögerung an sich war durchaus sinnvoll, schließlich hatte man wetterbedingt das Konzert „Happy Birthday, Lenny!“ vom Landesgartenschau-Gelände in den großen Saal der Hochschule für Musik verlegen müssen. Das hatten möglicherweise nicht alle Besucher im Internet gelesen, wo es schon nachmittags zu erfahren war. Man gab also den Nachzüglern ein wenig Zeit, um vom Hubland in die Würzburger Innenstadt zu hasten.

Denen, die schon im Saal waren, bot sich hingegen ab 20.20 Uhr ein sonderbares Schauspiel: Da betrat ein Orchester in aller Gelassenheit, Mann für Mann, Frau für Frau, die Bühne, da wurde gefiedelt, gedudelt, probiert, geklönt, bis endlich alle da waren. Sie taten dies im Wissen, dass es ja erst 20.30 Uhr losgehen sollte, auf diejenigen im Saal, die die Verzögerung nicht mitbekommen hatten, wirkte das nicht wirklich motiviert.

Die ganze Palette von Schmelz bis Schmiss

Ein voreiliges und ungerechtes Urteil, wie sich schon mit den ersten Tönen von Leonard Bernsteins Ouvertüre zu „Candide“ herausstellt: Das WDR-Funkhausorchester hat die ganze Palette von schmelzig bis schmissig drauf, vielleicht mit einer Vorliebe Richtung schmissig. Das Stück kommt hochpräzise bis in die kleinsten Geigen-Einsprengsel. Chefdirigent Wayne Marshall lenkt den riesigen Apparat eher wie ein Bandleader als wie der klassische Dirigent – bei Bernstein mehr als angemessen.

Im August wäre Leonard Bernstein 100 Jahre alt geworden, daher der Titel des Konzerts, das Mozartfest und Landesgartenschau gemeinsam veranstalten. Erste Erkenntnis des Abends: wie zeitlos doch diese Musik ist, obwohl sie sich so großzügig beim Jazz der 50er und bei den Klassikern der frühen Moderne bedient. Stilrichtungen, die heute als historisch zu gelten haben, in den Musicals, Opern und Balletten von Leonard Bernstein wirken sie frisch und unverbraucht.

Es gibt nur gute und schlechte Musik

Kommt natürlich auch darauf an, wie man sie spielt. Oder singt. Die Sängerin und Entertainerin Kim Criswell kann da getrost als maximal kompetente Fachfrau gelten: Sie beherrscht mit beglückender Souveränität den Balanceakt zwischen locker und intensiv, zwischen Spaß und Tiefe. Das berühmte Zitat, dass die Einteilung in U- und E-Musik unsinnig sei, sondern es nur gute und schlechte Musik gebe, wird – neben vielen anderen – vor allem Leonard Bernstein zugeschrieben.

Seine Musik jedenfalls bestätigt es vollumfänglich, und Kim Criswell ist es wesentlich zu verdanken, dass es auch einleuchtet. Die Frage, ob das nun Jazz sei oder Klassik, stellt sich nicht, obwohl sich abschnittweise durchaus zuordnen lässt, wo gewisse Wurzeln liegen – bei den Bigband-tauglichen Bläsersätzen etwa, oder den hochromantischen Streicher-Kantilenen.

Längst überfällige Wiederentdeckung

Kim Criswell beherrscht die Bühne, sobald sie sie betritt. Sängerische Makellosigkeit bis in bemerkenswerte Höhe verbindet sie mit umwerfendem Showtalent. Im Song „I Can Cook, Too“ aus dem Musical „On The Town“ beschreibt sie ihre Talente als Frau buchstäblich so heiß, dass man sich wundert, dass im prüden Amerika der 50er die Zensur nicht einschritt. Am Rand der Satire bewegt sich die Jeremiade der Ehefrau aus der Oper „Trouble In Tahiti“, die einen soeben gesehenen Kinofilm verreißt. Und dann plötzlich „Somewhere“ aus der „West Side Story“ – zutiefst anrührende Vision eines Ortes, an dem es keinen Hass mehr gibt.

Wer „I Feel Pretty“ vermisst, wird mit den Sinfonischen Tänzen zur „West Side Story“ entschädigt – wieder eher Richtung schmissig, was die intimen Momente etwas flüchtig erscheinen lässt. Stehender Applaus des gut gefüllten Saals für eine längst überfällige Wiederentdeckung.

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